Mohammed-Darstellungen Karikaturist bedauert nichts

Kurt Westergaard steht zu seinen Karikaturen – auch wenn seine Zeichnungen des Propheten Mohammed weltweit Proteste ausgelöst hatten. Allein gestern starben bei Demonstrationen in Libyen elf Menschen. Heute trat der italienische Reformminister Calderoli zurück.


Berlin - Der dänische Karikaturist steht, wie seine elf Kollegen, unter dem Schutz der Sicherheitsbehörden. Trotz der Einschränkungen, die damit verbunden sind und dem ungeheuren Druck, der auf ihm lastet, hält Kurt Westergaard an seiner Karikatur fest. Auf die Frage, ob er die Zeichnung oder deren Veröffentlichung inzwischen bedauere, antwortete er jetzt der schottischen Zeitung "The Herald" kurz und bündig: "Nein".

Wegen der Gefahr, in der Westergaard seit Ausbruch der weltweiten Gewaltwelle schwebt, hatte das Blatt das Gespräch über einen Mittelsmann schriftlich führen lassen. Westergaards Zeichnung - eine von zwölf in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" publizierten - zeigte den Propheten Mohammed mit einer brennenden Zündschnur, die aus seinem Kopf herausragt.


Wie die schottische Zeitung weiter schreibt, habe der Zeichner allerdings nicht erwartet, dass die Karikaturen so heftige Reaktionen auslösen würden. Dem Bericht zufolge erklärte er weiter, zu seiner Karikatur hätte ihn der internationale Terrorismus inspiriert, "der seine geistige Munition aus dem Islam bezieht". Seine Arbeit sei auch ein "Protest dagegen, dass wir bei der Meinungs- und Pressefreiheit vielleicht eine Doppelmoral haben werden".

Auf die Frage, ob er jemals wieder ein normales Leben führen könne, schrieb der Karikaturist: "Ab und zu werfe ich einen Blick über die Schulter, aber ich vertraue auf den PET (den dänischen Geheimdienst). Ich hoffe es."

Über 11 Millionen Dollar für Tötungen ausgesetzt

Der Karikaturenstreit nahm unterdessen in Teilen der Welt an Schärfe zu. In Indien und in Pakistan wurden gar Kopfgelder zur Tötung der zwölf Zeichner ausgesetzt, die allesamt für die dänische Zeitung "Jllyands-Posten" im September 2005 Mohammed-Karikaturen geliefert hatten. Für die Tötung versprach ein Minister des bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaats Uttar Pradesh eine Belohnung von umgerechnet mehr als 11 Millionen US-Dollar (9,6 Mio. Euro). Die Vereinigung der Goldschmiede in der pakistanischen Nordwestprovinz lobte eine Million US-Dollar aus. Mäßigende Stimmen unter Muslimen in Indien verurteilten allerdings den Aufruf des Regionalministers.

Zur Zurückhaltung riefen auch 40 Rechtsgelehrte in Kairo auf. Statt zu demonstrieren, sollten die Muslime in einen Dialog eintreten, um die große Bedeutung des Propheten herauszustellen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung in der ägyptischen Hauptstadt. In Kairo kam es auch zu einem hochrangigen Treffen zwischen dem Großimam Mohammed Sayyed Tantawi von der einflussreichen Al-Aschar-Universität in Kairo und dem dänischen Bischof Karsten Nissen.

Der Großimam schlug dabei zur Lösung des Karikaturen-Streits ein weltweit gültiges Verbot von Beleidigungen religiöser Empfindungen vor. Führende Vertreter der Weltreligionen, darunter er selbst und Papst Benedikt XVI., sollten einen entsprechenden Gesetzestext verfassen, sagte Mohammed Sayyed Tantawi. Bischof Nissen war nach Kairo gereist, um über Auswege aus dem eskalierenden Konflikt zu beraten. Zu Tantawis Gesetzesvorschlag wollte sich der Bischof nicht äußern. Er wies allerdings die Forderung des Imams zurück, der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen müsse sich für die Veröffentlichung der Karikaturen in der Zeitung "Jyllands-Posten" entschuldigen. "Unser Ministerpräsident ist nicht der Herausgeber dieser Zeitung. Er kann sich nicht für etwas entschuldigen, was er nicht getan hat", sagte Nissen. Einig zeigte er sich mit Tantawi lediglich in der Verurteilung der gewaltsamen Proteste gegen die Veröffentlichungen.

Proteste in London und Deutschland

Gleichzeitig dauerten die Proteste gegen die Karikaturen an. In Duisburg gingen am Samstag etwa 2000 Muslime auf die Straße. Die von starken Polizeikräften gesicherte Veranstaltung verlief nach Angaben eines Polizeisprechers friedlich. In Kassel protestierten rund 1500 Menschen friedlich. Nach Angaben der Polizei stammten die meisten Teilnehmer aus der Türkei und aus arabischen Ländern, allerdings seien auch viele zum Islam konvertierte Deutsche dabei gewesen. In London demonstrierten mehrere tausend Menschen. Der Protestzug, zu dem ein Dachverband muslimischer Vereinigungen aufgerufen hatte, bewegte sich vom Trafalgar Square bis zum Hyde Park. Die Polizei sprach von etwa 10.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 40.000.

Rücktritte in Italien und Libyen

Die gewaltsamen Proteste gegen Mohammed-Karikaturen vor einem italienischen Konsulat in Libyen führten zu politischen Konsequenzen in beiden Ländern: In Libyen wurde der Innenminister entlassen, in Italien musste der Reformminister Roberto Calderoli von der fremdenfeindlichen Lega Nord seinen Hut nehmen. Ihm war durch sein umstrittenes Verhalten im Karikaturenstreit eine Mitschuld an der Gewalteskalation gegeben worden, bei der am Vortag elf Menschen getötet und an die 40 weitere verletzt worden waren.

Bei einem Fernsehauftritt hatte Calderoli demonstrativ ein T-Shirt mit den umstrittenen Mohammed-Zeichnungen getragen. Eine einflussreiche Stiftung in Libyen hatte Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi nach den Ausschreitungen in Benghasi aufgefordert, den Minister zu entlassen, da er ein "von Hass erfüllter Rassist" sei.

Wie die Regierung in Libyen mitteilte, sei neben dem Innenminister Nasser al-Mabrouk Abdallah auch der Polizeichef von Benghasi entlassen worden. Dort war es am Freitag zu den gewaltsamen Protesten gekommen. "Wir bedauern, dass es bei den Protesten zu Opfern kam ... wir verurteilen die übertriebene Gewaltanwendung durch die Polizei, die die Grenzen ihrer Befugnisse überschritten hat", hieß es in der Erklärung der Allgemeinen Volksversammlung, die das höchste Legislativ- und Exekutivorgan im Land ist. Die Opfer seien Märtyrer.

Unmittelbar nach den Unruhen in Libyen lehnte Calderoli einen Rücktritt zunächst ab. Erst nach Aufforderungen von Ministerpräsident Berlusconi und Oppositionsführer Romano Prodi lenkte der Minister schließlich ein. "Ich trete zurück", sagte Calderoli knapp. Die Vorwürfe seien dabei eine üble Manipulation, die sich gegen ihn und die Lega Nord richteten.

sev/reuters/dpa/ddp



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