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Mohammed-Cartoons: Jordanischer Chefredakteur wagt Abdruck der Karikaturen - und fliegt

Von Yassin Musharbash

Der Chefredakteur der jordanischen Zeitung "Shihan" ließ drei der heiß umstrittenen Mohammed-Cartoons drucken und stellte in seinem Kommentar die Frage: Was ist schlimmer? Solche Bilder oder Selbstmordanschläge? Seine Herausgeber antworteten mit seiner sofortigen Entlassung.

Anti-dänische Karikatur aus Jordanien (von rechts oben nach links unten zu lesen): "Diese ist anti-semitisch", "diese ist rassistisch", "und diese fällt unter die Freiheit der Rede"

Anti-dänische Karikatur aus Jordanien (von rechts oben nach links unten zu lesen): "Diese ist anti-semitisch", "diese ist rassistisch", "und diese fällt unter die Freiheit der Rede"

Berlin - "Ich habe keine Ahnung, warum der Chef die Bilder drucken ließ", sagte ein Redakteur der Wochenzeitung "Shihan" heute SPIEGEL ONLINE, der lieber nicht namentlich genannt werden möchte. Dass es Probleme geben würde, wenn man in Jordanien drei der zwölf umstrittenen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht - damit habe man schließlich rechnen können. In der Tat: Das kleine Königreich ist islamisch geprägt, der Regent gar ein leiblicher Nachfahre des Propheten Mohammed.

Nur wenige Stunden lang war denn auch die gestrige Ausgabe des Boulevard-Magazins "Shihan" zu kaufen. Dann reagierten die alarmierten Herausgeber: Sie zogen die gesamte Auflage von rund 36.000 Exemplaren ein, entließen Chefredakteur Jihad Momani und kündigten eine Untersuchung an. Auf ihrer Website bezogen sie heute eindeutig Stellung: Die Veröffentlichung der Zeichnungen durch die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" im September 2005 sei "ein Ausdruck der kolonialen-zionistischen Feindschaft gegen die Gemeinschaft der Araber und Muslime". Das alles sei nicht ohne "den Raubzug und die Besatzung (...) in Palästina und im Irak" zu denken. Der Prophet Mohammed, der hier herabgewürdigt werde, sei im Übrigen ein Symbol nicht nur für den Islam, sondern auch für die arabische Nation und ihre Zivilisation insgesamt. Niemals hätten die Bilder im eigenen Blatt erscheinen dürfen: "Einmal mehr bringt die Firma (...) hiermit ihre scharfe Ablehnung (...) zum Ausdruck."

Als die Bilder gestern in "Shihan" erschienen, hatte der Ton des mittlerweile geschassten Chefredakteurs noch anders geklungen. Zwar machte auch er keinen Hehl aus seiner Abscheu gegenüber den Zeichnungen und erklärte, er wolle nur das Ausmaß der dänischen Angriffe zeigen. Aber er warf in seinem mit "Muslime dieser Welt, reagiert vernünftig" überschriebenen Begleit-Kommentar auch selbstkritische Fragen auf. So wies Momani etwa darauf hin, dass die "Jyllands-Posten" sich längst entschuldigt habe - aber "aus irgendeinem Grund will niemand in der muslimischen Welt diese Entschuldigung hören". Noch weitreichender war der folgende Einwurf: "Wer beleidigt den Islam eigentlich mehr? Ein Ausländer, der den Propheten (...) darstellt (...), oder ein Muslim, der mit einem Sprengstoffgürtel bewaffnet auf einer Hochzeitsfeier in Amman ein Selbstmordattentat durchführt (...)?"

"Besser, er hätte es gelassen"

Diese Frage hätte der Ausgangspunkt einer interessanten Debatte sein können. Aber so weit kam es nicht, denn augenblicklich prasselte ein Wutgewitter auf Momani nieder. Ein Regierungssprecher verurteilte die Veröffentlichung umgehend als "großen Fehler" und verlangte eine Entschuldigung. Mittlerweile steht sogar die Überlegung im Raum, die Zeitung zu schließen. Rechtliche Schritte gegen den Redaktionsleiter werden von allen Seiten geprüft. "Auch damit ist zu rechnen gewesen", sagte der jordanische Journalist Fuad Hussein zu SPIEGEL ONLINE. Hussein hat selbst die Erfahrung gemacht, dass man wegen unliebsamer Berichterstattung Ärger bekommen kann, auch wenn Jordanien in Sachen Pressefreiheit im Vergleich zu anderen arabischen Staaten einen Vorsprung hat. Hussein war Mitte der Neunziger Jahre für Wochen im Gefängnis gelandet, weil er die jordanische Regierung für die Erhöhung der subventionierten Brotpreise kritisiert hatte.

Der gefeuerte Chefredakteur Mamoni hielt dem Kreuzfeuer der Kritik jedenfalls nicht Stand. Er veröffentlichte gestern Abend eine Erklärung: "Ich bitte Gott um Vergebung und die Menschen, meine Entschuldigung zu akzeptieren", zitiert ihn heute die "Jordan Times".

Das von SPIEGEL ONLINE befragte Redaktionsmitglied von "Shihan" beteuerte unterdessen, Momani sei ein sehr frommer und national eingestellter Mensch - weder habe er aufwiegeln, noch billig für Auflage sorgen wollen. "Er steht der königlichen Familie nahe", sagte der Mann - das bürgt an sich für eine gewisse Vorsicht. Grundsätzlich habe das Blatt, Jordaniens erste Wochenzeitung, "vor nichts Angst". Aber dass Momani mit dem Abdruck ein Tabu brach, sei wohl unbestreitbar: "Es wäre besser gewesen, er hätte es gelassen". In den kommenden Tagen erhofft sich auch die Redaktion mehr Klarheit darüber, was der Ex-Chef bezweckt hatte und wie genau es zu dem Skandal im Skandal kam.

Boykottaufrufe gegen Dänemark

Jordanien ist moderates islamisches Land, auch wenn der im Irak aktive Qaida-Terrorist Abu Musab al-Sarkawi aus dem armen Königreich stammt und dort über Anhänger verfügt. Der junge König Abdallah II. bürgt wie sein verstorbener Vater Hussein für eine moderate, friedliebende Islaminterpretation, die in nichts mit dem wahhabitischen Staatsislam Saudi-Arabiens vergleichbar ist und auch auf den Ausgleich zwischen muslimischer Mehrheit und christlicher Minderheit achtet. Gestern sah der König sich genötigt, von Washington aus in die schwelende Diskussion einzugreifen. Er verurteile die "unnötige Beleidigung islamischer Sensibilitäten", erklärte er mit Bezug auf die dänischen Karikaturen. Die Reaktionen in Jordanien zeigen, dass längst nicht nur Islamisten sich beleidigt fühlen.

Die Tageszeitung "al-Ghad" brachte dieses Gefühl in einer eigenen Karikatur gestern auf den Punkt: Die von ihrem Zeichner Emad Hajjaj gezeichnete Bilderserie zeigt einen Redakteur der "Jyllands-Posten" beim Prüfen von Karikaturen. Eine Karikatur, auf der ein Hakenkreuz mit einem Davidsstern gleich gesetzt wird, verwirft er mit den Worten "Das ist anti-semitisch". Eine zweite, die einen Schwarzen zeigt, schafft es nicht ins Blatt, weil sie "rassistisch" ist. Erlaubt aber sind bei der "Jyllands-Post" der Karikatur zufolge "Zeichnungen, die sich über den Propheten lustig machen": Eine ganze Serie von Mohammed-Karikaturen hat der Phantasie-Redakteur schon zum Druck frei gegeben. Wer die Originale aus Dänemark kennt, erkennt sie hier skizzenhaft angedeutet und unter Auslassung des Propheten-Gesicht wieder.

Im Gegensatz zu anderen islamischen Staaten wie Indonesien oder Jemen hat es in Jordanien bislang noch keine Demonstrationen oder gar Ausschreitungen wegen der Karikaturen-Affäre gegeben. Aber "an den Supermärkten stehen überall Schilder, auf denen Boykotte gegen dänische Waren verkündet werden", berichtete eine Deutsche, die seit 25 Jahren in Jordanien lebt, heute SPIEGEL ONLINE. Und in der Hauptstadt Amman waren Gerüchte zu hören, dass eine Kundgebung vor dem dänischen Konsulat in Vorbereitung sei.

Es sieht danach aus, als würde Mamonis Frage bis auf Weiteres auch in Jordanien unbeantwortet bleiben.

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