Mohammed-Cartoons: Palästinenser greifen deutsche Vertretung in Gaza an

Die Auseinandersetzungen um die dänischen Mohammed-Karikaturen werden schärfer: Wütende Palästinensern attackierten heute in der Stadt Gaza die deutsche Vertretung und das EU-Kommissionsbüro. Bundeskanzlerin Merkel verurteilte die Gewalttaten, UN-Generalsekretär Annan rief zur Versöhnung auf.

Gaza - Rund zwei Dutzend palästinensische Demonstranten stürmten auf das deutsche Kulturzentrum in Gaza ein, brachen Türen und Fenster ein und setzten die deutsche Flagge in Brand. Andere warfen Steine auf das nahe gelegene Gebäude der EU.

Palästinensische Militanten auf dem Dach des EU-Büros: "Pressefreiheit ist vornehmstes Grundrecht"
AP

Palästinensische Militanten auf dem Dach des EU-Büros: "Pressefreiheit ist vornehmstes Grundrecht"

Die Polizei drängte die Menge zurück. Etwa 50 Schüler versuchten anschließend, die beiden Gebäude erneut anzugreifen. Sicherheitskräfte griffen ein, die Jugendlichen flohen. Das Auswärtige Amt bemühte sich nach Angaben eines Sprechers, Einzelheiten des Vorfalls zu klären. Die Außenstelle in Ramallah stehe mit den palästinensischen Behörden in Kontakt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die Gewalttaten nach der Veröffentlichung der Karikaturen scharf. Sie könne zwar verstehen, dass durch die Karikaturen die religiösen Gefühle von Moslems verletzt würden, erklärte sie auf der Sicherheitskonferenz in München. Dies sei jedoch keine Legitimation für die Anwendung von Gewalt, sondern müsse öffentlich diskutiert werden. Die Pressefreiheit sei ein unerlässlicher Bestandteil der Demokratie, und auch die Religionsfreiheit sei ein hohes Gut. Sie habe den Eindruck, dass dies die gemeinsame Position in der Europäischen Union sei. "Insofern muss sich Dänemark an dieser Stelle nicht verlassen fühlen", so die Kanzlerin.

Auch der bayerische Innenminister Günther Beckstein betonte die Bedeutung der Meinungsfreiheit in Deutschland betont. "Sie ist eines unserer vornehmsten Grundrechte. Die Medien müssen genau abwägen, wie weit sie gehen können, ohne fremde Gefühle zu verletzen und welche möglichen Folgen damit verbunden sind", sagte der CSU-Politiker der "Passauer Neuen Presse". Er sehe deshalb keinen Grund, warum sich Dänemark bei Regierungen islamischer Länder entschuldigen solle. Ob eine Redaktion für den Abdruck um Entschuldigung bitten wolle, müsse sie selbst entscheiden.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte bereits gestern die islamische Gemeinschaft zur Versöhnung aufgerufen. Er teile zwar die Gefühle der Moslems, die die Bilder als verletzend empfänden, dennoch rufe er sie zur Vergebung auf, sagte Annan am Freitag in New York. Es sei wichtig, dass die dänische Zeitung "Jyllands-Posten", die die satirischen Zeichnungen als erste abgedruckt hatte, sich entschuldigt habe. Die moslemischen Gläubigen sollten diese Entschuldigung annehmen und nach vorne schauen. Es gehe nicht an, dass Dänemark oder Europa als Ganzes für das Handeln einzelner bestraft würden.

Vorsitzende der Bischofskonferenz Lehmann kritisiert Karikaturen

Der Chef-Diplomat der Europäischen Union (EU), Javier Solana, rief im Zusammenhang mit den gewaltsamen Unruhen zu mehr Toleranz auf: "Toleranz und gegenseitiger Respekt spielen eine ebenso große Rolle wie das Prinzip der Meinungsfreiheit", sagte Solana der "Bild am Sonntag". "Ich befinde mich im ständigen Kontakt mit Führungspersönlichkeiten islamischer Länder und mit arabischen Regierungen. Ich versuche, die Situation zu beruhigen und rufe zu gegenseitigen Dialog und Respekt auf."

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, äußerte scharfe Kritik an den Karikaturen. "Zu den Grundlagen des Zusammenlebens gehört die Achtung vor dem religiösen Bekenntnis anderer Menschen", sagte der Kardinal dem Blatt. Karikaturen würden dann problematisch, wenn sie an den Kern eines religiösen Bekenntnisses rührten. Dies sei nach Überzeugung vieler Muslime mit den Karikaturen verletzt worden.

Der Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, Udo Steinbach, wirft dem Westen im Zusammenhang mit dem Konflikt sogar Arroganz vor. Die Anzahl der Menschen in der islamischen Welt, die dem Westen kritisch gegenüber stünden, werde größer, sagte Steinbach der in Cottbus erscheinenden "Lausitzer Rundschau". Dazu trage dieser durch seine Arroganz bei. Der Westen glaube noch immer, er könne der Welt Bedingungen in politischer, religiöser und kultureller Hinsicht diktieren, kritisierte Steinbach. In der islamischen Welt werde dies aber immer weniger akzeptiert wird, wie die gegenwärtigen Ereignisse zeigten.

Die umstrittenen Karikaturen seien "von so miserabler Qualität, dass sie nur als Provokation verstanden werden können". So werde in den Zeichnungen eine direkte Verbindung zwischen islamischem Extremismus und dem Propheten gezogen. Mohammed und Terrorismus würden gleichgesetzt. "Das empfinden auch Muslime, die sich von Extremismus und Terrorismus distanzieren, als Beleidigung", betonte der Orient-Experte.

ase/ap/afp/reuters

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