Mohamed ElBaradei in Kairo Mubaraks Widersacher mischt sich ein

Er ist Friedensnobelpreisträger, Demokrat, Hoffnungsträger für viele - nun ist er zurück in Ägypten. Mohamed ElBaradei ist am Abend in Kairo eingetroffen und will sich an die Spitze der Protestbewegung setzen. Die erste Machtprobe plant er schon für Freitag.

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash


Um 18.59 Uhr landete seine Egypt-Air-Maschine aus Wien, kurz darauf trat er aus dem Kairoer Flughafengebäude: Mohamed ElBaradei, der Mann, der in den ägyptischen Wirren die Führung übernehmen und Präsident Husni Mubarak ablösen will.

Der Empfang war wenig triumphal: Etwa 30 Journalisten hatten sich eingefunden, von seinen Anhängern noch weniger. Das aber muss nichts bedeuten: Kaum jemand wusste genau Bescheid über seine Ankunftszeit.

Vor einem Jahr war der Empfang noch ekstatisch. Damals hatte ElBaradei angekündigt, bei den Wahlen gegen den Präsidenten Husni Mubarak antreten zu wollen. Auf dem Flughafen feierten ihn diejenigen, die auf Wandel und Demokratie hofften.

"Das Regime soll aufhören, Gewalt anzuwenden!", mahnte ElBaradei gleich nach der Landung, dann machte er sich auf dem Weg in die Stadt. Welche Rolle wird und kann er spielen in den Protesten gegen den Präsidenten, der seit 30 Jahren regiert? Schon am Freitag könnte es klarer werden - dann will der Ex-Chef der Internationalen Atombehörde IAEA an einer Demonstration teilnehmen. Die Opposition hat erneut zu Massenkundgebungen in Kairo und anderen Städten aufgerufen. ElBaradei forderte die Behörden auf, keine Demonstranten mehr festzunehmen und zu foltern.

Hat er das Zeug zur Identifikationsfigur?

ElBaradei ist der Anti-Mubarak. Obwohl er jahrzehntelang als Karrierediplomat diente, gilt er als unbelastet, als jemand, der nie zur korrupten Elite gezählt hat. Seine Kandidatur im Jahr 2010 beflügelte zwar die Hoffnungen der Opposition - doch die von Mubarak geänderte Verfassung machte die Kandidatur eines Unabhängigen faktisch aussichtslos.

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Aufstand in Ägypten: Steine gegen die Staatsmacht
Nun aber, da der Nil-Staat inmitten einer Revolte steckt, scheint plötzlich alles denkbar. Sollte Mubarak aufgeben, würde ElBaradei nur allzu gern übernehmen.

In Kairo sorgten am Donnerstag Gerüchte für Aufregung, Präsidentensohn Gamal Mubarak habe sich mit Frau und Kind nach London abgesetzt - das aber wurde von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei (NDP) umgehend dementiert. Die Regierung Mubarak hüllte sich weiter in Schweigen.

Das einzige Zugeständnis an die Opposition war eine Meldung der staatlichen Medien, wonach das Parlament am Sonntag über Maßnahmen zur Armutsbekämpfung debattieren soll. Auch eine Anhebung des staatlichen Mindestlohns und eine bessere Gesundheitsversorgung stehen auf der Tagesordnung.

"Wenn die Menschen, vor allem die jungen Menschen, möchten, dass ich den Übergang anführe, werde ich sie nicht hängenlassen", hatte ElBaradei vor seinem Abflug in Wien gesagt. "Das Wichtigste für mich ist nun, ein neues Ägypten zu sehen, und zwar eines, das durch einen friedlichen Wechsel erreicht wurde."

ElBaradei ist international renommiert, in Ägypten anerkannt, er ist ein gestandener Oppositioneller. Er hat sich nie auf die Seite einer einzelnen Partei oder Bewegung geschlagen. Er ist als kompromissbereit bekannt.

Einige sehen seine Rolle dennoch skeptisch. Der passionierte Golfer und Opernliebhaber hat die vergangenen zehn Jahre fast vollständig im Ausland verbracht. Ist er noch mit den Sorgen der Protestierenden vertraut? Fehlt ihm nicht das Gespür für das Ägypten von heute?

Trotz des harten Vorgehens der Sicherheitskräfte hatten sich die Proteste zuletzt ausgeweitet. Bei nächtlichen Ausschreitungen wurden in Kairo und auf dem Sinai mindestens zwei Menschen getötet und Dutzende verletzt. Vor dem Außenministerium in Kairo skandierten Demonstranten Slogans gegen die Regierung. In den Städten Ismailija und Suez kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. In Ismailija setzte die Polizei Tränengas, Elektroschockgeräte und Gummigeschosse ein, um Tausende Demonstranten auseinander zu treiben. Auch in der Hafenstadt Alexandria gingen erneut Tausende auf die Straße.

Wenn am Freitag eine neue Massenkundgebung stattfindet, soll ElBaradei reden. Das könnte sein Moment sein, wenn er den richtigen Ton trifft und sich ein Weg an die Macht auftut, der Mubarak-Staat die nötige Schwäche zeigt. Vor allem Letzteres ist noch nicht abzusehen.

Der Ex-Diplomat - er muss sich jetzt als Mann des Volkes, als Demonstrationsanführer bewähren, wenn die Opposition ihn als Führungsperson akzeptieren soll.

mit dpa

insgesamt 3689 Beiträge
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Seite 1
LeisureSuitLenny 27.01.2011
1. Wenn das BKA Facebuck sperren will...
... sollte man also genau hinsehen. Kann sein das da schon längst die Revolution läuft, aber die Medien nicht darüber berichten dürfen. ;)
lynx2 27.01.2011
2. 6% ? Ach, nee?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
lynx2 27.01.2011
3. 6% ? Ach, nee? Gerast?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
Jay's, 27.01.2011
4. Das Jahrzent
des aktiven Widerstands hat begonnen oder die Kettenrevolution nimmt ihren Lauf.
Karapana 27.01.2011
5. Dialog
"Mehrere westliche Regierungen, die enge Beziehungen zur ägyptischen Führung unterhalten, hatten Mubarak und die Regierung in den vergangenen Tagen aufgerufen, einen Dialog mit der Opposition zu beginnen." Da fällt mir ein, das war auch in der DDR das Zauberwort der Kalkköpfe. "Dialog" . Heute kommt noch hinzu: "Regierung der nationalen Einheit". Dabei zeigen die Proteste ja gerade, dass es diese nicht gibt.
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