Montenegro Außen öko, innen korrupt

Montenegro definiert sich per Verfassung als ökologischer Staat: Doch korrupte Politiker und Unternehmer füllen sich die Taschen, während die Natur leidet.

Zenepa Lika

Aus Ulcinj und Sekular berichtet


Es ist still in der Saline. Früher konnte man hier Abertausende Vögel beobachten, aber jetzt: nichts. Viele Becken sind ausgetrocknet, Pumpanlagen rosten vor sich hin. In der Ferne flattern Möwen, immerhin. Die Umweltaktivistin Zenepa Lika steht in einem der Becken. Sie kennt den Anblick seit Jahren und ist trotzdem fassungslos. "Die Gier zerfrisst dieses Land", sagt sie.

Ulcinj im äußersten Süden Montenegros. Hier liegt, wenige hundert Meter hinter der Adria-Küste, die größte Meerwassersaline der Balkanregion. Auf fünfzehn Quadratkilometern wurden hier einst 30.000 Tonnen Salz jährlich produziert. Das Areal war lange Zeit auch ein einzigartiges Vogelparadies - Nist- und Rastplatz für 250 Vogelarten, darunter Flamingos und seltene Pelikane. Eine ungewöhnliche Symbiose von Industrie und Ökologie.

Zenepa Lika in der Saline
Keno Verseck

Zenepa Lika in der Saline

Inzwischen jedoch trocknet die Saline immer mehr aus, immer weniger Vögel kommen, denn der Betrieb wurde 2013 eingestellt. Die Anlage ist balkanweit zu einem Symbol der Korruption und Naturzerstörung geworden - ausgerechnet einem Land, das Umweltschutz zu seinem Markenzeichen erhoben hat.

Als einziges Land der Welt definiert sich Montenegro in der Verfassung als ökologischer Staat. Seit Jahren werben die Regierungen des kleinen Adria-Landes mit dieser Besonderheit, in den seit 2012 laufenden EU-Beitrittsverhandlungen ebenso wie bei europäischen Touristikunternehmen. Die Realität sieht anders aus.

Die Geschichte der Saline Ulcinj ist nicht das einzige Beispiel dafür, aber das herausragendste. Das Gelände der 1935 erstmals in Betrieb genommenen Anlage steht seit 2004 unter Naturschutz. Im Zuge der Privatisierung von Staatsbetrieben erwarb die montenegrinische Investmentgesellschaft Eurofond die Saline 2005 - für lediglich 800.000 Euro. Damit begann eine Betrugsaffäre, die der montenegrinische Oppositionspolitiker Dritan Abazovic, der aus Ulcinj stammt und Chef der Partei "Vereinigte Reformaktion" (URA) ist, gegenüber dem SPIEGEL als "einen der größten Korruptionsfälle der postjugoslawischen Geschichte Montenegros" bezeichnet.

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Umweltprobleme in Montenegro: Die Saline vertrocknet, der Fluss verlegt

Eurofond-Haupteigner ist der Geschäftsmann Veselin Barovic, der zum engeren Kreis um den derzeitigen Staatspräsidenten Milo Djukanovic zählt. "Milo", seit fast 30 Jahren in wechselnden Funktionen an der Macht, kontrolliert Montenegro zusammen mit seiner Familie, politisch wie wirtschaftlich. Als die Saline privatisiert wurde, war Djukanovic Premierminister und als solcher auch Chef des Privatisierungsrates, der den Verkauf von Staatsvermögen regelt.

Das Vogelparadies verkommt

Nachdem Eurofond die Saline zum Schnäppchenpreis erworben hatte, wandelte das Parlament das Naturschutzgebiet 2007 in Bauland um, womit dessen Wert um ein Vielfaches stieg. Auf dem Gelände sollte ein Luxusresort mit Golfplätzen, Yachthafen und Wellness-Anlagen entstehen. Der Fond nahm auf das Land Hypothekenkredite in Millionenhöhe auf - Verbleib ungeklärt. Wichtigster Kreditgeber war die größte Privatbank des Landes, Prva Banka. Ihr Mehrheitsaktionär ist Päsident Djukanovic' Bruder Aleksandar, bekannt als "Aco".

Unter dem Druck von Bürgerprotesten und der Europäischen Union musste das Parlament 2012 die Umwandlung der Saline in Bauland zwar zurücknehmen. Doch seither zögern Privatisierungsrat und Gerichte mit einer Entscheidung zu der Frage, ob der Verkauf der Saline inklusive Land rechtens war. Die Regierung, Eurofonds und Prva Banka wollen sich auf Anfrage des SPIEGEL dazu nicht äußern.

Ruinen der Salzgewinnungsanlage
Zenepa Lika

Ruinen der Salzgewinnungsanlage

Derweil verkommt die stillgelegte Saline immer mehr. Umweltaktivistin Lika aus Ulcinj sieht in der juristischen Odyssee ein "Spiel auf Zeit". Sie hat deshalb vor kurzem die Aktion Save Salina mit initiiert. Denn sie befürchtet, "dass die Klärung des Falles solange verschleppt wird, bis es nichts mehr zu schützen gibt".

Überall werden Kleinkraftwerke gebaut

Im Ökostaat Montenegro ist die Saline Ulcinj nur der sichtbarste Fall, in dem Korruption und Umweltzerstörung einhergehen. In krassem Gegensatz zur Verfassung stehen auch zahlreiche andere Umweltsünden im Land. Wie die Zerstörung von Wildflüssen durch Wasserkraftwerke - ein Geschäft, bei dem die Djukanovic-Familie und ihr nahestehende Geschäftsleute ebenfalls in großem Stil profitieren.

Überall in Südosteuropa boomt der Bau kleiner und mittlerer Wasserkraftwerke, da staatliche Subventionen und europäische Fördergelder winken, etwa von der Entwicklungsbank EBRD. In Montenegro wurden in den letzten Jahren in Naturschutzgebieten und Nationalparks insgesamt 57 Kleinwasserkraftwerke geplant, so ein Inventar von Green Home, der wichtigsten Umweltorganisation im Land. Zehn davon arbeiten bereits, weitere zehn sind im Bau.

"Das Parlament hat für Strom aus erneuerbaren Quellen garantierte Abnahmepreise und -mengen festgelegt, deshalb ist Wasserkraft ein sehr lukratives Geschäft", erklärt die Vorsitzende von Green Home, Natasa Kovacevic. "Und deshalb sind viele hiesige Oligarchen und Familienangehörige von Djukanovic an diesen Projekten beteiligt." Das Umweltministerium will diese Aussage auf Anfrage des SPIEGEL nicht kommentieren.

Natasa Kovacevic
Keno Verseck

Natasa Kovacevic

Wasserstrom bringt Geld - aber nicht den Menschen am Fluss

Was der vermeintlich saubere Wasserkraftstrom anrichtet, kann man in Sekular besichtigen, einer Gemeinde mit weiträumig verstreuten Gehöften im bergigen Osten Montenegros. Durch ein enges Tal windet sich hier die Sekularska. An dem Flüsschen laufen seit 2016 vier Kleinwasserkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 1,6 Megawatt, Betreiber ist die Firma Hidroenergija Montenegro, die unter anderem dem Geschäftsmann Oleg Obradovic gehört, einem Freund der Djukanovic-Familie.

Beim Bau wurden Teile des Flussbettes verlegt, monatelang führte die sonst glasklare Sekularska massenweise Sedimente mit sich, an einigen Stellen rutschten steile Berghänge ab, weil Bäume gefällt worden waren. Heute fließt an vielen Stellen nur noch wenig Wasser in der Sekularska, weil es in Speicherbecken aufgestaut und unterirdisch zu den Turbinen geleitet wird.

Vadislav Deletic
Keno Verseck

Vadislav Deletic

Hoch über dem Fluss wohnt inmitten von Bergwiesen der Bauer Vadislav Deletic. Der 83-Jährige läuft am Stock, aber er schimpft wie ein junger Rebell - auf den Präsidenten, seine Oligarchen und die Korruption im Land. Hidroenergija mache fette Gewinne, zahle davon aber nur fünf Prozent als Konzessionsabgabe an die Kreisverwaltung. "Uns bringen die Kraftwerke gar nichts", sagt Deletic, "sie haben nur unseren schönen Fluss zerstört."

insgesamt 16 Beiträge
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ovi100 07.07.2018
1. die reichsten Personen im ehemaligen
Ostblock sind ehemalige Apparatschiks die dank korruptem Netzwerk zuerst heruntergewirtschaftete Staatsunternehmen fuer ein Bruchteil des Wertes angeignet haben, dann mit staatlichen und EU Subventionen sind reicht saniert haben und sodann am Markt als fast Monopolist sich aufstellen und dem Staat Dienstleistungen anbieten. Dieses Muster ist fuer alle ehemalige Ostblockstaaten gueltig und das Vermoegen dieser Leute ist betraechtlich..
Schmidt24 07.07.2018
2. Das sind doch beste Voraussetzungen,
um endlich der EU beizutreten und deren Größenwahn zu beflügeln. In Bulgarien und Rumänien war es doch auch nicht viel anders und die sind bekanntlich seit Jahren dabei.
karlsiegfried 07.07.2018
3. Wirklich blauäugig
Es war doch nichts anderes zu erwarten. Siehe Vorbilder Griechenland, Bulgarien, etc. Die EU-Bonzen haben mal wieder gekuscht. Und dann wundern, wenn .....
elmontenegrino 07.07.2018
4. Elmontenegrino
Die Wasserkraftwerke werden im Sinne der EU als Beitrag für den Umweltschutz gefördert. Niemand wünscht sich für sein Volk Umweltverschmutzung durch Energie aus Kohlekraftwerken. Die Solana in Ulcinj wurde privatisiert da der Ertrag nicht im Verhältnis zum Aufwand stand. In ehemaligen Kommunistischen Staaten wurden während des Kommunismus Projekte unterstützt und gefördert um die Menschen zu beschäftigen... egal wie sinnvoll das Projekt war oder nicht. Was Dritan Abazovic angeht ist es doch sehr erstaunlich, dass er, obwohl aus Ulcinj stammend, bei den letzten Wahlen das Vertrauen des Volkes nicht erlangen konnte. Nicht einmal 5 Prozent haben ihn und seine Freunde aus der URA gewählt. Nicht ohne Grund. Sein Programm alles bestehende auf den Kopf zu stellen aber nicht zu wissen was er anders machen will kommt nicht gut an. In seiner politischen Laufbahn hat er noch keinen einzigen brauchbaren Vorschlag für etwas besseres hervorgebracht.
frankfurtbeat 07.07.2018
5. das ...
das ist platt gesagt der Balkan, Korruption an allen Ecken und Enden ... Subventionsbetrug, Seilschaften durch Politik und Wirtschaft, Reichtum für einige wenige und der Rest muss schauen wie er zurechtkommt. Egal ob Albanien, Serbien, Mazedonien. Montenegro, Kroatien, Slowenien, Kosovo ... alles kommt mir irgendwie griechisch vor.
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