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Mohammed-Cartoons: Das gefährliche Spiel mit der religiösen Inbrunst

Von Kristina Bergmann, Kairo

Der Konflikt um die umstrittenen Mohammed-Karikaturen verschärft sich: In Damaskus setzten syrische Demonstranten skandinavische Botschaften in Brand. Die arabischen Regimes befördern den Protest - auch wenn er ihnen selbst gefährlich werden könnte.

Kairo - Die anti-europäischen Proteste in mehreren muslimischen Ländern haben am Wochenende an Heftigkeit zugenommen. In Damaskus steckte eine aufgebrachte Menge die dänische und die norwegische Botschaft in Brand. Im Gazastreifen protestierten hunderte Menschen, verbrannten Flaggen europäischer Länder und warfen Steine auf Gebäude der EU.

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Anti-Karikaturen-Protest: Die islamische Welt in Aufruhr
In den Freitagsgebeten hatten die Imame gestern laut und heftig gegen die vorgebliche Unverschämtheit des Westens gesprochen, den Propheten des Islam, Mohammed, in den Schmutz zu ziehen. Weiter kritisierten sie in scharfen Worten die europäischen Regierungen, welche zuschauten, wie die Presse sich über den Islam mokiere und seinen Propheten beleidige.

Kein Prediger von Rang und Namen ließ es sich nehmen, selbst das Wort zu ergreifen. Der bekannte Scheikh Qaradauwi bezeichnete in der Großen Moschee von Qatar den dänischen Karikaturisten als Blasphemiker und die Europäer als Feiglinge. Es sei eine Schande, unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit eine solche Gotteslästerung zuzulassen.

Den Predigern war aber trotz ihrer Erregung deutlich anzumerken, wie froh sie waren, die gesamte muslimische Welt wieder einmal vereinigt zu sehen. Sie riefen die Muslime auf, nun selbst gegen die Karikaturen und gegen Europa zu protestieren.

Wut der islamischen Diaspora

Und die Glaubensbrüder folgten dem Ruf zu Zehntausenden. In Kairo, in Bagdad und in den palästinensischen Gebieten fanden nach den Gebeten die größten Kundgebungen statt. Aber auch in Indonesien, dem größten islamischen Land der Welt, wogten die Emotionen. Protestierenden Muslimen gelang es, in die Eingangshalle eines Gebäudes in Jakarta zu dringen, in dem die dänische Botschaft untergebracht ist. Bevor sie herausgeschafft werden konnten, bewarfen sie die Wächter mit faulen Eiern und Tomaten.

Die umstrittenen Karikaturen waren bereits im vergangenen Herbst in der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" erschienen. Laut dem Chefredakteur sollten sie einen in der Zeitung veröffentlichten Dialog um Meinungsfreiheit illustrieren.

Viele Menschen in der muslimischen Welt fühlte sich durch die satirischen Zeichnungen ihres Propheten beleidigt. Zum einen gilt für Muslime ein Bilderverbot. Zwar ist es keineswegs absolut, und sowohl Fernsehen und Kino als auch das private Fotografieren sind durch Fatwa, also islamische Rechtsgutachten, längst abgesegnet. Geblieben ist aber die absolute Untersagung, Propheten und ihre Familien bildlich darzustellen.

Spott über Religion ist tabu

Im Koran findet sich dazu nur ein einziger Hinweis. Er nimmt die vor dem Islam weit verbreitete Abbildung der Götzenbilder aufs Korn. Der Prophet Mohammed verbot vor allem wegen dieser jegliche Bilder und Kult von sich und empfahl stattdessen die Kunst des Wortes in der Literatur und der Kalligraphie. Außerdem sind in der islamischen Welt Spott, Witze und Karikaturen über die Religion bisher tabu.

Trotzdem machte die islamistische Gemeinde Kopenhagens die Karikaturen im Ausland bekannt. Wegen des Bilderverbots tat sie dies mündlich - im Café, am Telefon und schriftlich auf ihren Websites. Bei Islamisten, aber auch bei weniger gläubigen Muslimen im Nahen Osten und in Asien formierten sich bald Widerspruch und Widerstand. Der Protest wurde beispielsweise auf die in Saudi-Arabien weit verbreiteten dänischen Produkte der dänischen Fima "Arla Foods" übertragen. Die Produkte des Molkerei-Konzerns mussten in Saudi-Arabien Ende Januar aus den Regalen genommen werden, nachdem Kunden sie tagelang boykottiert hatten und sie verrottet waren.

Per Kurzmeldung über ihre Mobiltelefone unterrichteten Saudis Verwandte und Freunde von der erfolgreichen Ächtung. Wie ein Lauffeuer breitete sie sich nach Kuwait, Qatar und in die Vereinigten Arabischen Emirate aus. Der Verkaufsstopp der Produkte am Golf - vor allem Käse - kostet Arla Foods seither täglich 1,5 Millionen Euro. Arla Foods vereint auf sich ein Drittel sämtlicher dänischer Exporte in die Golfregion. Die Firma stellte nun nicht nur ihre Lieferungen zur arabischen Halbinsel ein, sondern kündigte auch den 150 Arbeitskräften vor Ort.

Graben droht sich zu vertiefen

Der massive Protest hat auch andere Gründe als nur religiöse Verletztheit. Die Nerven der Muslime, vor allem der arabischen, liegen wegen der Konflikte im Irak und in Palästina blank. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass der Westen die Muslime ganz allgemein verachtet und eben ihre Religion und Frömmigkeit verantwortlich für die missliche politische Entwicklung in der arabischen Region macht.

Zahllose Muslime bekamen das nach dem 11. September 2001 am eigenen Leib zu spüren, als sie in die USA reisen wollten. Sie erhielten nur schwer ein Visum; bei ihrer Ankunft wurden sie unterschiedslos nach Bomben und Granaten gefilzt. Die Muslime sehen es umgekehrt: Es ist der Westen, welcher den Orient vor allem wegen des Rohöls beherrschen will. Israel gilt den meisten Arabern als westliche Zweitwohnung, von der aus bequem die imperialistischen Träume der USA und Europas verwirklicht werden sollen.

Die Regime springen auf den Zug auf

Karikaturen wie die der Jyllands-Posten wirken in der islamischen Welt wie Öl ins Feuer der Missverständnisse zwischen dem Orient und dem Westen. Die arabischen Regime sind allesamt auf den Zug der Wut aufgesprungen. Riad zog seinen Botschafter aus Kopenhagen ab, Libyen schloss dort seine Botschaft und die Arabische Liga intervenierte bei der dänischen Regierung. Das erstaunte viele Beobachter, zeichnet sich doch, außer Teheran, kein Regime des Nahen Ostens durch besonders tiefe Gläubigkeit und Religiösität aus. Die Rügen gegenüber den dänischen Diplomaten wirkten deshalb weniger als echte Empörung denn als ein Anbiedern an die eigenen Völker.

Gegen diese haben die arabischen Regime seit langem einen schweren Stand. Sie klammern sich an die Macht und bestrafen jede Auflehnung streng, nicht selten mit Folter. Während Widerstand in den sechziger Jahren von links kam, sind die Oppositionellen heute fast ausnahmslos Muslimbrüder und Islamisten. Genau diese hatten jedoch den Protest gegen die Karikaturen initiiert.

Kairo, Damaskus, Riad, Sanaa, Tripolis und all die anderen arabischen Regime können nur hoffen, dass sich die angestaute Wut des kleinen Mannes, welche er nun so lautstark gegen das kleine Dänemark äußert, nicht bald gegen sie selbst richtet.

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