Mönchsmärsche in Myanmar Barfuß gegen Junta

Sie tragen keine Waffen, sind nur in safranfarbene Tücher gehüllt. Ihre schärfste Waffe: Sie nehmen von Generälen keine Almosen an. So wollen Tausende Mönche in Myanmar das grausame Militärregime stürzen.

Von Jürgen Kremb


Singapur - Ihre Schädel sind kahl, sie marschieren barfuß, in safranroten Roben, stumm. Der Tag scheint dem Strom buddhistischer Mönche zu gehören, der seit fast einer Woche immer wieder durch die Straßen der Hauptstadt Yangoon marschiert und immer größer wird.

Auch die Bevölkerung zeigt inzwischen offen ihre Unterstützung, zehntausend seien gestern schon mitgelaufen mit den Mönchen, heißt es. Andere Zuschauer formen Menschenketten oder sie applaudieren nur. An der Sule-Pagode im Zentrum der Stadt halten beherzte Mönche flammende Reden. Sie sprechen vom Leid und der bitteren Armut der 50 Millionen Bewohner Myanmars. Und fordern den Sturz der Militärs, die seit 1962 das frühere Burma, einst reichstes Land Südostasiens, in Grund und Boden gewirtschaftet haben.

Doch nachts, da demonstriert das Militärregime seine ganze Gewalt. Seit Tagen patrouillieren Armeelastwagen nach Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen Yangoons. Auf der Ladefläche stehen schwerbewaffnete Marineinfanteristen, ausgestattet mit Sturmgewehren. Sie bewachen alle strategisch wichtigen Punkte der Fünf-Millionenstadt.

Um die Shwedagon-Pagode ziehen Uniformierte und Geheimdienstler in Zivil dann einen besonders dichten Gürtel. Denn das größte Heiligtum des Landes, ein 98 Meter hoher Turm, verziert mit 1100 Diamanten, über 1300 Edelsteinen und 13.153 Goldplatten hat immense politische Symbolkraft. Von dort aus führte die mittlerweile unter Hausarrest stehende Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi schon einmal eine Massenbewegung zum Sturz der Militärs. Dieser erste Protest-Versuch endete am 19. September 1988. Da metzelten die Regime-Soldaten tausend friedliche Demonstranten einfach nieder. Ob sich die grausamen Szenen jetzt wiederholen, entscheidet sich dieser Tage.

Junta lebt in Saus und Braus

Sicher wird das Regime, das sich ironischerweise "Sozialer Rat für Frieden und Entwicklung" (SPDC) nennt, nicht friedlich seine Macht abgeben. Im Regierungssitz Naypyidaw im Hochland, 322 Kilometer von Rangoon entfernt, wurde schon am achten September der Befehl an die Truppen und Geheimdienstler erteilt, die Proteste auch mit Waffengewalt zu beenden. In Myanmars zweitgrößter Stadt Mandalay teilten die Schergen der Junta letzte Woche sogar Macheten an die "Vereinigte Gemeinschaft für Solidarität und Entwicklung" aus - eine Schlägertruppe, die in Krisenzeiten die Drecksarbeit für die Generäle erledigt. Auch dass in Yangoon bereits Krankenhäuser geräumt wurden, ist ein Anzeichen dafür, dass die Militärregierung die Demonstrationen bald niederschlagen will.

Aber ganz so einfach dürfte das diesmal nicht gelingen. Denn die Opposition hat aus der langen Unterdrückung durch die Militärs gelernt. Sie wird noch immer geführt von Aung San Suu Kyis Nationaler Liga für Demokratie (NLD), die im Mai 1990 schon gut 80 Prozent der Parlamentssitze gewann. Aus der Haft entlassene Studentenführer der blutig unterdrückten Volksaufstände von 1988 haben sich zudem im Frühjahr erneut formiert: zur Untergrundbewegung "Generation 88".

Und die Geduld der Bevölkerung scheint am Ende. Während die Junta Milliarden aus den Rohstoffeinkommen des Landes scheffelt und selbst in Saus und Braus lebt, sorgt die galoppierende Inflation für bittere Armut. Ein Drittel aller Kinder leidet an Unterernährung.

Als die Generäle am 19. August dieses Jahres die Benzinpreise verdoppelten, schien es genug. Erst gingen nur kleine Gruppen von drei, vier, fünf Studenten und Dissidenten auf die Straße. Brutal ließen die Generäle jeden Widerstand niederknüppeln und die Demonstranten verhaften. Doch Anfang September schloss sich der Klerus den Protesten an, und das bringt das Regime zusehends in Bedrängnis.

Generäle fürchten Fluch der Götter

Denn Myanmar ist nicht nur ein zutiefst buddhistisches Land, die Generäle sind auch überaus abergläubisch. Sollten bei einem allzu harschen Vorgehen der Sicherheitskräfte Mönche ums Leben kommen, würden die Generäle sich nach ihren eigenen Vorstellungen den Fluch der Götter zuziehen. Die Mönche wissen um diese Stärke.

Eine neu formierte Untergrundgruppe "Gewerkschaft junger Mönche" fordert seit Tagen die Bürger in allen Landesteilen dazu auf, sich ihrem Protest anzuschließen. Dabei haben sie zu einer klugen Taktik gegriffen: Die Mönche müssen ihrem Glauben zufolge jeden Morgen ihr tägliches Essen erbetteln. Doch sie weigern sich seit Tagen, Almosen von Militärs und ihren Familienangehörigen anzunehmen. Eine der wirksamsten Waffen der Bewegung. Denn in dem buddhistischen Land kommt das einer Art Exkommunizierung gleich. Offensichtlich wollen die Mönche damit erreichen, dass sich die unteren Ränge des Militärs von der Junta-Führung lossagen.

Und der Klerus wird immer mutiger. Erstmals gingen heute in Mandalay mehr als 10.000 der heiligen Männer in ihren safranroten Roben auf die Straße. Sie fordern längst nicht mehr nur eine Rücknahme der Benzinpreiserhöhung. Sie wollen den Sturz des verhassten Militärregimes. Auch aus anderen Landesteilen wurden schon Demonstrationen gemeldet.

Dass damit das Ende der Militärherrschaft in Myanmar besiegelt ist, bezweifelt der ehemalige Studentenführer Aung Zaw, der heute in Thailand das Exilmagazin Irrawaddy herausgibt, trotzdem. "Die Junta hat noch genug Kugeln und von denen wird sie auch Gebrauch machen", sagt er am Telefon. Dissidenten im Untergrund in Yangoon halten dagegen. Das Volk habe auch genug Hunger, sagen sie, und werde diesmal nicht mehr klein beigeben.



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