Mohammed-Karikaturen Iraner stecken deutsche Fahne in Brand

Mehrere tausend wütende Muslime haben auch heute gegen die Mohammed-Karikaturen demonstriert. In Afghanistan kamen bei den Protesten zwei Menschen ums Leben, in Teheran wurde die Botschaft Österreichs angegriffen. Die Demonstranten zündeten dabei eine deutsche Fahne an.


Teheran - Rund 200 Demonstranten hätten Steine gegen die Botschaft geschleudert, sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen und kleinere Brände entzündet, die von Feuerwerkskörpern ausgelöst wurden. Die Demonstranten zündeten auch die deutsche Fahne an. Die Polizei löschte die Feuer rasch und hinderte Demonstranten daran, die Botschaft zu stürmen. Österreich hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne.

 Demonstranten verbrennen deutsche Fahne vor der Botschaft in Teheran: Jeden Tag neue Proteste
DPA

Demonstranten verbrennen deutsche Fahne vor der Botschaft in Teheran: Jeden Tag neue Proteste

Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurden in Afghanistan mindestens zwei Menschen getötet und sechs weitere verletzt: In der Stadt Mihtarlam feuerte die Polizei auf die Demonstranten, nachdem ein Mann aus der Menge heraus auf die Beamten geschossen hatte. Andere warfen Steine und Messer.

In Kabul demonstrierten rund 200 Jugendliche vor dem Präsidentenpalast, in Kandahar gingen 100 Menschen auf die Straße. Die Polizei in Kabul setzte Schlagstöcke und Gewehrkolben ein, um die Menge aufzulösen. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP sah mindestens drei Verletzte. Einige der Protestierenden zogen weiter zum größten US-Stützpunkt in Kabul und schleuderten Steine auf ein Wachhaus. Dort gingen Fensterscheiben zu Bruch. Auch auf drei geparkte Fahrzeuge der Schutztruppe Isaf wurden Steine geworfen.

In Indien gingen Sicherheitskräfte mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vor. In Indonesien und Afghanistan weiteten sich die Proteste auch auf Einrichtungen der USA aus.

Schiiten fordern Fatwa gegen Zeichner

Bei einer Kundgebung im Irak forderten schiitische Demonstranten eine Fatwa gegen die dänischen Zeichner der umstrittenen Karikaturen. Rund 2000 Menschen protestierten nach einem Aufruf des radikalen Schiitenführers Muktada al-Sadr im Zentrum der 175 Kilometer südlich von Bagdad gelegenen Stadt Kut. Auf einem Spruchband forderten sie ihre religiösen Führer zum Erlass einer Fatwa auf, welche die Ermordung der Karikaturisten gestattet. Eine Fatwa ist ein religiöses Gutachten, das feststellt, ob eine Handlung mit dem islamischen Recht, der Scharia, vereinbar ist.

Der Anführer von Sadrs Bewegung in Kut, Mudafar al-Battat, forderte die irakische Regierung bei der Kundgebung zum Abbruch der Kooperation mit Dänemark auf. Die Zeichnungen verletzten nicht nur den Islam, sondern "alle Religionen", betonte er. Der ebenfalls der Sadr-Bewegung angehörende irakische Verkehrsminister Salam al-Maliki hatte gestern das Einfrieren sämtlicher Wirtschaftsverträge mit Dänemark und Norwegen angekündigt. Der dänische Botschafter in Bagdad erklärte heute, er sei über eine solche Entscheidung noch nicht informiert worden.

Eine dänische Patrouille wurde laut einer Meldung der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau im Süden des Irak beschossen. "Wütende Iraker" hätten die Soldaten am Sonntag angegriffen, als diese südlich von Kurna irakischen Kindern erste Hilfe leisteten, die bei einem Verkehrsunfall verletzt worden waren. Die Soldaten hätten daraufhin Warnschüsse in die Luft abgegeben und sich zurückgezogen. Im Irak sind 530 dänische Soldaten unter britischem Kommando stationiert.

Pakistanische Ärzte wollen EU-Medikamente boykottieren

Pakistanische Ärzte wollen wegen der Mohammed-Karikaturen Medikamente aus europäischen Staaten boykottieren. Die Entscheidung werde mit sofortiger Wirkung umgesetzt, sie richte sich gegen Dänemark, Norwegen, Deutschland, Frankreich und die Schweiz, teilte der Generalsekretär der pakistanischen Ärzte-Vereinigung in der Provinz Punjab, Shahid Rao, heute in Multan mit. Die Entscheidung sei einstimmig getroffen worden.

Statt der Medikamente aus Europa sollten "alternative" Heilmittel eingesetzt werden, sagte Rao. Dies werde so lange gelten, bis "aus diesen Ländern eine öffentliche Entschuldigung kommt". Apotheker hätten bereits zugesagt, dass sie den Verkauf der europäischen Präparate einstellten.

Die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" erwägt eine gemeinsame Erklärung mit Imamen der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu den umstrittenen Mohammed-Karikaturen. Chefredakteur Carsten Juste sagte im dänischen Rundfunk, ein entsprechender Vorschlag von muslimischer Seite sei "ganz bestimmt bedenkenswert".

Als Sprecher der Glaubensgemeinschaft hatte Imam Ahmed Akkari vorgeschlagen, dass "Jyllands-Posten" sich gegenüber Muslimen in einer gemeinsamen Erklärung "unzweideutig" für die Veröffentlichung der Karikaturen vor vier Monaten entschuldigt. Umgekehrt würden die Imame zur Beendigung der Proteste aufrufen.

als/ap/Reuters/dpa/afp

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.