Hisbollah-Chef Nasrallah Profiteur der Wut

Nach al-Qaida schließt sich auch Libanons Hisbollah-Chef den Protestaufrufen gegen das Mohammed-Schmähvideo an. Hassan Nasrallah kommt der Aufruhr gerade recht - wegen seiner Pro-Assad-Haltung im Syrien-Konflikt hat er viele Sympathisanten verloren.

Von , Beirut

Hisbollah-Chef Nasrallah: Am Montag zeigte er sich überraschend in der Öffentlichkeit
AFP/ Manar TV

Hisbollah-Chef Nasrallah: Am Montag zeigte er sich überraschend in der Öffentlichkeit


Mit der höflichen Zurückhaltung ist es vorbei. Eine knappe Woche lang hatte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah zu dem YouTube-Film geschwiegen, über den sich Muslime auf der ganzen Welt empören. Der Papst-Besuch im Libanon stand an - drei Tage Friede, Freude, Feierlichkeiten, die sich die Libanesen nicht nehmen lassen wollten. Da wären Demonstrationsaufrufe der Hisbollah nicht gut angekommen.

Doch kaum hatte sich der Papst am Sonntagabend in seinen Flieger zurück nach Rom gesetzt, meldete sich Nasrallah zu Wort. Er wetterte gegen das 13-Minuten-Video, für das er Zionisten und die US-Regierung verantwortlich machte. Ausdrücklich lobte er die arabischen Christen, deren klerikale Oberhäupter den Mohammed-Film entschieden verurteilt hatten. Über 100.000 Hisbollah-Anhänger folgten am Montag im Libanon seinem Aufruf und beteiligten sich an Massendemonstrationen.

Für Hassan Nasrallah hätte der Anti-Islam-Streifen zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Die Hisbollah, eine Partei und Miliz, hat wegen ihrer Unterstützung des syrischen Regimes viele Sympathisanten verloren. Noch vor wenigen Jahren war kaum eine Bewegung im Nahen Osten so beliebt wie die Hisbollah. Die Bewegung, die sich als eine Art arabischer Rächer der Unterdrückten stilisiert, galt als einzig glaubwürdige Widerstandsbewegung gegen die israelische Regierung. Nach dem israelischen Angriff 2006 auf den Libanon, bei dem es der Hisbollah gelang, der israelischen Armee empfindliche Verluste zuzufügen, flogen Hassan Nasrallah die Herzen zu. Schiiten, Muslime wie Christen hängten sich sein Poster an die Wand.

Von dieser überkonfessionellen Beliebtheit ist Nasrallah inzwischen meilenweit entfernt. Schuld daran ist Syrien. Früh hatte sich die Hisbollah auf die Seite der Revolutionen im Arabischen Frühling gestellt. Nasrallah bejubelte die Aufstände in Tunesien, Ägypten und Bahrain. Doch als dann Syrien an die Reihe kam, war auf einmal Schluss damit - und Nasrallah in einer Zwickmühle, denn das Assad-Regime ist ein Verbündeter der Hisbollah.

Zum Verteidiger aller Muslime stilisieren

Kurzerhand erklärte Nasrallah, die Aufstände in Syrien seien nicht echt, sondern eine internationale Verschwörung. Hisbollah, die Bewegung der Unterdrückten, stellte sich auf die Seite des Unterdrückers. Dass Nasrallahs Interpretation außerhalb des harten, schiitischen Hisbollah-Kerns kaum jemanden überzeugte und die Sunniten der arabischen Welt empörte, war kaum verwunderlich. Umso willkommener ist nun die Gelegenheit, die sich der Hisbollah mit dem islamfeindlichen YouTube-Video bietet: Endlich kann sich Nasrallah wieder zum Verteidiger aller Muslime stilisieren.

Der radikal-schiitische Hassan Nasrallah ist nicht der Erste, der als Trittbrettfahrer auf die Anti-Film-Proteste aufspringt. Auch die radikal-sunnitische al-Qaida hat bereits am Samstag ein Video veröffentlicht, in dem es zu weiteren Demonstrationen aufruft.

Statt zu einer einzigen Anti-Film-Demo rief Nasrallah gleich zu einer wahrhaften Protesttour auf, eine Woche lang, quer durchs ganze Land: Montag Beirut, Mittwoch Tyrus, Freitag Baalbek, Samstag Bint Dschbeil an der israelischen Grenze und am Sonntag Hermel im Nordosten. Es scheint wie ein absurder Wettbewerb, der zeigen soll, wer der beste Verteidiger der Muslime ist.

Doch für Nasrallah erfüllen die Proteste noch einen weiteren Zweck. Innenpolitisch ist die Demo-Woche eine klare Machtdemonstration. Alle Protestorte sind Städte oder Stadtteile mit einem starken schiitischen Bevölkerungsanteil - dem Machtkern der Hisbollah.

Nasrallah war zuletzt innenpolitisch immer stärker unter Druck geraten. Seine politischen Gegner hoffen, die momentane Unbeliebtheit der Hisbollah dazu nutzen zu können, um die Miliz zu entwaffnen. "Das können sie lange fordern. Wir werden unsere Waffen niemals niederlegen", sagte ein Hisbollah-Mitglied SPIEGEL ONLINE.

Auch hat sich der libanesische Staat in den vergangenen Wochen eindrucksvoll zu Wort gemeldet und einen Verbündeten des syrischen Regimes sowie mehrere Hisbollah-Sympathisanten verhaftet - im fragilen Libanon ein durchaus mutiges Unterfangen. Je größer die Proteste werden, desto klarer wird auch die Botschaft an Nasrallahs politische Gegner: Legt euch nicht mit uns an.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Mick.Berlin 17.09.2012
1. Chance verpasst
angenommen man wollte den Islam global fördern, dann wäre jetzt eine gute Chance gewesen, sich mit dem Film kostruktiv auseinanderzusetzen, und sich die Aufmerksamkeit positive zu Nutze zu machen. Stattdessen.......
dabinichjetzt 17.09.2012
2. Demnächst, in 20 Jahren,
auch in Deutschland. Hisblulah Chef bestimmt, was Sache ist.
caecilia_metella 17.09.2012
3. Das weiß doch jeder Herrscher.
Man lenke den Frust nach außen, und schon ist wieder Ruhe im Karton.
atherom 17.09.2012
4. Profiteur?
Traut er sich inzwischen aus dem Keller?
Dirk Ahlbrecht 17.09.2012
5. ...
Zitat von sysopAFP / Manar TVNach al-Qaida schließt sich auch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah den Protestaufrufen gegen den umstrittenen Mohammed-Clip auf YouTube an. Auch ihm kommt der Aufruhr um das Video gerade recht, denn wegen seiner Pro-Assad-Haltung im Syrien-Konflikt hat er viele Sympathisanten verloren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856220,00.html
Herr Nasrallah ist also nur der "Profiteur" der Proteste, während im Artikel drüber die Anhänger der ProDeutschland-Bewegung zu "Zündlern" befördert werden. Denn wer lediglich profitiert, kann niemals ein solch schlimmer Mensch sein wie jener, der zündelt. Macht Euch mit Euren Überschriften nicht lächerlich, liebe Spiegel-Leute.
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