Feldzug gegen Blasphemie Pakistanischer Minister weitet Kopfgeld-Pläne aus

Erst setzte er eine Belohnung für den Tod des Schmähvideo-Machers aus, nun weitet er seine Tiraden auf alle "Gotteslästerer" aus. Wer Pakistans Kopfgeld-Minister Bilour beobachtet, kann nur erahnen, was ihn treibt. Applaus jedenfalls bekommt er - von den Taliban.

Minister Bilour beim Interview in Islamabad: Morddrohung gegen Regisseur
AFP

Minister Bilour beim Interview in Islamabad: Morddrohung gegen Regisseur

Von , Islamabad


Die vergangenen Tage waren anstrengender als erwartet. Ghulam Ahmad Bilour hat dunkle Ringe unter den Augen. Vorige Woche hat er ein Kopfgeld von 100.000 Dollar ausgesetzt auf den Macher des antiislamischen Videos, das zu Protesten in vielen islamischen Ländern geführt hat. Seine Ankündigung vor ein paar Journalisten in Peschawar hat ihn bekannt gemacht und ihm Kritik aus der ganzen Welt eingebracht, auch weil er die "Brüder von den Taliban und von al-Qaida" aufgefordert hat, dabei zu helfen, den Filmemacher zu töten.

Seither hat er öffentliche Auftritte zwar gemieden, aber er scheint kaum zur Ruhe gekommen zu sein. Er wirkt müde, so etwas muss man als 72-Jähriger erst einmal wegstecken. Aber dann blitzen seine Augen auf, da ist noch Kampfeslust. "Kein Stück nehme ich zurück", sagt er, wieder in Peschawar, diesmal vor seinen Anhängern in einer Moschee.

Bilour ist Eisenbahnminister von Pakistan, in einem Land, in dem die Eisenbahn faktisch keine Rolle spielt, was auch an Bilour liegt, weil er ein Freund der mächtigen Spediteure ist. Auf einer Pressekonferenz in Islamabad zur Lage der Bahn in Pakistan sagte er: "Wir haben kein Geld, daher können wir uns keine Eisenbahn leisten. Aber Saudi-Arabien hat auch keine Bahn. Afghanistan hat keine Bahn. Warum also braucht Pakistan eine Bahn?"

Er würde notfalls auch selbst töten, sagt der Minister

Außer wegen seiner Unfähigkeit hat ihn bis zur Ankündigung des Kopfgelds, das er aus seinem Privatvermögen zahlen will, kaum jemand in der Hauptstadt Islamabad wahrgenommen. Jetzt wittert er die Chance, sich zu profilieren. Schließlich sind in wenigen Monaten Wahlen in Pakistan. Wenn man ihn reden hört, bekommt man den Eindruck, dass er hofft, es noch einmal richtig krachen lassen zu können. Das Ganze könnte auch sein politisches Ende bedeuten, aber was macht das schon in seinem Alter. Da kann man ruhig alles auf eine Karte setzen.

"Ich werde auch künftig ein Kopfgeld auf alle aussetzen, die den Islam beleidigen", sagt er am Wochenende in jedes Mikrofon und in jeden Telefonhörer in seiner Nähe. Den Film zu erlauben unter dem "Deckmantel der Meinungsfreiheit", sei "unfair", schimpft er. "Wenn der Westen nicht in der Lage ist, solche Beleidigungen unseres Propheten, Friede sei mit ihm, zu verbieten, müssen wir leider zu solchen sicher nicht guten Mitteln greifen."

Die Sache, betont er, sei ihm so wichtig, dass er notfalls auch bereit sei, selbst zu töten oder getötet zu werden. Er wiederholt seinen Satz, für den ihn viele in der ganzen Welt für einen Irren halten: "Ich würde diesen Filmemacher eigenhändig umbringen, wenn ich ihn zu fassen kriege." Und ja, er sei bereit, wegen Mordes am Galgen zu sterben, wenn es um die Wahrung der Ehre des Islam und des Propheten gehe. "Letztlich ist es doch Gottes Entscheidung, wann und wie wir zu sterben haben."

Bilour besitzt ein Pornokino

Die Regierung und die säkulare, liberale Partei ANP, der Bilour angehört und die die Interessen der knapp 30 Millionen Paschtunen in Pakistan vertritt, nehmen von Anfang an Abstand von ihm. Was er sage, sei seine "Privatmeinung", heißt es aus dem Büro des Premierministers sowie aus der ANP-Führung. Aber Bilour glaubt, dass das nur öffentliche Distanzierungen seien. "Weder der Premierminister noch irgendjemand aus meiner Parteiführung haben mich in dieser Angelegenheit kontaktiert", sagt Bilour. "Sie hätten mich ja auffordern können, meine Aussage zurückzunehmen. Das tut aber niemand."

Bilour stammt aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie, die seit Jahrzehnten in der Politik mitmischt. Seine Familie besitzt mehrere Kinos in Peschawar, eines davon ein Pornokino, das Bilour selbst gehört. Das ist jedoch vergangene Woche abgebrannt, angezündet von wütenden Demonstranten gegen das Mohammed-Schmähvideo. Seine Reaktion, munkeln viele, sei auch in der Hoffnung geschehen, dass die Taliban ihn und seinen Besitz künftig schützen.

Und prompt erhält Bilour von der pakistanischen Taliban-Dachorganisation Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) Zuspruch. US-Geheimdienste werfen der pakistanischen Regierung immer wieder vor, einerseits Anti-Terror-Partner des Westens zu sein, heimlich aber Extremisten zu unterstützen. Die freundlichen Worte für Bilour wirken da geradezu wie ein Beweis und sind peinlich für die Regierung. Bilour sei ein "ehrenwerter, mutiger Mann", der "das Richtige tue", sagt ein Taliban-Sprecher. Und man habe den Minister von der Todesliste der Taliban entfernt.

Radikale loben Bilour

Bilour wirkt hilflos, wenn er versucht, diese Peinlichkeit klein zu reden. "Was hat das schon zu bedeuten?", fragt er. "Ich könnte genauso gut an einem Herzinfarkt oder bei einem Unfall ums Leben kommen."

Auch von anderen Radikalen erfährt er Zustimmung. Eine islamistische Partei will ihm demnächst einen Tapferkeitsorden verleihen, eine andere kündigt an, das von Bilour ausgesetzte Kopfgeld aus der Parteikasse zu verdoppeln. Mehrere Geistliche loben, Bilour wandele "in den Fußspuren von Heiligen".

Wie um zu beweisen, dass er kein Gewaltverherrlicher ist, kritisiert Bilour vor seinen Anhängern die Gewalt bei den Protesten gegen den Film. Dass dabei in der Stadt Mardan eine Kirche niedergebrannt wurde, verurteile er. "Das hat ein negatives Bild vom Islam erzeugt und eine falsche Botschaft in die Welt hinausgeschickt."

Wie das mit seinem Mordaufruf zusammenpasst, erklärt er nicht. Es fragt ihn aber auch niemand danach.

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Seite 1
Blackysmart 30.09.2012
1. No Go
Zitat von sysopAFPPakistans Kopfgeld-Minister gibt keine Ruhe. Erst setzt er eine Belohnung für den Tod des Schmähvideo-Machers aus, nun weitet er seine Tiraden auf alle "Gotteslästerer" aus. Wer ihn beobachtet, kann nur erahnen, was ihn treibt. Applaus jedenfalls bekommt er - von den Taliban. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mohammed-video-pakistanischer-minister-weitet-kopfgeld-plaene-aus-a-858762.html
Dieser sogenannte "Minister" ist nicht nur ein religiöser Fundamentalist und Fanatiker, sondern auch ein politischer Dummkopf. Man sollte Pakistan mit Abbruch der diplomatischen Beziehungen drohen und es dann auch tun, wenn dieser Mann weiterhin ein offizielles Mitglied der pakistanischen Regierung bleibt. Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass die pakistanische Regierung einen Anstifter zum Mord an Andersgläubigen in ihren Reihen duldet der noch dazu offiziell eine Terrororganisation unterstützt.
betaknight 30.09.2012
2.
Zitat von sysopAFPPakistans Kopfgeld-Minister gibt keine Ruhe. Erst setzt er eine Belohnung für den Tod des Schmähvideo-Machers aus, nun weitet er seine Tiraden auf alle "Gotteslästerer" aus. Wer ihn beobachtet, kann nur erahnen, was ihn treibt. Applaus jedenfalls bekommt er - von den Taliban. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mohammed-video-pakistanischer-minister-weitet-kopfgeld-plaene-aus-a-858762.html
Und da beschwere sich noch jemand über die Methodend er Amerikaner, wenn sie einfach in fremden Staaten ihre Feinde jagen...
lezel 30.09.2012
3. Taliban für Porno
Zitat von sysopAFPPakistans Kopfgeld-Minister gibt keine Ruhe. Erst setzt er eine Belohnung für den Tod des Schmähvideo-Machers aus, nun weitet er seine Tiraden auf alle "Gotteslästerer" aus. Wer ihn beobachtet, kann nur erahnen, was ihn treibt. Applaus jedenfalls bekommt er - von den Taliban. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mohammed-video-pakistanischer-minister-weitet-kopfgeld-plaene-aus-a-858762.html
Es geht dem nutzlosen Minister nicht um Mohammed, Hiebe sind mit ihm, sondern er pflegt dessen uralte islamische Tradition: Die eigenen Interesen mit religiösen Geboten durchzusetzen. Der Minister betreibt Pornokinos, die im Zuge der Proteste angegriffen wurden, und diese Pornokinos will er schützen. Er kann aber schlecht die Taliban bitten, mit ihren bewaffneten Kämpfern die Pornokinos zu bewachen. Also versucht er, den Protest zu beenden, indem er den Urheber des Films töten läßt, und da ist ihm dann jeder Helfer recht. Das Geschwafel vom Propheten dient nur dazu, ein paar Deppen zu finden, die sich für die Interessen des Ministers einsetzen.
grosskoordinator 30.09.2012
4. Nun erst Recht!
Meinen Oma (88), zeitlich, örtlich orientiert und im vollen Besitz ihrer körperliche und physischen Kräfte, hat nachdem sie von Herrn Bilour gehört hat ihre alte BDM-Ringführerin Tracht aus dem Keller geholt und begrüßt mich seit dem jeden Morgen in ordentlicher "Kluft" mit "Front Heil". Ein Hitlerbild, mit schwarzem Trauerband, hängt auch wieder im Schlafzimmer. Der Führer schaut jetzt jede Nacht auf sie runter. Sie spricht auch mit ihm. Im Senjorenzentrum hat sie ihre alten Kameradinnen aktivier, gemeinsam geben sie einmal die Woche Weltanschaulichen Unterricht bei "Caro-Kaffee" und selbstgebackenem Spritzgebäck. Sie haben ein Nachbarschaftsnetzwerk "Jutta Rüdiger" gegründet. Von Ihrer oppulenten Rente hat sie ein Kopfgeld zur Ergreifung, Tod oder lebendig, von jedem Islamistenführer ausgesetzte. Nächstes Jahr wollen sie gegen den geplanten Bau einer "Ditib-Moschee" in Wuppertal demonstrieren. Das ist mir tausendmal lieber als das volksverräterische Handeln unserer sogenannten intellektuellen, politischen Führungselite. Die das geschehenen, unbeschreibliche Unrecht an den Juden nicht verhindern konnte und nunmehr geleitet von falsch verstandenem Gutmenschentum versucht es an den Moslems wieder gut zu machen.
bertholdböckchen 30.09.2012
5. Todesliste
Es ist grotesk. So wie dieser Mann sein Amt als Minister ausübt, so steht er zu seiner Religion. Nämlich gar nicht. Das zeigt wieder einmal, dass zwischen den einzelnen Kulturen die Unterschiede doch nicht so groß sind. Geht es um um den eigenen Kopf oder Profit ist der hochverehrte Prophet egal, hauptsache der Herr Minister steht nicht mehr auf der Todesliste der Taliban. Die Sache mit seinem Pornokino? Was soll's, das wird seinen Profit nicht schmälern.
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