Mohammed-Karikaturen Dänische Muslime lehnen Entschuldigung ab

Dänemarks Muslimen geht die Entschuldigung der Zeitung "Jyllands-Posten" für Karikaturen des Propheten Mohammed nicht weit genug. Die gestrige Erklärung des Chefredakteurs sei unzureichend, kritisiert die islamische Glaubensgemeinschaft. Auch dänische Nationalisten mischen sich jetzt in den Streit ein.


Kopenhagen - Die islamische Glaubensgemeinschaft in Dänemark hatte die Erklärung der Zeitung gestern zunächst begrüßt. Nach einem von Treffen von 27 islamischen Gruppen hieß es jedoch, die Formulierung sei nicht eindeutig. "Es ist keine klare Stellungnahme, in der die Zeitung sich für ihre Beleidigungen entschuldigt und zu ihnen steht", sagte Sprecher Ahmed Akkari.

Dänemarks Ministerpräsident Rasmussen: Bemüht um die Beruhigung der Gemüter
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Dänemarks Ministerpräsident Rasmussen: Bemüht um die Beruhigung der Gemüter

Die Zeitung hatte sich am Montagabend auf ihrer Web-Site für die Karikaturen entschuldigt. Der Chefredakteur von "Jyllands-Posten", Carsten Juste, erklärte, die Zeichnungen hätten nicht gegen dänische Gesetze verstoßen, aber unzweifelhaft viele Muslime beleidigt. Bei ihnen wolle man sich entschuldigen.

Die Büros der "Jyllands-Posten" in Kopenhagen und im Westen Dänemarks wurden gestern Abend geräumt, nachdem ein Anrufer vor Bomben gewarnt hatte. Die Polizei durchsuchte die Gebäude, fand aber keine Sprengsätze. Im Internet riefen irakische Aufständische ihre Anhänger zu Anschlägen in Dänemark und Norwegen auf.

"Jyllands-Posten" erklärte den von ihr betriebenen "Kampf um die Meinungsfreiheit" inzwischen für verloren. Chefredakteur Juste sagte heute nach massiven Straßenprotesten, Boykottaktionen sowie regierungsamtlichen Angriffen aus arabischen Ländern wegen der Zeichnungen in einem Interview mit "Berlingske Tidende": "Ich muss zutiefst beschämt zugeben, dass die anderen gewonnen haben." Er hätte vor vier Monaten niemals die Zustimmung zum Abdruck der Zeichnungen gegeben, wenn ihm die Folgen damals schon klar gewesen wären.

Dänemarks Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen meinte ebenfalls in "Berlingske Tidende", sein Land müsse es nun "mit nicht steuerbaren Kräften" aufnehmen. "Es erfordert einen ganz besonderen Einsatz, um diese wieder dämpfen zu können", sagte Rasmussen weiter. Zuvor hatte er eine umfassende diplomatische Initiative zur Beruhigung in den islamischen Ländern angekündigt. Er äußerte die Hoffnung, dass es nach der von ihm ausdrücklich begrüßten Entschuldigung durch die Zeitung nicht zu den angedrohten Boykottaktionen gegen Dänemark in der islamischen Welt kommen werde.

Zudem warnte Rasmussen vor allen Aktionen gegen muslimische Zuwanderer in Dänemark. Das Fernsehen berichtete dazu von per SMS verbreiteten Boykottaufrufen gegen islamische Geschäfte, hinter die sich auch zwei prominente Abgeordnete der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (DVP) stellten. Diese agiert parlamentarisch als Mehrheitsbeschaffer für die Minderheitsregierung von Rasmussen.

Eine der Karikaturen zeigt Mohammed mit einem Turban in Gestalt einer Bombe samt brennender Zündschnur. Auf einer weiteren Zeichnung hat er ein Schwert in der Hand. "Jyllands-Posten" veröffentlichte sie bereits am 30. September, eine norwegische Zeitung druckte sie im Januar nach. Bereits seit Tagen gab es deswegen Proteste in mehreren islamischen Staaten.

Protest arabischer Außenminister

Der dänische Außenminister Per Stig Møller bestätigte gestern Abend nach seiner Rückkehr von der Afghanistan-Konferenz in London, dass er dort mit Kollegen aus vier arabischen Ländern über Möglichkeiten zur Beilegung der Krise gesprochen habe. Namen wollte er aber nicht nennen. "Wir waren uns einig, dass es ein langer Prozess wird, weil es so viel Zorn auf den Straßen gibt", sagte Møller.

Minister aus 17 arabischen Staaten forderten in einer in der Nacht veröffentlichten Erklärung eine Bestrafung der Verantwortlichen für die Veröffentlichung. In einer Erklärung, die zum Ende eines Innenministertreffens der Arabischen Liga in Tunis veröffentlicht wurde, hieß es: "Wir verurteilen, was von der dänischen Zeitung veröffentlicht wurde, da es die Religion des Islams und ihren hochgelobten Propheten beleidigt".

Die dänische Regierung müsse außerdem dafür sorgen, "dass diejenigen, die für diese Beleidigungen die Verantwortung tragen, bestraft werden und sicherstellen, dass sich etwas derartiges nicht noch einmal wiederholt." Die Minister hatten sich bei ihrem zweitägigen Treffen in Tunesien außerdem dafür ausgesprochen, Internetseiten zu sperren, auf denen zum Terror aufgerufen wird oder auf denen erklärt wird, wie man Sprengsätze herstellt.

Dänemarks Verteidigungsminister Søren Gade teilte mit, dass die 500 im südlichen Irak stationierten dänischen Soldaten wegen einer angeblich von Terroristen ausgestellten "Fatwa" in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden seien. Aus dem Irak wurden gestern erstmals gegen Dänemark gerichtete Protestdemonstrationen gemeldet.

Bei einer Umfrage des Fernsehsenders TV2 erklärten 49 Prozent der befragten Dänen und damit eine klare Mehrheit, dass sie führende Muslime in ihrem Land für die Hauptverantwortlichen am Konflikt um die Zeichnungen halten, weil sie Proteste in andere Länder getragen hätten. 28 Prozent machten "Jyllands-Posten" verantwortlich, die die Karikaturen veröffentlicht hatte. 10 Prozent nannten arabische Regierungen und 9 Prozent die dänische Regierung.

Heute druckte auch die französische Boulevardzeitung "France Soir" die umstrittenen Karikaturen ab. "Ja, man hat das Recht, Gott zu karikieren", hält das Blatt auf seiner Titelseite fest. Man könne von den Karikaturen halten, was man wolle, sie seien jedoch in keinerlei Weise rassistisch gemeint oder setzten eine Gemeinschaft herab, schreibt "France-Soir". In der Kontroverse um die Karikaturen gehe es um das "Gleichgewicht" zwischen dem Respekt von religiösen Überzeugungen und der Meinungsfreiheit in der Demokratie.

lan/dpa/AP



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