Dänische Zeitung "Jyllands-Posten" Was wurde aus der Krise um die Mohammed-Karikaturen?

Im Jahr 2005 druckte die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" Mohammed-Karikaturen. Noch immer sind die Folgen spürbar. Was sagen die wichtigsten Beteiligten heute über die Veröffentlichung?

Dänischer Journalist Flemming Rose
SPIEGEL ONLINE

Dänischer Journalist Flemming Rose

Aus Kopenhagen berichtet


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

"Das Ganze war ein ziemlich dummes Projekt, eine nutzlose Provokation", sagt der Zeichner Lars Refn.

"Wir sind journalistisch traditionell vorgegangen. Wir wollten herausfinden: Stimmt es, dass es bei der Darstellung des Propheten Mohammed aus Angst Selbstzensur gibt? Und basiert diese Selbstzensur auf einer echten Bedrohung? Beide Fragen muss man aus heutiger Sicht mit Ja beantworten", sagt der Journalist Flemming Rose.

Am 30. September 2005 erschienen in einer der größten dänischen Zeitungen, der liberal-konservativen "Jyllands-Posten", zwölf Karikaturen unter dem Titel "Das Gesicht Mohammeds". Einige von ihnen zeigten den muslimischen Propheten deutlich, wie zum Beispiel die Zeichnung Kurt Westergaards, der Mohammed mit einem Sprengstoff-Turban malte. Andere Karikaturen waren verspielter, hintergründiger oder bildeten Mohammed gar nicht ab.

Der Hintergrund der Veröffentlichung war - so stellt es jedenfalls die "Jyllands-Posten" dar: Der Autor Kåre Bluitgen fand keinen Zeichner, der bereit war, für sein Kinderbuch über den Islam den Propheten zu zeichnen - angeblich aus Angst vor Drohungen.

Schon kurz nach dem Abdruck erhielten die ersten Zeichner tatsächlich Drohungen von Islamisten aus Dänemark. Ein halbes Jahr später erreichten die Karikaturen auch die arabische Welt. Dänische Imame waren mit den Karikaturen aus der Zeitung - und mit anderen, die dort gar nicht gedruckt worden waren - in den Nahen Osten gereist und hatten die Stimmung dort angefacht.

In Pakistan verbrennen Demonstranten im Februar 2006 eine dänische Flagge
AFP

In Pakistan verbrennen Demonstranten im Februar 2006 eine dänische Flagge

Es gab in muslimischen Ländern Demonstrationen mit vielen Toten, dänische Flaggen wurden verbrannt, Botschaften attackiert. Arabische Staaten verhängten einen Boykott gegen dänische Produkte. Das Land Dänemark, die gesamte Redaktion der "Jyllands-Posten" und die einzelnen Karikaturisten gerieten ins Visier internationaler Terrornetzwerke wie al-Qaida.

Zum Beispiel der Zeichner Westergaard, inzwischen 81 Jahre alt. 2010 bewaffnete sich ein aus Somalia stammender Islamist mit einer Axt und drang in das Haus des Künstlers ein. Westergaard überlebte den Anschlag, weil er sich in einen Schutzraum in seiner Wohnung retten konnte. Noch immer steht er unter permanentem Polizeischutz, sein Haus gleicht einer Festung.

Zeichner Kurt Westergaard im Jahr 2010 mit Joachim Gauck und Angela Merkel
dpa

Zeichner Kurt Westergaard im Jahr 2010 mit Joachim Gauck und Angela Merkel

Die Reaktionen auf die Cartoons in der "Jyllands-Posten" waren ein Vorbote dessen, was kommen sollte: Im Januar 2015 ermordeten islamistische Terroristen in Paris Zeichner des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo", im März 2015 verübte ein IS-Sympathisant in Kopenhagen einen Anschlag auf Teilnehmer einer Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit, auf der auch der schwedische Zeichner Lars Vilks anwesend war.

Gewalt, Terror, Hass stehen auf der einen Seite.

Aber es ist auch eine gesellschaftliche Debatte entstanden, um Meinungsfreiheit, um den Umgang mit dem Islam und Muslimen. Es ging um Fragen wie: Gibt es einen Anspruch darauf, nicht beleidigt zu werden? Ist, wer den Propheten Mohammed lächerlich macht, automatisch islamophob, oder ist er im Gegenteil interessiert an der Modernisierung des Islams? Wo verläuft die Grenze zwischen Islamkritik und Verunglimpfung einzelner Muslime? Wie kann man auf die Bedrohung von Islamisten reagieren, wenn die eigene Sicherheit in Gefahr ist?

Themen, die nicht nur für Dänemark relevant sind.

Ein Treffen in Kopenhagen mit Lars Refn, der der "Jyllands-Posten" damals seine Zeichnung gab. Und mit Flemming Rose, der damals als Kulturchef der Zeitung das Projekt in Auftrag gab. Zwei Protagonisten, für die die Mohammed-Karikaturen prägend waren, die aber zu unterschiedlichen Urteilen über ihre Wirkung und ihren Sinn kommen.

Der Zeichner Lars Refn
SPIEGEL ONLINE

Der Zeichner Lars Refn

Refn, weiße Haare, schwarze Brille, bunt kariertes Hemd, sitzt in einem lichtdurchfluteten Loft. Er, der sich als Pazifist bezeichnet, beteiligte sich 2005 an der Aktion auf subversive Weise: Zwar kam er dem Aufruf nach und lieferte eine Zeichnung. Darauf war aber nicht der Prophet zu sehen, sondern ein Schuljunge namens Mohammed, der in arabischer Schrift auf Farsi einen Satz an die Tafel schrieb, der sich übersetzen lässt mit: "Die Redakteure von Jyllands-Posten sind ein Haufen reaktionärer Provokateure."

"Es schien mir eine gute Sache", sagt Refn heute. "Ich dachte mir: Entweder drucken sie es und viele Leute lachen. Oder sie drucken es nicht und beschneiden damit meine Redefreiheit." Die Zeitung brachte die Zeichnung. Ob dies mit Wissen um den Witz geschah, darüber gibt es unterschiedliche Versionen.

Jene Radikale, die mit Hass auf die Karikaturen reagierten, haben sich ohnehin nicht dafür interessiert, dass Refns Zeichnung den Propheten gar nicht zeigte. Stattdessen war Refn einer der Ersten, der von Islamisten bedroht wurde. Er musste mit seiner Familie für einige Zeit untertauchen. "Wir alle waren verwirrt und schockiert", sagt er.

"Ich sehe in einem Wiederabdruck eine Waffe, die wir gegen alle Muslime richten"

Weiter will Refn über die persönlichen Konsequenzen der Affäre nicht mehr sprechen. Dafür umso mehr über das, was die Karikaturen für seinen Berufsstand bedeuten. Seit 2013 ist er Vorsitzender der dänischen Karikaturisten-Vereinigung. Als es zum zehnjährigen Jubiläum der Mohammed-Cartoons darum ging, ob man die Zeichnungen erneut abdrucken solle, positionierte sich Refn mit drastischen Worten: Es käme einem Terrorakt gleich, die Zeichnungen erneut zu zeigen, sagte er.

Wie meinte er das? "Ich sehe in einem Wiederabdruck eine Waffe, die wir gegen alle Muslime richten, nicht nur gegen die kleine Gruppe der Extremisten", erklärt er. Alle seine muslimischen Freunde hätten traurig und verletzt reagiert, als sie die Zeichnungen sahen. "Wenn radikale Islamisten uns bedrohen, sollten wir sie angehen, nicht die Mehrheit der Muslime", sagt Refn.

Der Zeichner hält Karikaturen über den muslimischen Propheten für zu billig. "Es gibt genug Sachen, die wir in der dänischen Mehrheitsgesellschaft aufspießen können. Wir als angeblich glücklichstes demokratisches Land haben eine Königin? Das ist nur ein Beispiel". Refn sagt: "Meinungsfreiheit zu nutzen, bedeutet nicht, dass man nicht nachdenken muss."

"Man bekämpft nicht Meinungen und Emotionen durch Hate-Speech-Gesetze"

Refn sieht die damalige Aktion der "Jyllands-Posten" als Auftakt einer problematischen gesellschaftlichen Entwicklung. Seine Diagnose: Parallel zum politischen Aufstieg der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei habe sich auch in der gesamten Gesellschaft etwas verändert. Islamophobie und Rassismus seien salonfähig geworden.

Refn, der damals am von der Redaktion ausgerufenen Testfall der Meinungsfreiheit teilnahm, findet heute: Es muss auch bei Worten Grenzen des Gesetzes geben - für alle politischen Seiten. Er wirft zum Beispiel der rechtsliberalen dänischen Integrationsministerin vor, sie äußere sich rassistisch und fremdenfeindlich. Das müsse eigentlich Gegenstand von Gerichtsverhandlungen sein, sagt Refn.

Der Journalist Flemming Rose, in Dänemark ein prominenter Autor, sieht das völlig anders. "Man bekämpft nicht Meinungen und Emotionen durch Hate-Speech-Gesetze", sagt er. Es bestehe die Gefahr, dass Gesetze besonders darauf abzielten, den jeweiligen politischen Gegner zum Schweigen zu bringen.

Anders als Zeichner Refn sieht der Rose in Mohammed-Karikaturen einen aufklärerischen Wert. Der Islam werde auch als Machtinstrument gegen Frauen und Homosexuelle benutzt, und Mohammed sei für viele Muslime die höchste Autorität, sagt Rose. "Deshalb ist es wichtig, sein Verhalten und ihn kritisch in Frage zu stellen; wenn wir für die Rechte des Individuums kämpfen wollen." Und dazu seien Karikaturen geeignet.

Journalist Flemming Rose
SPIEGEL ONLINE

Journalist Flemming Rose

Rose, 59, sitzt in einem Café in Kopenhagen. Er ist ein leiser Mann, zurückhaltend. Das überrascht, wenn man von all den Kämpfen weiß, die er in den vergangenen Jahren durchstehen musste - und zum Teil selbst auch gesucht hat.

Islamisten bedrohten sein Leben, al-Qaida setzte Rose auf ihre Todesliste. Linke beschimpften ihn als rassistisch und fremdenfeindlich. Rechte versuchten ihn für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Und auch mit der eigenen Redaktion, den Chefs der "Jyllands-Posten", gab es Konflikte. Es ging um die Frage, ob sich die Bedrohung für die Zeitung verschärft, wenn sich Rose weiter äußert.

In einem Buch, seinem zweiten seit den Cartoons, hat Rose mit seinen damaligen Vorgesetzten abgerechnet. Sein Vorwurf: Sie hätten ihm ein Rede - und Schreibverbot erteilt. So habe es eine Liste mit 15 Themen gegeben, über die er nicht mehr schreiben durfte, darunter Religion. Immer neue Reglementierungen seien dazu gekommen. Am Ende wollte sich der Journalist nicht mehr fügen. Er verließ die Zeitung Anfang 2016, arbeitet inzwischen für den US-Think Tank Cato und den Dänischen Rundfunk.

Redaktionsgebäude der Jyllands-Posten
AP

Redaktionsgebäude der Jyllands-Posten

Rose ist ein Kämpfer - aber versöhnlich im Ton. Es gebe keine objektive Wahrheit, sagt er. Er habe seine Chefs nie dafür kritisiert, dass die Karikaturen nicht wieder abgedruckt wurden. "Aber ich beklage die Scheinheiligkeit, dass man sich öffentlich als Kämpfer für Meinungsfreiheit dargestellt und sich mit mir als Mitglied der Redaktion geschmückt hat - und mich gleichzeitig hinter den Kulissen zum Schweigen gebracht hat. Man sollte ehrlich sein."

"Selbstzensur hat dramatische Folgen"

Rose hat sich in den vergangenen Jahren einen Weg mitten durch die politischen Lager gebahnt. Er suchte die Auseinandersetzung mit rechten Populisten, etwa bei einer öffentlichen Debatte mit dem Niederländer Geert Wilders. Rose spricht Wilders ab, ein Kämpfer für Meinungsfreiheit zu sein. "Wir sind in allen Punkten, bei denen es um zentrale demokratische Prinzipien wie Meinungsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz geht, anderer Meinung. Wilders will zum Beispiel die Rede- und Religionsfreiheit für Muslime abschaffen." Gestritten hat er auch mit Stephen Bannon, bevor dieser Chefberater von Donald Trump wurde.

Was war sein Kompass? Geprägt habe ihn, sagt Rose, der in den Achtzigerjahren Korrespondent in Moskau war, der Kontakt mit sowjetischen Dissidenten. "Ich habe erlebt, wie Selbstzensur die Gesellschaft verändert hat." Die Menschen in der Sowjetunion hätten die Grenzen verinnerlicht von dem, was man damals sagen durfte. "Das ist eine Gefahr, die ich auch bei uns sehe. Und das Gefährliche ist: Selbstzensur bleibt eben erst einmal unsichtbar, aber hat natürlich dramatische Folgen."

Die Mohammed-Karikaturen stürzten Dänemark nach den Worten des damaligen Premiers Anders Fogh Rasmussen in die größte außenpolitische Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Rose zieht heute ein eher positives Fazit. Die Debatte um Muslime sei in Dänemark freier geworden, die Menschen könnten unterscheiden. Sie wüssten, dass sie, wenn sie ein Glaubenssystem kritisieren, nicht das Individuum beleidigten. "Die Menschen lassen sich weniger einschüchtern von dem Argument, es gebe angeblich ein Recht darauf, nicht beleidigt zu werden", sagt Rose.

Der Journalist Rose muss weiter von Bodyguards beschützt werden

Tatsächlich hat sich der Meinungstrend geändert. Im Sommer 2015 gab - anders als 2006 - die große Mehrheit der Befragten an, der Abdruck der Mohammed-Karikaturen sei richtig gewesen.

Auch prominente Linke bekannten ihren Sinneswandel. Lisbeth Bech Poulsen, Politikerin der Sozialistischen Volkspartei, erklärte 2015: Vor zehn Jahren habe sie den Abdruck der Karikaturen als herabwürdigend und unnötig gesehen. Leider habe die Geschichte mit aller Deutlichkeit bewiesen, dass es notwendig war, die Mohammed-Cartoons zu zeigen. Sie verstehe, dass sich Muslime über die Zeichnungen ärgerten, aber es stehe mehr auf dem Spiel. "Keine Zeitung traut sich mehr, die Zeichnungen zu drucken. Das ist ein Zeichen von Krankheit einer freien Gesellschaft."

Zwölf Jahre nach der Veröffentlichung der Karikaturen ist vieles passiert, aber manches ändert sich nicht. Am Tisch im Café sitzen neben Rose still zwei Personenschützer. Sie sind noch immer nötig, um Roses Leben zu schützen. "Ich dachte, das geht irgendwann vorbei, aber es sieht nicht so aus", sagt der Journalist. Ein Leben lang unter Bewachung - wegen zwölf Zeichnungen.

Würde er heute noch einmal so entscheiden und die Karikaturen abdrucken?

"Wenn ich Nein sagen würde, wäre das eine sehr unglückliche Botschaft. Ich würde damit ja sagen: Ihr braucht uns nur mit Gewalt zu drohen, und schon geben wir nach. Auf der anderen Seite denke ich, dass die Cartoon nicht ein einziges Menschenleben wert sind", sagt Rose.

Was hätte ein Nachgeben für ihn persönlich bedeutet? "Ich hätte mich einfach entschuldigen, die Karikaturen einen Fehler nennen, mich dann zurückziehen können", sagt Rose. "Aber wäre mein Leben dann einfacher? Vielleicht in Fragen der Sicherheit, sonst - moralisch, auf geistiger Ebene - sicher nicht."

Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
  • AP
    Die Recherche-Serie bei SPIEGEL ONLINE: Nur selten erfahren wir, wie es mit den Menschen und Geschichten weitergeht, wenn sie nicht mehr "Nachricht" sind. "Was wurde aus...?" spürt den Themen nach. Sie sagen uns, was Sie wissen wollen, und wir erzählen Ihnen, wie die Geschichten ausgingen.
Was würden Sie gern wissen? Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Hinweise an waswurdeaus@spiegel.de. Selbstverständlich behandeln wir Ihre Angaben vertraulich.


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.