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Deutschland: Muslime uneins über Aufführungsverbot von Hass-Video

Soll das antiislamische Schmäh-Video in Deutschland gezeigt werden? Neben Politikern sind sich auch muslimische Verbände darüber uneins. Die einen bezeichnen den Film als "tiefgreifende Beleidigung", andere warnen: Ein Verbot werde die Islamfeindlichkeit schüren.

Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek: Für ein Verbot des Schmähfilms Zur Großansicht
AFP

Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek: Für ein Verbot des Schmähfilms

Berlin - Seit Tagen halten die Unruhen in der muslimischen Welt wegen des islamfeindlichen Schmähvideos aus den USA an. In Deutschland wird kontrovers über ein Aufführungsverbot diskutiert, auch Muslim-Verbände sprechen in der Frage nicht mit einer Stimme.

Als eine "tiefgreifende Beleidigung" bezeichnete Ali Kizilkaya das Video. Der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland sagte der Tageszeitung "taz", dass von freier Meinungsäußerung keine Rede mehr sein könne. Auch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, plädierte für ein Verbot. "Wir laufen Gefahr, dass der öffentliche Frieden hier empfindlich gestört wird", sagte er in den ARD-"Tagesthemen". Daher sollten alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden.

Gegen ein Aufführungsverbot sprach sich unter anderem die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes aus. "Je mehr man über ein Verbot redet und die Tabuisierung solcher Inhalte vorantreibt, desto mehr Schaden richtet man an", sagte Lamya Kaddor der "taz". Diskussionen über Verbote und Sonderregelungen für Muslime würden die Islamfeindlichkeit in Deutschland schüren.

Auch der Islamexperte Rauf Ceylan hält ein Aufführungsverbot des Schmähvideos in Deutschland für überzogen. "Damit würde man den Film wichtiger machen, als er ist", sagte der Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück der "Saarbrücker Zeitung".

Angst vor Unruhen in Deutschland

In dem Film "Die Unschuld der Muslime" wird der Prophet Mohammed als Frauenheld, Kinderschänder und Mörder dargestellt, der Islam wird als "Krebsgeschwür" bezeichnet. Das von Hass geprägte und auf YouTube ausschnittsweise veröffentlichte Video hat in zahlreichen muslimischen Ländern antiwestliche Massenproteste entfacht. Es gab bereits mehrere Tote. Unter anderen starb der US-Botschafter in Libyen, Chris Stevens, bei einem Angriff auf das Konsulat seines Landes in Bengasi.

Politiker fürchten Unruhen auch in Deutschland und wollen deshalb verhindern, dass der Film - wie von der rechtspopulistischen Splitterpartei Pro Deutschland geplant - öffentlich in Berlin gezeigt wird. Das Bundesinnenministerium klärt derzeit die rechtliche Handhabe.

Fatwa gegen Film-Beteiligte ausgesprochen

Ein salafistischer Imam in Ägypten hat inzwischen eine Fatwa zur Tötung aller Beteiligten an dem Film ausgegeben. Wie das auf die Überwachung islamistischer Internetseiten spezialisierte US-Unternehmen Site am Montag mitteilte, rief Ahmed Fuad Aschusch die "jungen Muslime in den USA und in Europa" in seinem religiösen Gutachten auf, die Macher und Schauspieler des Films sowie alle, die zu seiner Verbreitung beitrugen, wegen Verunglimpfung des Propheten Mohammed umzubringen. Die Fatwa wurde Site zufolge auf mehreren dschihadistischen Foren im Internet veröffentlicht.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, sollen die deutschen Botschaften in den arabischen Ländern nach dem Angriff auf die deutsche Vertretung im Sudan besser bewacht werden. Dazu sollen mehr deutsche Bundespolizisten in die gefährdeten Gebiete verlagert werden. Das Blatt beruft sich auf Sicherheitskreise. Derzeit schützen insgesamt rund 250 Elitekräfte der Bundespolizei als "Haus- und Ordnungsdienst" die deutschen Botschaften.

aar/heb/dpa/AFP/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Moment
row4x5 18.09.2012
Kann sich keiner Vorstellen, dass Konservative auch irgendwann unruhig werden, weil sie durch eine Glaubensgemeinschaft in Geiselhaft genommen werden und ihnen mehr Freiheiten genommen werden? Kann man sich nicht vorstellen, dass man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem es Unruhen gibt weil der Film nicht gezeigt werden darf? Die Debatte ist sehr einseitig.
2. Befindlichkeiten
Ippokratis 18.09.2012
Wo ist der Zentralrat der Muslime, wenn seit Jahren beinahe täglich irgendwelche radikale muslimischen Gruppen, verbal und tätlich unsere Rechte mit Füßen treten? Da wird keine Demo veranstaltet, um Achtung vor unseren Gesetzen und Regeln und Solidarität mit uns, dem Gastland, zu bezeugen. Aber hier und nun wird gezetert, obwohl keines unserer Gesetze verletzt wurde. Mich interessiert un auch keine Befindlichkeit irgendeines Moslems mehr. Da werden doch immer irgendwelche "beleidigenden" Auslöser gefunden. Wollen wir uns wirklich so weit in unsere ganz eigenen Belange hineinreden und beeinflussen lassen? Ich bin nicht mehr bereit dazu, es ist Zeit für eine sehr deutliche Abgrenzung!
3.
kalanak 18.09.2012
Zitat von sysopAFPSoll das antiislamische Schmäh-Video in Deutschland gezeigt werden? Neben Politikern sind sich auch muslimische Verbände darüber uneins. Die einen bezeichnen den Film als "tiefgreifende Beleidigung", andere warnen: Ein Verbot werde die Islamfeindlichkeit schüren. Mohammed-Video: Deutsche Muslime streiten über Aufführungsverbot - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856395,00.html)
Was immer der Islam sein mag; es kann nicht sein, dass eine religiöse Gruppierung Zensur in der Bundesrepublik ausübt. Es gibt die Freiheit von Meinung und Kunst - und in der Vergangenheit sind Menschen dafür gestorben, dass wir diese Freiheit haben. Es ist absolut undenkbar, dass eine Gruppierung, die sich in mehr oder wenig radikaler Form gegen Demokratie und Gleichberechtigung stellt diktiert, was in Deutschland gezeigt werden darf. Der Film ´mag noch so schlecht sein - das ist kein Grund den Film zu verbieten. Ich werde ihn mir nicht ansehen, weil er mich schlicht nicht interessiert - ebensowenig, wie mich eine Darstellung Jesus´ als wild herumbumsenden, gewalttätigen Kiffer interessieren würde. Nebenbei; Verbote habe zu allen Zeiten zum Widerspruch gereizt. Der Film würde wahrscheinlich plötzlich einer der meistgesehensten Filme werden, sollte er plötzlich verboten werden. Wir leben in einer Trennung von Kirche und Staat - und es ist gut, dass die bigotten Sektierer - egal welcher Konfession sie angehören - wenig (besser wäre Null) Einfluss auf die Realpolitik haben. Dies gilt es zu verteidigen - mit Zähnen und Klauen. Und wenn es einem Islamisten nicht passt; es gibt Flughäfen und es gibt One-Way-Tickets - auch in den Iran oder wo auch immer so schön fortschrittlich gesteinigt und am Baukran aufgeknüpft wird. Wir sind ein freies Land; jeder darf ausreisen.
4. Wenn Extremisten sich gegenseitig Bedeutung geben...
row4x5 18.09.2012
Warum gibt man beiden Extremen eigentlich ein Forum? Einfach ignorieren und jeden den Film schauen lassen, der ihn sehen will. Wer ihn nicht sehen will, braucht nicht zuschalten!
5. Ein Filmchen auf YouTube
bernd_gast 18.09.2012
1988 Die Satanischen Verse erscheinen als Buch. Für Ajatollah Khomeini ist das Grund genug, die Muslime der Welt auf den Autor zu hetzen und 3 Millionen Dollar für dessen Kopf auszusetzen. 2005 In Dänemark wird Mohammed mal karikiert, wie es mit Papst oder Rabbis tagtäglich passiert. Aus islamischen Ländern tönt als Antwort: Gewalt! Viele Menschen haben dafür mit dem Leben bezahlt. 2012 Ein Filmchen auf YouTube - der Ärger ist groß - „verletzt“ die Muslime. Schon wieder geht‘s los! Im Fernsehen: erste Tote. Und Autos, die brennen. Tausende (Männer) demonstrieren - ob die den Film alle kennen? Und bei uns:* Gar viele höre ich all das mit für-und-wieder beklagen, doch viel zu wenige höre ich laut und klar sagen: Die Freiheit der Rede ist mit das höchste Recht! Und geht sie verloren - dann geht es uns schlecht! Ich sage: Die Freiheit der Rede gehört von allen verteidigt, selbst, wenn sie irgend jemand - auch mich selber - beleidigt! Denn Dialog und Leben erblühen nur dann, wenn JEDER OHNE ANGST*sich FREI äußern*kann. © Creative Commons, Bernd Gast, September 2012
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