Mohammed-Karikaturen "Das war es wert"

Die Bewohner der dänischen Stadt Aarhus sind höchst verwundert: Vier Monate nachdem ihre Zeitung "Jyllands-Posten" Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, eskalieren die Spannungen zwischen Christen und Muslimen plötzlich. Scheitert in Aarhus das multikulturelle Dänemark?

Aus Aarhus berichtet Roman Heflik


Aarhus - Der Anruf kam abends um fünf. Auf Englisch warnt ein Mann die Empfangsdame: Da sei eine Bombe im Gebäude, die werde in zehn Minuten hochgehen. Wenige Augenblicke später flüchten mehr als 200 Redakteure, Sekretärinnen und Drucker aus dem Gebäude der "Jyllands-Posten" am Groendalsvej 3 im dänischen Aarhus. Die Polizei rückt an, kurze Zeit später auch die ersten Journalisten, Fotografen, Fernseh-Übertragungswagen.

Aarhus: Zentrale der "Jyllands-Posten"
AFP

Aarhus: Zentrale der "Jyllands-Posten"

Während drinnen Sprengstoffspürhunde die Redaktionsbüros und die angrenzende Druckerei durchschnüffeln, braust draußen ein weißer Mazda vorbei: Die vier Insassen mit dem südländischen Teint haben trotz der niedrigen Temperaturen die Scheiben heruntergekurbelt. Der Fahrer drückt rhythmisch auf die Hupe, die drei anderen klatschen jubelnd in die Hände. Als der Wagen das hell erleuchtete Zeitungsgebäude hinter sich gelassen hat, endet das Freudenkonzert. Dann gab die Polizei Entwarnung: Ein Sprengsatz wurde nicht gefunden.

Das war die zweite Bombendrohung binnen 24 Stunden - Auswuchs einer außenpolitischen Krise, die das Land so noch nicht erlebt hat. "Wir haben solche Drohungen erwartet", sagt Tage Clausen, der Pressesprecher der "Jyllands-Posten". er wirkt gefasst und ruhig, fast schon zufrieden. Hat doch die Bombendrohung gezeigt, wie aktuell die Debatte ist, die seine Zeitung vor rund vier Monaten losgetreten hat. Damals veröffentlichte die "Jyllands-Posten", Dänemarks auflagenstärkste Tageszeitung, eine Reihe von zwölf Karikaturen über den Propheten Mohammed, unter anderem angetan mit einer Bombe als Turban, an der die Lunte bereits brennt.

Man habe damit keinen Muslim provozieren wollen, beteuert Clausen. "Stattdessen wollten wir zeigen, wie weit es bei uns bereits mit der Selbstzensur ist." Aus Angst vor gewalttätigen Reaktionen von Muslimen traue sich fast kein dänischer Karikaturist mehr, Zeichnungen zum Thema Islam anzufertigen.

Die Bilder-Serie löste einen Proteststurm unter den Vertretern der islamischen Gemeinde in Dänemark aus. Im Islam ist es verboten, sich ein Abbild des Propheten zu machen - eine veralbernde Zeichnung musste als Affront aufgefasst werden. Als eine Klage gegen die Veröffentlichungen vor der dänischen Justiz scheiterte, war eine Delegation unter der Führung des dänischen Imams Ahmed Akkari in den Nahen Osten gereist, um Hilfe zu erbitten.

Der Auslöser für eine Wutwelle, die über das skandinavische Land hereinbrach. Kurze Zeit zogen Länder wie Saudi-Arabien, Syrien und Libyen ihre Botschafter ab, in mehreren arabischen Ländern kam es zum Boykott dänischer Produkte, seitdem verbrennen aufgebrachte Demonstranten dänische Flaggen.

Zahlreiche Morddrohungen per Mail und Telefon

Neben der Bombendrohung gebe es auch zahlreiche Morddrohungen per Mail und Telefon, bestätigt Joern Mikkelsen, der Politik-Chef der "Jyllands-Posten". Ob er und seine Kollegen Angst hätten? "Nein, wir haben keine Angst, aber nachdenklich wird man schon dabei", sagt Mikkelsen.

Ähnlich wie bei seinem Kollegen Clausen merkt man Mikkelsen eine Art Zufriedenheit an. Die "Jyllands-Posten", als relativ konservativ bekannt, kann sich nun als Vorreiter der Pressefreiheit sehen. "War es das wert?", fragt Mikkelsen rhetorisch und antwortet nach einer kleinen Pause: "Ja, das war es wert." Spätestens die nachfolgende politische Debatte, wer überhaupt Kritik an Religion wagen dürfe, habe die Aktion legitimiert, findet der Däne.

Inzwischen hat sich die Zeitung bei all denen entschuldigt, die sich von den Karikaturen gekränkt fühlen - auch wenn keinerlei ethische oder juristische Regeln gebrochen worden seien, wie Mikkelsen betont. "Man kann sich natürlich fragen, ob die Zeichnungen etwas naiv waren", räumt er ein. "Aber letztlich geht es doch gar nicht mehr um diese Bilder - wer hat die überhaupt schon gesehen?"

Inzwischen handele es sich eher um eine Zivilisationsdebatte. Dass Zeitungen wie "France Soir" und "Die Welt" einzelne Bilder inzwischen aus Solidarität ebenfalls abgedruckt haben, nimmt Mikkelsen erfreut zur Kenntnis, insgesamt könne er aber gerade bei den deutschen Medien keine besondere Solidarität erkennen. Dabei habe man doch im Interesse des Journalismus gehandelt und eine Provokation gar nicht beabsichtigt, klagt er.

Wenige Kilometer von Mikkelsen entfernt arbeitet Flemming Moenster für die kleine Regionalzeitung "Stiftstidende". Die Affäre um die Karikaturen habe auch in seinem Haus Spuren hinterlassen, glaubt der Redaktionschef. "Die heftigen Reaktionen auf die Zeichnungen des 'JP' haben uns auf jeden Fall eingeschüchtert", gibt er zu. Einen Maulkorb habe man aber nicht bekommen: "Wir könnten noch morgen eine kritische Geschichte über ein islamisches Thema machen", versichert er. Allerdings werde man sich künftig sicherlich mehr Zeit dazu nehmen abzuwägen, welche Geschichte die Gefühle von Menschen verletze, und wie nötig diese Geschichte wirklich sei. "Storys, die wichtig und notwenig sind, werden wir auch weiterhin drucken", versichert er.

Wachsendes Unverständnis über die heftigen Reaktionen

"Unsere Absicht war nie, eine Zensur einzuführen oder die Kritik an religiösen Themen zu verbieten", beteuert Imam Ahmed Akkari. In den vergangenen Jahren sei in den dänischen Medien oft unausgewogen über die muslimische Gemeinde berichtet worden. "Aber jetzt machen wir uns Sorgen, dass das Problem eskalieren und von den falschen Leuten übernommen werden könnte." Die Bombendrohung gegen die "JP" verurteile er aufs Schärste, sagt Arkkari. "Unser Weg ist der politische, der Weg der Worte."

Trotz solch beschwichtigender Töne - unter Dänen wächst das Unverständnis über die heftigen Reaktionen in der muslimischen Gemeinde. "Ich kann ja verstehen, wenn sich jemand in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt", sagt Martin, der 25-jährige Fahrradhändler. "Aber die dänische Flagge zu verbrennen, das geht zu weit."

"Wir in Dänemark lieben nun mal Ironie und Sarkasmus", sagt die 23-jährige Eminie Ehlers. "Ich könnte mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben, wo ich meine freie Meinung nicht mehr sagen darf." Ihr Bekannter, Tonni Soerensen, stimmt ihr zu: "Die Reaktionen der muslimischen Seite waren viel zu überzogen." Und er fügt hinzu: "Wenn diese Imame überall herumerzählen, wie schlimm wir sind, dann ist das wie ein Dolchstoß in den Rücken." Schließlich habe man den Einwanderern Tür und Tor geöffnet, findet Soerensen.

Andere Bewohner von Aarhus drücken sich noch drastischer aus: "Wenn sie mit der Pressefreiheit nicht zurechtkommen, sollen sie doch wieder nach Hause gehen", sagt die 59-jährige Anne Grethe, die ihren Nachnamen nicht sagen möchte. Genauso wenig wie der 33-jährige Jen. "Die meisten Muslime wollen diesen Streit ja nicht, aber manchmal schleicht sich bei mir der Gedanke ein: Wenn wegen des Boykotts dänische Firmen Leute entlassen müssten, sollten das doch am ehesten deren muslimische Angestellte sein." Die Eskalation, die Arkkari fürchtet, scheint schon da zu sein.

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