S.P.O.N. - Im Zweifel links Wem nützt die Gewalt?

Eine neue Welle antiwestlicher Gewalt geht durch die islamische Welt. Wie bei allen Verbrechen muss man auch hier fragen: Wer profitiert davon? Zumindest versuchen die US-Republikaner und Israelis Kapital aus der Situation zu schlagen.

Polizeieinsatz bei Demo gegen Mohammed-Film in Kabul: Wem nützt solche Gewalt?
DPA

Polizeieinsatz bei Demo gegen Mohammed-Film in Kabul: Wem nützt solche Gewalt?

Eine Kolumne von


Mit Religion hat das nichts zu tun. Wenn die Straße brennt und der Mob regiert, schämt sich der Glaube. Zügelloser Hass ist das Gegenteil von Vernunft. Aber die Lehre Thomas von Aquins gilt für den Islam ebenso wie für das Christentum: Der Glaube braucht die Vernunft. Diese Gewalt ist keine Sache der Religion, sondern eine der Politik.

Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen, in Ländern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Aber die Brandstifter sitzen anderswo. Die zornigen jungen Männer, die amerikanische - und neuerdings auch deutsche - Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen.

Und dieses Mal auch - wie nebenbei - den US-Republikanern und der israelischen Regierung.

Die neuerliche Welle antiwestlicher Gewalt geht ja zu einem besonderen Zeitpunkt durch die islamische Welt. Sie erreicht ihren Scheitelpunkt gerade in dem Augenblick, da zwei andere Ereigniswellen sich höher türmen: In wenigen Wochen findet die Wahl des amerikanischen Präsidenten statt, und gleichzeitig drängt die israelische Regierung immer heftiger, der angenommenen Gefahr einer iranischen Atombombe mit präventiver Gewalt zu begegnen. Das ist eine bemerkenswerte Koinzidenz.

Kulturelle Katastrophe

Ihren Anfang nahm die Gewalt jetzt mit einem unsäglichen Mohammed-Film aus Hollywood. Unter anderen Umständen wäre das nichts als eine jämmerliche Monty-Python-Kopie. Es wurde daraus jedoch eine kulturelle Katastrophe. Kann man sich vorstellen, dass der kriminelle Kopte, der sich das vermutlich im Gefängnis ausdachte und seine Crew ohne ihr Wissen dafür missbrauchte, in anderem als im eigenen Auftrag handelte? Zumindest traut man den Fundamentalisten im Lager der US-Republikanern und in der israelischen Regierung zu, die unerwartete Schützenhilfe politisch auszunutzen - was sie auch tun.

Weil ja nicht viel für den Herausforderer Mitt Romney spricht, können die Republikaner nur hoffen, dass viel gegen den Amtsinhaber Barack Obama spricht. Schwäche im Nahen Osten zum Beispiel schadet dem Präsidenten. Und Nachrichten über getötete US-Bürger und Bilder von brennenden US-Flaggen - das wird in Amerika als Zeichen der eigenen Schwäche empfunden.

Und auch Israels Premier kamen die Bilder der wütenden Muslime mehr als gelegen. Es war betrüblich mitzuerleben, wie er sie gleich für seine Zwecke nutzte. Am Wochenende forderte Benjamin Netanjahu wieder einmal, man müsse Iran Grenzen ziehen, "bevor es zu spät" ist - und drohte indirekt wieder mit einem israelischen Angriff. Iran werde "von einer Führung mit einem unglaublichen Fanatismus beherrscht", sagte er. Dabei handle es sich um "denselben Fanatismus", der Grundlage der Gewalt gegen zahlreiche westliche Botschaften in der muslimischen Welt in den vergangenen Tagen gewesen sei. "Wollen Sie, dass solche Fanatiker Nuklearwaffen in die Hände bekommen?", fragte Netanjahu im US-Fernsehen.

Verfeindete Weltkulturen

Der Westen reagiert auf den islamischen Zorn mit einer Mischung aus Unverständnis und gespielter Naivität. Als die US-Vertretungen in Bengasi und in Kairo angegriffen wurden, fragte die Zeitung "USA Today": "Warum werden wir so von Leuten behandelt, die wir von mörderischen Diktatoren befreit haben?"

Gemeint ist damit auch der Mann, Husni Mubarak, den US-Außenministerin Hillary Clinton vor seinem Sturz noch einen "Freund meiner Familie" nannte. Es wäre nämlich den Ägyptern ganz neu, dass sie ausgerechnet den USA ihre Befreiung verdanken, von denen das Folterregime in Kairo stets mit Geld und Waffen versorgt worden war.

Eine der vielen Hoffnungen, die Barack Obama enttäuscht hat, galt der entzündeten Beziehung des Westens zum Islam. Linderung, vielleicht gar Heilung, hatte man sich nach seiner berühmten Rede von Kairo im Juni 2009 versprochen. Es wurde nichts daraus. Verwandt und verfeindet stehen sich diese beiden Weltkulturen immer noch gegenüber. Jeder sieht im Gegenüber das eigene andere. Drüben ist jederzeit die Wut abrufbar, hüben jederzeit die Verachtung.

Es sieht nicht nach Besserung aus.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 342 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
M. Michaelis 17.09.2012
1.
In erster Linie schlagen die Islamisten Kapital aus dem Film. Die haben den Film gezielt in Umlauf gesetzt, nach dem er lange und zurecht unbeachtet auf Youtube verfügbar war.
ein-berliner 17.09.2012
2. Leider viel zu wahr
Dem kann man nur zustimmen!
tim-quasineutral 17.09.2012
3. Nicht Ihr Ernst, oder?
"Die zornigen jungen Männer, die amerikanische - und neuerdings auch deutsche - Flaggen verbrennen sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa." Dieser Satz ist doch nicht Ihr Ernst, oder Herr Augstein? Die Täter werden zu Opfern? Kein Wunder, dass es in unserer Welt drunter und drüber geht. Sicher kann man fragen, wer Verantwortung oder gar Schuld für die Ereignisse trägt. Aber die Brandstifter mit den wirklichen Opfern auf eine Stufe zu stellen, ist, mit Verlaub, absurd.
moonoi 17.09.2012
4. die einzige lehre
die ich aus dem verhalten aller beteiligten ziehen kann, ist, dass die Idiotie nicht vom aussterben bedroht ist. schon garnicht wenn sie fuer jemanden nuetzlich sein kann.
bio-res 17.09.2012
5. Die Welt ist einfach verrückt...
...und die Menschen vernichten sich gegenseitig, obwohl sie eigentlich alle schuldig und Sünder sind. Komisch nur, daß das keiner merkt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.