Mönche in Burma: Revolution der roten Roben

Aus Rangun berichtet Ruth Fend

Burmas Mönche wurden jahrzehntelang vom Regime verfolgt und unterdrückt, noch heute dürfen sie nicht wählen, keine Zeitung lesen, sich politisch nicht engagieren. Doch viele der buddhistischen Geistlichen begehren auf. Besuch bei einem Revolutionär in Mönchskutte.

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Da liegt der Mönch also. Durch das offene Fenster im ersten Stock dringt das Schnattern von Straßenverkäufern und Kindern herein, das Bellen streunender Hunde und das dröhnende Tuten eines vorbeifahrenden Zuges. Dass Panda Vam Sa hier ein Mittagsschläfchen halten kann, grenzt an ein Wunder.

Das Kloster liegt hinter einer verlotterten Bahnstation mitten in Burmas größter Stadt Rangun. Ihm fehlen die Ruhe und der Zauber der prächtigen, vergoldeten Tempel und Pagoden, die Touristen in den alten Königsstädten bestaunen. Verstreut stehen zwischen Schotterwegen ein paar Gebäude, die gewöhnliche Wohnhäuser sein könnten. Für Abt Panda Vam Sa ist das eine gewaltige Verbesserung: Bis zum Februar waren die Klostertüren verrammelt - und er selbst war hinter Schloss und Riegel. Der 55-Jährige ist ein hartgesottener Revolutionsveteran.

Auch er wurde von dem Wandel überrascht: Ein General legt die Uniform ab, er lässt bei Nachwahlen

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Veteranen der Revolution: Burmas Mönche warten noch auf den Wandel
zum Parlament auch die Opposition zu, er nimmt Kontakt zur Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi auf, sie gewinnt ihren Wahlbezirk. Das Land verändert sich wie im Zeitraffer.

Die Angst der Junta vor den Glaubensmännern

Jetzt steht Panda Vam Sa gemächlich von seiner dünnen Bastmatte vor dem Buddha-Altar auf. Er wickelt seine orangefarbene Robe neu, setzt sich die Brille auf und gleich wieder ab. Er ist bereit zum Gespräch.

"Die jungen Mönche brauchen Führung, sonst geht die aktuelle Dynamik wieder verloren", gehört zum ersten, was er sagt. Er denkt nicht daran, sich künftig aus der Politik herauszuhalten. Weder nach den fünf Jahren, die er eben erst im Gefängnis verbracht hat, noch nach den sieben Jahren nach 1990. "Wenn die Leute in den Verhören gefoltert werden, haben sie danach oft Angst vor der Politik. Aber ich habe den Test schon bestanden", lacht Panda Vam Sa und entblößt ein vom Betelnusskauen rotbraun gefärbtes Gebiss.

Stolz zeigt er Narben auf Knien und Füßen, Schnittwunden von der Folter. "Ich habe keine Angst mehr."

Umso größer ist seit jeher die Angst der Militärjunta vor den 500.000 buddhistischen Glaubensmännern. Denn die sitzen nicht nur im Lotussitz herum und meditieren. 2007 hält die Welt den Atem an, als 50.000 von ihnen demonstrierend durch die Straßen Ranguns ziehen - und ebenso niedergeschossen werden wie andere Zivilisten. Doch nicht erst seit der "Safran-Revolution" mischen Burmas Mönche kräftig in weltlichen Dingen mit. Schon als 18-Jähriger ist Panda Vam Sa bei einem Aufstand dabei.

Im Westen reibt man sich die Augen über die aktionistischen burmesischen Mönche, die nicht recht zum Bild des Buddhismus passen mögen. Dessen Lehre sagt: Die Welt ist voller Leid, es entsteht mit jeder Geburt. Um sich von dem Leid zu befreien und ins Nirwana einzutreten, ins große Nichts, muss der Praktizierende jegliches Verlangen ablegen. Was am besten durch Meditation und Konzentration gelingen soll. Warum also etwas an den bestehenden Verhältnissen ändern?

Mönche haben kein Wahlrecht, dürfen keine Zeitung lesen

"Buddha hätte ein demokratisches System vorgezogen", ist Panda Vam Sas einfache Antwort. "Im indischen Staat Madhala, wo er vor 2500 Jahren lebte, gab es schließlich auch 500 Prinzen, nicht einen." Die Mönchsgemeinschaft selbst ist demokratisch organisiert: Alles muss miteinander abgesprochen werden. Doch schon seit Jahrzehnten lässt die Militärregierung die Mönche nicht mehr in Ruhe. "Die Mönche sollen nur den Lehren des Buddha folgen. Aber sie sind nicht mehr frei", sagt der Abt.

1981 gründet die Junta eine eigene Mönchsorganisation. Bei ihr müssen die Mönche sich registrieren. Als Panda Vam Sa aus dem Gefängnis kommt, muss er sich wieder melden, sonst kann er nicht in sein Kloster einziehen. Früher lebten in den fünf nebeneinander liegenden Klöstern jeweils 25 Mönche. Seit der Safran-Revolution 2007 dürfen in Rangun nicht mehr als fünf Mönche zusammenleben. Gleich auf der anderen Seite von Panda Vam Sas verlottertem Kloster steht ein ganz neues, frisch getünchtes Gebäude. Ein Regierungskloster mit 55 Mönchen. Panda Vam Sa geht davon aus, von ihnen bespitzelt zu werden.

Die Mönche in Burma haben kein Wahlrecht, dürfen keine Zeitungen und politischen Magazine lesen, keinen Kontakt zur Oppositionspartei National League for Democracy (NLD) pflegen. "Aber weil wir unterdrückt werden, denken wir ständig an Politik. Beim Studieren der Sutras, beim Beten, beim Meditieren - die ganze Zeit denken wir an Politik", sagt Panda Vam Sa. Wie sein berühmter tibetischer Glaubensbruder, der Dalai Lama, lacht der burmesische Abt viel. Er gestikuliert oft, seine Augenbrauen ziehen sich über der Nasenwurzel zusammen.

Es ist die Macht über die Menschen, die die Generäle so fürchten. 90 Prozent der Burmesen sind Buddhisten, und die Klöster die einzige dauerhafte zivile Organisation des Landes. Es ist Tradition, dass Jungen zweimal im Leben für eine Weile ins Kloster gehen. Das erste Mal legen sie im Alter zwischen 10 und 20 eine Kutte an und lassen sich die Haare scheren. Voll Respekt und Verehrung werden die Mönche behandelt. Wenn sie früh morgens in langen Kolonnen bettelnd durch die Straßen ziehen, stehen die Menschen am Straßenrand und füllen ihre Töpfe mit Reis - egal wie bitterarm das Land sein mag.

Porträts von NLD-Ikone Aung San Suu Kyi

"Wenn ich morgens betteln gehe, komme ich an 25 bis 30 Privathäusern vorbei", sagt Panda Van Sa. "Die Regierung hat Angst, dass wir die Leute mobilisieren." Die Sorge ist berechtigt. Trotz des Kontaktverbots zur NLD trifft sich der Revolutionsveteran regelmäßig mit deren Mitgliedern und gibt strategische Tipps. Im Erdgeschoss seines Wohnhauses hängen Porträts von NLD-Ikone Aung San Suu Kyi. Bei ihren Auftritten bildeten Hunderte von Mönchen eine tiefrote, wogende Front am Rand der Bühne.

Auch ohne Wahlrecht haben die Mönche mehr Macht als andere, insbesondere in ländlichen Gebieten, sagt Panda Vam Sa: "Wenn ein Mönch den Leuten sagt, wen sie wählen sollen, dann tun sie das auch."

Vielleicht sind in Burma schon die Gründe für das Mönchsleben zu weltlich, als dass sich die Geistlichen hinter ihren Klostermauern verschanzen könnten. Viele Jungen treibt die Armut ihrer Familien ins spirituelle Leben. Panda Vam Sa wird 1957 in eine der vielen bürgerkriegsgeplagten Gegenden hineingeboren, in der Rebellengruppen und Militärs sich blitzschnell kleine Kinder schnappen. Hätten die Eltern ihn nicht mit sechs Jahren hinter Klostermauern in Sicherheit gebracht, wäre er mit hoher Wahrscheinlichkeit Kindersoldat geworden.

Auch jetzt ist Panda Vam Sa von Ruhe weit entfernt. Zum Meditieren kommt der Abt nur noch abends und nachts. Am Tag nimmt er mit einem Kassettenrekorder buddhistische Vorträge auf und besucht Leute, redet über Politik. Ein Mittagsschläfchen ist da schon das höchste der Gefühle.

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1. klingt ulkig
steelbruch 15.04.2012
Da liegt der Mönch also. Durch das offene Fenster im ersten Stock dringt das Schnattern von Straßenverkäufern und Kindern herein, das Bellen streunender Hunde und das dröhnende Tuten eines vorbeifahrenden Zuges. Dass Panda Vam Sa hier ein Mittagsschläfchen halten kann, grenzt an ein Wunder. erst dachte ich, wieso ein Pandabär dort schläft:::))))
2. Beim Buddha
blob123y 15.04.2012
Zitat von sysopRuth FendBurmas Mönche wurden jahrzehntelang vom Regime verfolgt und unterdrückt, noch heute dürfen sie nicht wählen, keine Zeitung lesen, sich politisch nicht engagieren. Doch viele der buddhistischen Geistlichen begehren auf. Besuch bei einem Revolutionär in Mönchskutte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827438,00.html
was wird hier geschrieben, ich halte mich seit fast 30 Jahren etwa die Haelfte meiner Zeit in Myanmar auf und ich habe unzaehlige Moenche gesehen die Zeitung gelesen haben. Es wird auch hier, vermutlich aus nichtwissen, unterlassen dass etwa 40% der Moenche im Kloster nur tempoaer da sind fuer 1 Woche, fuer ein Jahr, jede Zeitspanne ist moeglich, die duerfen ALLE sehr wohl waehlen. Ausserdem ist der Begriff Moench weit definiert, nur weil einer die rote Kleidung anhat ist er nicht automatisch ein Moench usw.
3. Stadt ist nicht Land
busoph 15.04.2012
Zitat von sysopRuth FendBurmas Mönche wurden jahrzehntelang vom Regime verfolgt und unterdrückt, noch heute dürfen sie nicht wählen, keine Zeitung lesen, sich politisch nicht engagieren. Doch viele der buddhistischen Geistlichen begehren auf. Besuch bei einem Revolutionär in Mönchskutte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827438,00.html
Ich bin quer durch Myanmar gereist und habe zahlreiche Klöster auf dem Land besucht. Dort lief immer der Fernseher, die Kontakte zu ausländischen Besuchern waren zum Teil sehr intensiv und die Leute waren voll im Bilde über die politische Situation im Land und weltweit. Auf dem Land können mitten im Wald plötzlich einige gut eingerichtete Klöster auftauchen. Dort kommt nahezu nie Polizei oder Militär hin. Die Behauptung mit der totalen Unterdrückung der Mönche mag teilweise auf die Größstädte zutreffen. Man muss aber bedenken, dass Myanmar fast doppelt so groß ist wie Deutschland, aber nur halb soviele Menschen dort wohnen. Die Infrastruktur ist zum Teil miserabel. In manche Regionen kommt man nur zu Fuß oder auf dem Elefanten. Wie soll Unterdrückung im tiefen Hinterland und im Urwald funktionieren? Das ist unmöglich.
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