Brüsseler Problemviertel Molenbeek Je suis 1080

Molenbeek, Postleitzahl 1080, ist verrufen als Hochburg der Dschihadisten. Die Bewohner des Brüsseler Stadtteils haben genug von diesem Image - und planen eine große Friedensdemo.

Von Stephan Orth, Brüssel

Bewohner in Molenbeek: "Wir wollen zeigen, dass dies ein friedlicher Ort ist"
DPA

Bewohner in Molenbeek: "Wir wollen zeigen, dass dies ein friedlicher Ort ist"


Die Illustration, die in manchen Straßen schon an jedem zweiten Fenster hängt, zeigt den Turm der Saint-Jean-Baptiste-Kirche, das Rathaus am Place Communale und ein paar Reihenhäuser. Darunter steht "Molenbeek", das "o" ist als Peace-Zeichen dargestellt.

"Wir wollen zeigen, dass dies ein friedlicher Ort ist", sagt Gregory, ein Mitarbeiter des Vaartkapoen-Bürgerzentrums in dem Brüsseler Stadtviertel. Die Mitglieder planen zusammen mit anderen Initiativen für Mittwoch eine Mahnwache mit Hunderten Kerzen auf der Place Communale. Sie erwarten mindestens 1000 Menschen.

1000 von knapp 90.000 wären das. So viele Einwohner hat das Viertel westlich des Stadtzentrums, das nach den Anschlägen in Paris als Heimat von Terroristen Schlagzeilen macht. Wieder einmal. Schon bei früheren Terrorakten hatten immer wieder Spuren hierher geführt, das Image von Molenbeek hat nachhaltig gelitten.

"Frankreich sollte Molenbeek bombardieren statt Rakka", sagte Eric Zemmour, ein für markige Sprüche bekannter französischer Publizist. Noch wütender äußern sich manche Kommentatoren im Internet: "Schande über Euch, die verf****te Islamistische Stadt Molenbeek wird nicht überleben", heißt es in einem offenbar aus Indien stammenden Posting auf der Facebook-Seite des Brüsseler Stadtteils. Und in einem weiteren: "Geht zur Hölle, ihr Verräter!"

Ortsschild mit Peacezeichen: 90.000 Menschen leben in dem Viertel
SPIEGEL ONLINE

Ortsschild mit Peacezeichen: 90.000 Menschen leben in dem Viertel

Die Einwohner des ehemaligen Industriearbeiterviertels leiden unter solchen Angriffen. Während in jedem Teehaus und jedem Restaurant rund um die Uhr arabische oder belgische Nachrichten über das Paris-Attentat laufen, sind die Einheimischen um Normalität bemüht. "So schlimm ist es hier gar nicht", sagen viele, wenn man sie zu ihrem Viertel befragt. Nach einer Großrazzia am Montag in der Rue Ransfort hat sich die Lage wieder beruhigt, nun patrouillieren nur noch Polizisten in Zweiergruppen mit Hunden durch die Straßen.

In so einem Moment trifft die Peacezeichen-Illustration, hundertfach auf Din-A-4-Blättern ausgedruckt, einen Nerv. Weil sie Statement und Wunschtraum zugleich ist. Drei Orte sind darauf zu sehen, Kirche, Marktplatz, Reihenhäuser. Wir haben sie besucht, um ein Stimmungsbild zu erhalten.

Kirche Saint-Jean-Baptiste

Das markanteste religiöse Gebäude von Molenbeek ist nicht eine der 22 Moscheen des Viertels, sondern eine 56 Meter hohe christliche Kirche aus Beton im Art-déco-Stil. Darin befindet sich derzeit eine Fotoausstellung mit dem Titel "Je suis l'autre" ("Ich bin der andere") mit Bildern von Kirchen, Synagogen und Moscheen.

Polizeimotorrad im Viertel Molenbeek: Seit den Anschlägen kam es in Brüssel zu mehreren Razzien und Verhaftungen
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Polizeimotorrad im Viertel Molenbeek: Seit den Anschlägen kam es in Brüssel zu mehreren Razzien und Verhaftungen

"Wir wollen damit den Leuten die Augen öffnen für andere Religionen", sagt Karin, eine der Organisatoren. "Leider ist es immer schwierig, verschiedene Gruppen zusammenzubringen, das ist auch in Molenbeek das Problem. Selten kommt mal ein Muslim in die Ausstellung."

Das Image des Viertels sei schlechter als die Realität, sagt sie. "Die RAF konnte sich in München auch lange verstecken, darum ist München nicht automatisch schlecht", schaltet sich ein Mitorganisator der Ausstellung in die Unterhaltung ein.

"Vielleicht muss man froh sein, dass sie hier in Belgien wohnten und nicht als Flüchtlinge kamen", sagt Karin. Wegen der öffentlichen Meinung in Europa. Weil sonst Konservative noch härtere Maßnahmen gegen Flüchtlinge an europäischen Grenzen fordern würden.

Place Communale

Ob auf dem Kopfsteinpflaster der Place Communale momentan überhaupt noch Platz für 1000 Menschen ist, muss bezweifelt werden. Mehr als ein Dutzend Sendewagen großer Fernsehstationen füllen den Platz aus, ständig spricht jemand einen Beitrag in die Kamera. In dem Haus mit der Nummer 30 soll Salah Abdeslam zeitweise gewohnt haben, der derzeit meistgesuchte Mann Belgiens.

Der 26-jährige Bruder eines Attentäters war Mitstreiter der Paris-Terroristen, möglicherweise war er selbst für einen Anschlag eingeplant, kam aber aus bislang ungeklärten Gründen nicht zum Einsatz. Er gilt als gefährlich und seine Festnahme wäre für die Ermittler auch wegen seines Wissens von unschätzbarem Wert.

Nun wurde bekannt, dass er nach dem Attentat in einem Auto von Paris nach Brüssel gelangte - ein Grund, warum die Stadt sich weiter in hoher Alarmbereitschaft befindet. Aus Angst vor einem Anschlag, möglicherweise aber auch wegen befürchteter Personal-Engpässe bei der Polizei, wurde das für den Abend geplante Fußballspiel Belgien gegen Spanien abgesagt.

U-Bahn-Haltestelle Osseghem im Stadtteil Molenbeek: Hier wurden am Wochenende zwei Menschen festgenommen
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U-Bahn-Haltestelle Osseghem im Stadtteil Molenbeek: Hier wurden am Wochenende zwei Menschen festgenommen

Auf der Place Communale spürt man, dass einige Einheimische inzwischen genervt sind von der medialen Aufmerksamkeit. Ein junger Journalist mit Kameramann hält jedem Passanten und jedem Shopbesitzer sein Handy mit dem Fahndungsfoto von Abdeslam unter die Nase: "Erkennen Sie diesen Mann?" Immer wieder wird er ziemlich mürrisch abgewiesen.

Die Reihenhäuser

Elke aus Flandern, eine Mitarbeiterin der Maison des Cultures et de la Cohésion Sociale, klingelt an jeder Tür und verteilt Molenbeek-Peacezeichen-Poster. "Bitte hängen Sie das an Ihr Fenster, alle sollen das sehen", sagt sie. Dann lädt sie zu dem Kerzen-Event am Mittwoch ein.

Ihre Organisation engagiert sich für Kulturaustausch im Viertel, veranstaltet Konzerte, Theateraufführungen und Events für Kinder. "Hier wird schon viel getan", sagt sie. "Es ist frustrierend, dass Molenbeek trotzdem immer wieder in die Negativschlagzeilen gerät."

Bis auf eine Frau versprechen alle, das Poster aufzuhängen. Manche wollen noch reden. Über die Abdeslam-Brüder; darüber, dass man von extremistischen Tendenzen hier im Alltag doch gar nichts mitbekomme; über die nervenden Journalisten. Eine Einwohnerin zeigt auf Facebook ein paar Videos der Attentate von Paris, die sie gepostet hat. Gerade ist sie Mitglied geworden auf der Seite "Je Suis 1080" (ich bin 1080, die Postleitzahl des Bezirks Molenbeek-Saint-Jean), die versucht, der friedlichen Mehrheit der Molenbeeker eine Stimme zu geben.

"Molenbeek-Saint-Jean sind in aller erster Linie wir Menschen", heißt es in einem emotionalen Posting. "Menschen, die Familien haben, Menschen, die ihre Kinder aufziehen, die versuchen, in Frieden zu leben. Junge, Alte, Dicke, Dünne, Muslime, Hindus, Christen, Atheisten, mit krausen Haaren oder blonden Locken. Einfache Menschen oder komplizierte Menschen. [...] Eines der Ziele eines jeden Belgiers (und jedes Menschen) sollte sein, alles zu tun, damit unsere Kinder niemals die Wahl treffen, sich im Namen von was auch immer in die Luft zu sprengen."

Es klingt, als wolle man nicht nur die Außenwelt überzeugen.

Im Video: Von Kneipenbesitzern zu Terroristen

REUTERS
Mitarbeit: Ayla Mayer

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris



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