Mohammed bin Salman Der schwierige Gast

Zwei Monate nach der Ermordung von Jamal Khashoggi reist der saudische Kronprinz durch die arabische Welt - und zum G20-Gipfel in Argentinien. Dort will er offenbar den Kontakt zur Türkei suchen.

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Als Mohammed bin Salman das letzte Mal zu einer großen Auslandsreise aufbrach, konnte er sicher sein, dass ihn seine Gastgeber mit offenen Armen begrüßen würden. Im März war das, der MbS genannte Kronprinz reiste rund zwei Wochen lang durch die USA.

Das Weiße Haus rollte den roten Teppich aus, MbS schob Wirtschafts- und Rüstungsprojekte in Milliardenhöhe an, besuchte die Tech-Elite im Silicon Valley und trank mit New Yorks Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg Kaffee bei Starbucks. Ein voller PR-Erfolg.

Nun hat er sein künftiges Königreich wieder verlassen. Dieses Mal ist jedoch alles anders. Vor zwei Monaten wurde der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi im Istanbuler Generalkonsulat seines Heimatlandes von einem Mordkommando umgebracht, sein Leichnam nach Angaben des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu zerstückelt. Vielesdeutet darauf hin, dass Mohammed bin Salman in den Mordfall verwickelt war.

MbS bei Verbündeten und Vasallen

In den vergangen Tagen besuchte er die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten, am Dienstagabend wird er in Tunesien erwartet und reist Ende der Woche nach Argentinien.

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Saudische PR-Offensive: Ein Prinz auf Reisen

Sein Trip durch die arabische Welt ist vor diesem Hintergrund als Versuch zu verstehen, der Welt zu zeigen, dass MbS weiterhin viele Verbündete hat.

  • Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten hat er sich dafür das passende Land zum Auftakt ausgesucht. Ein herzlicher Empfang war garantiert. Die Herrscher in Riad und Abu Dhabi kämpfen gemeinsam gegen die von Erzfeind Iran unterstützte schiitische Huthi-Miliz im Jemen.
  • Das sunnitische Königshaus in Bahrain ist sicherheitspolitisch in hohem Maße abhängig von Saudi-Arabien. Es waren die Truppen Riads, die während des Arabischen Frühlings 2011 die dortige Revolte der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung gewaltsam im Keim erstickten.
  • Auch Ägypten ist abhängig von MbS. Ohne seine Finanzhilfen wäre das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt kaum mehr überlebensfähig.

Proteste in Tunesien

Anders in Tunesien, dem Vorzeigestaat der Arabellion: Zwar ist für Dienstagabend ein Treffen des Kronprinzen mit dem tunesischen Präsidenten geplant - aber auf den Straßen der Hauptstadt gibt es seit Montag Proteste. Das Land hat eine funktionierende Zivilgesellschaft. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen demonstrierten gegen die Visite.

Die tunesische Journalistengewerkschaft entrollte ein riesiges Poster an ihrem Hauptsitz. Darauf zu sehen: MbS mit Kettensäge - und der Slogan "Keine Schändung Tunesiens, Land der Revolution".

Protestplakat in Tunesien
STRINGER/EPA-EFE/REX

Protestplakat in Tunesien

Die wirkliche Bewährungsprobe liegt indes noch vor dem Kronprinzen: In Argentinien wird MbS das Königreich am Wochenende auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires vertreten - und auf die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer treffen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat bei einem Bundesgericht in der argentinischen Hauptstadt Anzeige gegen den saudischen Kronprinzen erstattet. Er soll verhaftet werden wegen der Folterung und Ermordung Khashoggis.

Dazu wird es nicht kommen. Auch die Begegnung mit Donald Trump dürfte reibungslos ablaufen. Der US-Präsident hält weiter eisern zum Kronprinzen - obwohl mittlerweile selbst die CIA davon ausgeht, dass er die Ermordung Khashoggis in Auftrag gegeben hat.

Partner, nicht Paria

Doch die Treffen mit den Vertretern von EU-Ländern werden schwieriger. Sie fordern seit Wochen eine konsequente Aufklärung von Riad. Diplomatische Distanz ist vordergründig das Gebot der Stunde. Niemand hat Interesse an einem freundlichen Smalltalk oder einem Handshake mit MbS vor den Kameras der Weltöffentlichkeit.

Der künftige König von Saudi-Arabien dürfte indes genau darauf abzielen. Seine Reise kann als Test gedeutet werden. Das Ziel: Alle Welt soll sehen, dass er wenige Wochen nach der Ermordung Khashoggis im Kreis der Mächtigen nicht als Paria, sondern als Partner empfangen wird.

Juan Carlos I und MbS
DPA

Juan Carlos I und MbS

Einmal ist ihm dies auf seiner Auslandsreise bereits gelungen. Am Rande des Formel 1-Rennens in Abu Dhabi traf er Juan Carlos I, den ehemaligen spanischen König - und die staatliche saudi-arabische Nachrichtenagentur machte prompt ein Foto davon.

Die spanische Zeitung "El Mundo" bezeichnete das Bild anschließend als "Foto der Schande", parteiübergreifend gab es Kritik, der Palast in Madrid versuchte die Begegnung kleinzureden.

Treffen mit Erdogan? "Mal sehen"

In Argentinien soll der schwierige Gast zudem ein weiteres Ziel verfolgen: Es geht nicht um Fotos, sondern um eine Unterredung mit Recep Tayyip Erdogan. Der türkische Präsident macht MbS für die Ermordung Khashoggis verantwortlich.

In einem Gastbeitrag für die "Washington Post" schrieb Erdogan Anfang November, man wisse, "dass der Befehl zur Tötung Khashoggis von den höchsten Ebenen der saudi-arabischen Regierung kam". Zugleich glaube er "nicht eine Sekunde lang", dass der saudische König Salman den Befehl erteilt habe. Eine Annäherung wird schwierig.

In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" erklärte der türkische Außenminister Cavusoglu nun aber, MbS habe Erdogan gefragt, ob sie sich in Buenos Aires treffen könnten. Die Antwort des türkischen Präsidenten: "Mal sehen."

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