Von Raniah Salloum, Beirut
Es ist eine erschreckende Bilanz: Am Freitag tobten von Tunesien bis Afghanistan Extremisten, vereint in ihrer Wut auf einen vermeintlich den Islam beleidigenden Westen. Im Sudan brannte die Deutsche Botschaft, in Tunis die Privatschule American Cooperative School, im Libanon ein Laden der amerikanischen Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken.
Als Vorwand für die Krawalle gilt ein knapp 15-minütiger YouTube-Clip, der den Islam beleidigt und in den USA produziert wurde. Viele im Nahen Osten gehen davon aus, dass der umstrittene Film von einer amerikanischen Zensurbehörde vor seinem Erscheinen genehmigt werden musste - wie es in ihren Ländern der Fall ist. Dass es sich bei dem Film tatsächlich um ein YouTube-Video handelt, das weder im westlichen Fernsehen noch im Kino gezeigt wurde, ist kaum jemandem bekannt.
Für die Extremisten der arabischen Welt ist der Clip eine willkommene Gelegenheit, um Anhänger zu mobilisieren. Auch die Terrororganisation al-Qaida griff am Samstag das Video auf, um zu weiteren Attacken auf US-Botschaften aufzurufen. Die amerikanischen Diplomaten müssten "aus muslimischen Ländern verjagt" werden, hieß es auf einer dschihadistischen Webseite.
Im Vergleich zu den Massendemonstrationen, die 2011 in Tunis, Kairo oder Bengasi stattfanden, waren es verschwindend wenige, die sich am Freitag versammelten, um westliche Botschaften zu stürmen. Doch die Gefahr, die von den Extremisten ausgeht - allen voran gewaltbereiten Salafisten -, ist nicht zu unterschätzen. Geschickt nutzen sie die Umbrüche im Nahen Osten, um ihren Einfluss auszubauen.
Die Extremisten können von mehreren Faktoren profitieren:
Zeiten des Umbruchs: Der gesamte Nahe Osten ist dabei, sich zu verändern, nicht nur die Länder, die 2011 spektakuläre Revolutionen erlebten. Überall drängen massenweise junge Menschen auf den Arbeitsmarkt, nur auf wenige von ihnen warten wirklich gut bezahlte Jobs. Die Jungen setzen Gesellschaften unter Druck, in denen meist alten Patriarchen die Macht vorbehalten ist. Es ist eine Zeit der Unsicherheit, in der sich Altes auflöst, ohne dass feststeht, was folgt.
Enttäuschung der Jugend: In Ägypten oder Tunesien haben die Wahlen gezeigt: Nicht diejenigen, die demonstrieren, übernehmen hinterher die Macht. Die Revolutionsjugend hat es nicht geschafft, eine einheitliche, starke Partei auf die Beine zu stellen. Stattdessen gewannen die etablierten, alten islamistischen Parteien. Nirgends hat sich bisher die Hoffnung auf bessere Jobs erfüllt. In Syrien sind viele fassungslos, dass sie kaum westliche Hilfe erhalten - auch kaum humanitäre wie Lebensmittel und Medikamente.
Islamistische Parteien im Zwiespalt: In Tunesien und Ägypten ist die bisherige islamistische Opposition erstmals an der Regierung beteiligt - und muss offenbar erst noch lernen, mit der neuen Rolle umzugehen. Bisher haben die Islamisten kein Mittel gefunden, den radikalen Teil ihrer Anhängerschaft zu zähmen. Aus Sorge, dass Unterstützer sich von ihnen abwenden und zu radikaleren Parteien überlaufen könnten, schüren sie die Proteste. Zwar verurteilen sie Gewalt, sie tun jedoch auch wenig, um Eskalationen zu verhindern.
Die größte Gefahr dürfte von Extremisten ausgehen in Ländern, in denen der Staat im Laufe brutaler Kämpfe quasi zusammengebrochen ist.
Sicherheitsvakuum: In Libyen ist es nach dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes noch nicht gelungen, eine neue professionelle Armee und Polizei aufzubauen, die das gesamte Staatsgebiet kontrollieren kann. Die USA vermuten, dass Dschihadisten im Osten des Landes inzwischen Trainingcamps betreiben. Ähnliches gilt in Ägypten für den Norden der vernachlässigten Sinai-Halbinsel. Im syrischen Bürgerkrieg sind extremistische Gruppen dabei, ihren Einfluss auszuweiten. In dem seit Jahrzehnten zerrütteten Jemen haben sich Extremisten längst niedergelassen - darunter der internationale Flügel von al-Qaida, der von dort selbst Angriffe in den USA organisiert.
Aufrüstung: Durch den libyschen Bürgerkrieg ist eine große Anzahl auch schwerer Waffen in den Händen von Dschihadisten gelandet. Es ist zu befürchten, dass mittelfristig auch in Syrien zunehmend Waffen in den Händen von Extremisten landen, die in manchen Regionen die Macht übernehmen könnten.
Profitieren können Extremisten auch von der Unsicherheit, die im Westen angesichts der Umbrüche im Nahen Osten herrscht. Im Zuge der Film-Krawalle reicht derzeit eine einzige Demonstration aus, um weltweite Aufmerksamkeit zu bekommen. Reagieren nun Extremisten in den USA und Europa mit neuen Islam-Beleidigungen, wäre dies weiteres Wasser auf die Mühlen der Dschihadisten.
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