Mohammed-Bilder in Satire-Magazin: Frankreich will nach Karikaturen-Abdruck 20 Botschaften schließen

Von Stefan Simons, Paris

Das Pariser Satire-Magazin "Charlie Hebdo" hat erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht - jetzt fürchtet die Regierung eine Eskalation. Am Freitag sollen die französischen Botschaften und Schulen in rund 20 Ländern geschlossen bleiben. Die Internetseite des Blatts wurde von Hackern lahmgelegt.

Mohammed-Karikaturen: Frankreich in Sorge Fotos
AFP

Frankreichs Regierung sorgt sich um seine diplomatischen Vertretungen. Nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen durch eine französische Satire-Zeitung hat Paris die Sicherheitsvorkehrungen für seine Botschaften im Ausland verstärkt. Am Freitag sollen die französischen Botschaften und Schulen in rund 20 Ländern geschlossen bleiben. Besondere Sicherheitsmaßnahmen gelten überall dort, wo die Veröffentlichung zu Problemen führen könne, sagte Außenminister Laurent Fabius dem Sender France Info. Einzelne Staaten nannte er nicht. Es sei nicht "intelligent" gewesen, zum jetzigen Zeitpunkt "Öl ins Feuer zu gießen", kritisierte Fabius das Blatt. "Mir macht das große Sorgen."

Die französische Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" hatte am Mittwoch eine Reihe von Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Die sozialistische Regierung rief daraufhin zur "Verantwortung" auf und warnte vor "Provokation". Die Veröffentlichung der Karikaturen kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die Stimmung in muslimischen Ländern ohnehin schon aufgeheizt ist: Ein in den USA produzierter islamfeindlicher Film hatte zu teils gewaltsamen Protesten unter anderem in Libyen, Tunesien, Sudan und dem Jemen geführt.

Der Titel zeigt einen Muslim im Rollstuhl, der von einem schwarz gekleideten Rabbiner geschoben wird. "Man darf sich nicht lustig machen", steht in der Sprechblase. Überschrieben ist die Karikatur mit "Intouchables 2", die Unberührbaren also, gleichzeitig eine Anspielung auf den Titel des im Französischen gleichnamigen Films, der in Deutschland als "Ziemlich beste Freunde" in die Kinos kam.

"Danke, ihr Bande von Idioten"

Im Innern des Magazins von Chefredakteur Stéphane Charbonnier wird es derber: Da wird Mohammed mal als grinsender Oscar-Gewinner für den "besten antimuslimischen Film" dargestellt oder als sexbesessener Schauspieler des Schmähvideos. "Aufstand in den arabischen Staaten nach der Veröffentlichung der Fotos von Madame Mohammed" ist eine Zeichnung überschrieben und zeigt unter dem Titel "Closer" einen bärtigen Propheten mit entblößten Brüsten - ein Seitenhieb auf das französische People-Blatt, das die Frau von des britischen Prinzen William ohne Bikini-Oberteil veröffentlichte.

Das Editorial mit der Überschrift "Lacht um Gottes Willen, verdammt noch mal" untermauert die Attacke des Redaktionschefs gegen die "Islamisten" und den "religiösen Terror": "Malst du Mohammed als glorreich, stirbst du, malst du ihn lustig, stirbst du. Mit diesen Faschisten gibt es nichts zu verhandeln. Die Freiheit, uns ohne Rückhalt zu amüsieren, gibt uns bereits Recht, die systematische Gewalt der Islamisten ebenfalls." Der Leitartikel in der Form eines Raps schließt: "Danke, ihr Bande von Idioten."

An den Kiosken findet das Blatt nun reißenden Absatz, die Internetseite der Satirezeitung ist derzeit nicht verfügbar. "Die Ausgabe verkauft sich wie warme Semmeln", sagt ein Zeitungshändler an der Pariser Metro-Station Opéra, "auch Leute, die sonst nicht 'Charlie Hebdo' kaufen, greifen heute aus Neugier zu."

Offenbar war die Seite der Zeitung jedoch nicht wegen Überlastung unerreichbar - sondern wegen eines Hackerangriffs. Vermutlich handele es sich bei den Angreifern um radikale Islamisten, sagte eine Sprecherin des Blattes der Nachrichtenagentur dpa. Bislang sei es nicht gelungen, wieder online zu gehen. Die Facebook-Seite wurde ebenfalls attackiert, sie konnte nach einiger Zeit aber wieder aufgerufen werden.

Die Veröffentlichung kommt sechs Jahre nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung und ein knappes Jahr, nachdem "Charlie Hebdo" eine Sondernummer unter dem Titel "Scharia Hebdo" veröffentlichte. Die Ausgabe (110.000 Stück) war binnen eines Tages ausverkauft, kurz danach gingen die Redaktionsräume bei einem Brandanschlag in Flammen auf.

"Es ist doch skandalös, dass diese Karikaturen auftauchen"

Zeichner Charbonnier will sich nach eigenem Bekunden dennoch nicht einer radikalen Minderheit beugen. "Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles jede Woche. Wenn es aber um den Propheten geht, wird es Provokation genannt", sagte er. "Erst darf man nicht Mohammed zeichnen, dann nicht mehr einen radikalen Muslim, und jedes Mal wird es heißen: Das ist eine Provokation für einen Muslim", zitiert der Radiosender France Inter Charbonnier. "Wir halten uns an die Gesetze der Republik und des Rechtsstaats."

Bei Vertretern der Muslime stößt die Argumentation auf Unverständnis. "Das ist nicht das erste Mal, dass 'Charlie Hebdo' solche Zeichnungen veröffentlicht", sagt der Präsident des Rats der Muslime Frankreichs, Mohammed Moussaoui. "Es ist doch skandalös, dass in einem Kontext, wie wir ihn dieser Tage erleben, diese Karikaturen auftauchen. Wir sind für die Meinungsfreiheit, aber hier handelt es sich um eine Beleidigung und eine Anstiftung zum Hass." Dalil Boubakeur, Leiter der Großen Moschee von Paris, geht ebenfalls davon aus, dass die Zeichnungen die Lage eher verschärfen. Das Ganze sei "völlig verantwortungslos".

Die Regierung müht sich nun um Beschwichtigung. "Die Freiheit entbindet nicht von der Verpflichtung zur Verantwortung", ließ Präsident François Hollande verlauten. Die konservative Opposition hingegen nahm deutlicher Stellung für das Satireblatt. "In diesem Feld darf man nicht nachgeben", sagte François Fillon, Ex-Premier und Anwärter auf die Nachfolge von Nicolas Sarkozy.

Für das kommende Wochenende haben Muslime in Frankreich nun zu landesweiten Kundgebungen gegen den Schmäh-Video aufgerufen - Demonstrationen, die Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault untersagen lassen will. Im Netz formiert sich bereits Widerstand, in Kurznachrichten, auf Facebook und Twitter fordern die anonymen Organisatoren: "Lasst nicht zu, dass sie uns beleidigen und die Person entweihen, die uns in der Welt am liebten ist - den Propheten Mohammed."

Deutliche Worte kamen auch aus Ägypten. Essam Erian von den Muslimbrüdern erklärte: "Wir verurteilen die französischen Cartoons, die den Propheten entehren."

mit Material von AFP/dapd

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