Anschlag in Montenegro "Eine Art letzte Warnung"

In dem kleinen Adria-Staat Montenegro gehören Attacken und Anschläge auf Journalisten zum Alltag. Nun wurde dort eine Investigativreporterin angeschossen.

Journalisten protestieren in Montenegros Hauptstadt Podgorica
AFP

Journalisten protestieren in Montenegros Hauptstadt Podgorica


Montenegro gilt als Musterland des Westbalkan. Der kleine Adria-Staat mit seinen 600.000 Einwohnern wurde im vergangenen Jahr in die Nato aufgenommen, ist in den EU-Beitrittsverhandlungen seit 2012 so weit vorangekommen wie kein anderes Land der Region und verwendet den Euro mit stillschweigender Billigung der EU schon seit 2002 als Zahlungsmittel. Eine Situation, die auch mit entsprechenden demokratischen und rechtsstaatlichen Standards einhergehen sollte. Doch davon ist Montenegro weit entfernt.

Das zeigt sich unter anderem an der Lage der Medien: Montenegro zählt zu den gefährlichsten europäischen Ländern für Journalisten - in den vergangenen Jahren gab es Dutzende Attacken und Anschläge auf Redakteure und Reporter unabhängiger Medien. Der neueste Fall ereignete sich am Dienstagabend in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica: Die Investigativreporterin Olivera Lakic von der unabhängigen Tageszeitung "Vijesti" wurde vor ihrem Wohnhaus auf dem Boulevard Svetog Petra Cetinjskog im Zentrum von Podgorica angeschossen. Ein Mann kam gegen 21 Uhr vor dem Eingang des Wohnhauses auf sie zu und schoss ihr ins Bein. Die 48-Jährige wurde bei dem Angriff nicht lebensgefährlich verletzt und wird derzeit in einem Krankenhaus behandelt. Der Täter konnte bisher nicht festgenommen werden.

Lakic berichtete für "Vijesti" über das organisierte Verbrechen in Montenegro und über die Verbindungen zwischen kriminellen Gruppierungen und der Regierungs- und Staatsführung. Es war der dritte Angriff auf die Journalistin seit 2011. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter, die Anfang 20 sind. 2012 bedrohten Unbekannte Lakics Tochter, sie selbst wurde verprügelt und erlitt eine Gehirnerschütterung. Öffentlichen Stellungnahmen möchte die Journalistin derzeit nicht abgeben und war daher auch für den SPIEGEL nicht zu sprechen.

Olivera Lakic (Archivbild)
AP

Olivera Lakic (Archivbild)

"Vijesti"-Chefredakteur Mihailo Jovovic äußerte sich dem SPIEGEL gegenüber zutiefst schockiert und entsetzt über den Anschlag auf seine Kollegin. "Dieser dritte Angriff auf Olivera Lakic ist wohl eine Art letzte Warnung", sagt Jovovic. Und: "Es ist zu befürchten, dass sie beim nächsten Mal ermordet wird."

Der Anschlag auf Lakic ist einer von fast einem Dutzend Angriffen auf "Vijesti"-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren. Erst vor wenigen Wochen, in der Nacht zum 2. April, wurde der Privatwagen des "Vijesti"-Mitarbeiters Sead Sadikovic durch eine Bombe schwer beschädigt. Sadikovic hatte ebenfalls über das organisierte Verbrechen in Montenegro berichtet. Auch Jovovic selbst war mehrfach Opfer von Attacken und Anschlägen. Zuletzt explodierte im Dezember 2013 unter dem Fenster seines Büros in Podgorica eine Bombe.

Als "faschistisches Medium" beschimpft

Aufgeklärt wurde bisher keiner der Fälle. Jovovic macht dafür auch mangelnden politischen Willen verantwortlich. "Bei uns herrscht ein Klima, in dem Vertreter des organisierten Verbrechens ungestraft Journalisten angreifen oder sogar umbringen können", sagt Jovovic und verweist dabei auf den Fall des im Mai 2004 auf offener Straße erschossenen Chefredakteurs des Blattes "Dan", Dusko Jovanovic. Der Mord ist bis heute ebenfalls nicht vollständig aufgeklärt. An der Täterschaft des als Mörder Verurteilten bestehen Zweifel, die Hintermänner wurden nicht gefunden.

Milo Djukanovic (Archiv)
REUTERS

Milo Djukanovic (Archiv)

Dass es zuletzt wieder mehrfach "Vijesti"-Mitarbeiter getroffen hat, ist wenig verwunderlich. Die Zeitung berichtet seit Jahren immer wieder über die Verstrickung des derzeitigen Staatspräsidenten Milo Dukanovic in kriminelle Aktivitäten und über seine Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Der ehemalige jugoslawische Jungkommunist Dukanovic herrscht seit 1991 nahezu ununterbrochen im Land, mal als Regierungs-, mal als Staatschef. Mitte April wurde er zum zweiten Mal als Staatspräsident gewählt. Im Wahlkampf hatte er "Vijesti" als "faschistisches Medium" bezeichnet, weil die Zeitung über Korruptionsaffären seines Sohnes Blazo berichtet hatte.

Dukanovic steht im Ruf, Montenegro wie ein Privatunternehmen seiner Familie zu verwalten: Sein Bruder Aco besitzt die größte Bank des Landes, Prva Banka, seine Schwester Ana ist Chefin einer einflussreichen Anwaltskanzlei, an der kein ausländischer Investor vorbeikommt, sein schwerreicher Sohn Blazo macht undurchsichtige Geschäfte im Außenhandel sowie im Dienstleistungs- und Immobilienbereich. Gegen Dukanovic selbst ermittelte die italienische Staatsanwaltschaft jahrelang wegen großangelegten Zigarettenschmuggels, die Untersuchungen wurden jedoch 2009 eingestellt. Montenegro war außerdem bis vor wenigen Jahren noch Unterschlupf für europäische Drogenhändler, darunter für den Kokainbaron Darko Saric, der derzeit in Serbien im Gefängnis sitzt.

Auf diesem Hintergrund kritisiert der "Vijesti"-Chefredakteur Jovovic die nachsichtige Haltung der EU und der westlichen Gemeinschaft gegenüber Montenegro. Für den Westen gehe im Fall Montenegros Stabilität vor Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, so Jovovic. "Diese Haltung muss sich ändern, wir können so, wie die Verhältnisse bei uns jetzt sind, unmöglich EU-Mitglied werden."

Entsetzt von dem Anschlag auf Olivera Lakic äußerten sich inzwischen auch mehrere Vertreter europäischer Gremien, darunter des Europarates und der OSZE. In Podgorica protestierten am Mittwoch wegen der Anschläge und Übergriffe Hunderte von Journalisten. "Vijesti" titelte dazu: "Europa, wie lang noch?"



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