Mohammed-Karikaturen Hunderttausende protestieren im Libanon

Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen finden kein Ende: Heute verwandelten 250.000 Libanesen in Beirut ein religiöses Fest in eine Demonstration gegen die Cartoons. Selbst die Nato beschäftigt sich jetzt mit dem Thema.


Beirut/Taormina - Angesichts der weltweiten Spannungen nach der Veröffentlichung der Karikaturen hat die Nato die Tagesordnung für das informelle Treffen der Verteidigungsminister in Taormina auf Sizilien geändert. Nach Angaben der Allianz wollten die Minister bei dem heute Nachmittag beginnenden Treffen zuerst über die Nato-geführte Isaf-Mission in Afghanistan beraten. Dies war zunächst für Freitag geplant.

Auch in Afghanistan war es zu Ausschreitungen wegen der Cartoons gekommen. Demonstranten griffen dabei einen norwegischen Isaf-Stützpunkt an, Soldaten wurden aber nicht verletzt. Heute kam es überdies zu Kämpfen zwischen Schiiten und Sunniten. Morgen werden in Taormina auch die Verteidigungsminister Algeriens, Ägyptens, Israels, Jordaniens, Mauretaniens, Marokkos und Tunesiens erwartet. Es wurde damit gerechnet, dass im Rahmen des sogenannten Mittelmeer-Dialogs auch über den Karikaturen-Streit gesprochen wird.

In Beirut ging heute eine Viertelmillion Libanesen auf die Straße. Anders als Demonstrationen am Wochenende blieb ihr Marsch durch den Süden der libanesischen Hauptstadt aber zunächst friedlich. Während einer Prozession anlässlich des Aschura-Festes trugen die Gläubigen Plakate mit sich, auf denen die Verhöhnung des muslimischen Propheten Mohammed als Angriff auf die Würde ihrer Gemeinschaft verurteilt wurde. "Was ist nach der Schmähung unserer heiligen Werte noch zu erwarten?", hieß es auf anderen Bannern. Zugleich riefen sie Slogans wie "Tod für Amerika, Tod für Israel!".

In Pakistan kam es heute zu einem verheerenden Anschlag auf schiitische Gläubige. Im Irak stehen die schiitischen Rituale unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, nachdem sunnitische Attentäter mit Anschlägen auf die Prozessionen in den vergangenen Jahren mehr als 230 Menschen mit in den Tod gerissen hatten.

Auch aus weiteren Ländern wurden heute wieder Protestdemonstrationen gemeldet. In Srinagar, der Hauptstadt des indischen Teils von Kaschmir, ging die Polizei mit Schlagstöcken gegen 200 Menschen vor, die mit Rufen wie "Nieder mit Dänemark" durch die Straßen zogen. 25 Personen wurden festgenommen. Indonesien sagte ein Badminton-Turnier mit Dänemark ab. Die Sicherheit der dänischen Mannschaft könne nicht gewährleistet werden, erklärte der indonesische Badminton-Verband als Begründung.

Rasmussen: Türkei als Mittler "sehr gute Idee"

Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen steht inzwischen einer Initiative mit der Türkei als Mittler beim Streit um die Karikaturen positiv gegenüber. Wie die Nachrichtenagentur Ritzau heute berichtete, will Rasmussen im Tagesverlauf mit dem aus der Türkei stammenden dänischen Parlamentsabgeordneten Hüseyin Arac über einen entsprechenden Vorschlag sprechen.

Ein Sprecher des Regierungschefs erklärte, er sehe diese Idee "außerordentlich positiv". In der Türkei sind die Demonstrationen gegen die in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlichten Mohammed-Karikaturen bisher friedlich verlaufen.

Heute legten die französischen Nachrichtenmagazine "L'Express" und "Nouvel Observateur" jedoch noch mal nach. "L'Express" druckte im Kleinformat jene Seite der "Jyllands-Posten" vom 30. September vergangenen Jahres nach, die den Streit ausgelöst hatte. Der "Nouvel Observateur" zeigte drei der Zeichnungen im Großformat, darunter jene, in der Mohammed muslimische Selbstmord-Attentäter im Paradies mit den Worten empfängt: "Stopp, stopp, wir haben keine Jungfrauen mehr!" Daneben druckte das Blatt auch eine Karikatur aus "Jyllands-Posten", in der zwei Turbanträger mit einer Bombe und einem Säbel zum Propheten stürmen. Mohammed sagt ihnen: "Nur Ruhe, Jungs - das ist bloß der Scherz eines Dänen aus dem Südwesten von Dänemark".

Grass: Das war eine gezielte Provokation

Dagegen stellte sich der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass auf die Seite der Kritiker der "Jyllands-Posten". "Es war eine bewusste und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes", sagte der Schriftsteller in einem Interview mit der spanischen Zeitung "El País". Den Blattmachern sei bekannt gewesen, dass die Darstellung Allahs oder Mohammeds in der islamischen Welt verboten ist. "Sie haben aber weitergemacht, weil sie rechtsradikal und fremdenfeindlich sind."

Von den gewalttätigen Reaktionen zeigte sich der 78-jährige Autor wenig überrascht. Es sei die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion des Westens, angefangen von der Invasion in Irak, die gegen internationales Recht verstoßen habe. Dem Westen warf Grass in der Debatte über die Karikaturen hinsichtlich der Verweise auf die Presse- und Meinungsfreiheit Selbstgefälligkeit und Arroganz vor. Die Zeitungen lebten von den Anzeigen und müssten auf gewisse wirtschaftlichen Kräfte Rücksicht nehmen. Die Presse sei Bestandteil großer Gruppen, die die öffentliche Meinung monopolisierten. Der Westen könne sich nicht weiter hinter dem Recht auf freie Meinungsäußerung verschanzen.

Der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago warf den Autoren der Karikaturen Verantwortungslosigkeit vor. "Hätte der Zeichner mit den Bildern seinen Chef lächerlich gemacht, wäre er vermutlich tags darauf entlassen worden." Es gehe nicht darum, Selbstzensur auszuüben, sondern gesunden Menschenverstand walten zu lassen, meinte der 83-jährige Schriftsteller.

Malaysische Zeitung fürchtet Schließung

Nach dem Abdruck einer der umstrittenen Karikaturen rechnet die malaysische Zeitung "Sarawak Tribune" jetzt mit einem Lizenzentzug. Eine entsprechende Anordnung des Ministeriums für Innere Sicherheit sei offenbar bereits in Vorbereitung, sagte der Geschäftsführer des Sarawak-Verlags, Polit Hamzah.

Die Zeitung hat sich für den Abdruck der Karikatur am vergangenen Samstag entschuldigt, zog sich aber anhaltende Kritik der Regierung in dem überwiegend islamischen Land zu. Malaysia hält zurzeit den Vorsitz in der 57 Staaten umfassenden Organisation der Islamischen Konferenz. Die "Sarawak Tribune" erscheint auf der Insel Borneo, wo die Muslime in der Minderheit sind. Der für den Abdruck verantwortliche Redakteur hat den Verlag bereits verlassen und wurde heute zwei Stunden lang von der Polizei verhört.

lan/dpa/AP/Reuters

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