Montis Antrittsrede in Rom: "Klatschen Sie nicht, hören Sie zu"

Aus Rom berichtet Fabian Reinbold

Klare Worte von Mario Monti. Bei seinem ersten Auftritt vor den Parlamentskammern schwor er die Abgeordneten auf einen harten Sparkurs ein. Sie werden ihm folgen - aber kann der Technokrat auch das Volk mitreißen?

Bevor Italiens neuer Premier überhaupt auch nur ein Wort gesagt hatte, war auf den Straßen Roms die Empörung über seine Regierung greifbar. Gewerkschaften legten aus Protest den Nahverkehr lahm, U-Bahnhöfe waren seit dem Morgen verriegelt, und Hunderte Demonstranten marschierten durch die Altstadt auf den Senat zu, wo Monti sein Regierungsprogramm vorstellte.

Vorne marschierten Schüler und Studenten, hinten betagte Gewerkschafter mit roten Fahnen. Sie trugen Transparente, auf denen sie gegen die "Regierung der Banken" wetterten. Vor kurzem war ihr gemeinsamer Gegner noch Silvio Berlusconi, jetzt heißt er Mario Monti.

Als Mario Monti dann am späten Donnerstagmittag seine erste Rede als Italiens Regierungschef hielt, dürften sich die Befürchtungen der meist linken Demonstranten bestätigt haben: Der Neue will Italien einem Sanierungskurs unterziehen.

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Montis Antrittsrede: Italien reagiert allergisch auf die Sparmaßnahmen

Mit einschneidenden Sozialreformen will der 68 Jahre alte Wirtschaftsexperte, der am Mittwoch vereidigt worden war, das krisengeplagte Land wieder auf Kurs bringen:

  • Die Staatsausgaben sollen sinken,
  • die Arbeitnehmerrechte eingeschränkt werden,
  • das Rentenalter soll ebenso angehoben werden
  • wie wohl auch Immobiliensteuern und Verbrauchersteuern,
  • damit die Lohnsteuern sinken können.

Hart, aber fair lautete Montis Motto: Er kündigte Opfer an, die er jedoch gerecht verteilen wolle. Er bekannte sich auch zu Europa und machte klar, dass das Schicksal des Euro davon abhänge, ob Italien nun durchgreifende Reformen tatsächlich verabschiedet.

Im Senat gab es dafür viel Zustimmung. 44 Minuten sprach Monti und wurde dabei 17-mal von Applaus unterbrochen: "Hören Sie lieber, zu statt zu applaudieren", mahnte er schließlich die Senatoren. Später trat Monti dann auch im Abgeordnetenhaus auf.

Misstrauen in der Bevölkerung

Überraschungen präsentierte er nicht, und wirklich Konkretes hatte Monti auch nicht im Gepäck. Die groben Linien seiner jetzt angekündigten Reformen hatten Beobachter so erwartet. Am Abend spricht ihm der Senat das Vertrauen aus, am Freitagmorgen wird das Abgeordnetenhaus folgen. Die größten Fraktionen, sowohl die Berlusconi-Partei "Popolo della Libertà" (Volk der Freiheit) als auch die Sozialdemokraten, haben ihm bereits die Unterstützung zugesichert.

Deutlich schwieriger dürfte es für den 68-jährigen Monti werden, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Einen Vorgeschmack gab es am Donnerstag. In Anspielung auf die Abstimmungen hieß es auf Plakaten: "Wir haben kein Vertrauen in die neue Regierung" oder "Es sind nicht unsere Schulden, es ist eure Krise". Während es bei den Protesten in Rom friedlich blieb - die Studenten zogen nach Montis Rede wieder Richtung Universität ab -, gab es in Mailand und Palermo heftigere Zusammenstöße zwischen Hochschülern und der Polizei.

Montis Maßnahmen werden auf Widerstand stoßen - auch wenn klar ist, dass Italien Reformen nötig hat. Um seinen Schuldenberg von 1,9 Billionen Euro abzutragen, ist das Land dringend auf ökonomisches Wachstum angewiesen. Doch die Wirtschaft dümpelte zuletzt nahe am Nullwachstum, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent, im verarmten Süden ist stellenweise jeder zweite junger Italiener auf der Suche nach Arbeit.

Monti ging in seiner Rede auch auf deren Situation ein. Die Jugend und die Frauen seien "die großen verschwendeten Ressourcen Italiens", sagte er.

"Monti soll sagen, was er macht und dann auch machen, was er sagt"

Kurz bevor Monti im Senat sein Programm verkündete, fuhr er noch einmal zu Staatspräsident Giorgio Napolitano. Dort legten die beiden letzten Minister der neuen Regierung ihren Amtseid ab: Außenminister Giulio Terzi di Sant'Agata, bislang italienischer Botschafter in Washington, und Verteidigungsminister Admiral Giampaolo Di Paolo, eben noch für die Nato in Kabul, hatten es nicht früher nach Rom geschafft.

Damit ist Montis Mannschaft komplett: 17 Fachleute sollen Italien aus der Krise führen, unter ihnen ist kein einziger Parteipolitiker. Monti selbst übernimmt neben dem Amt des Regierungschef auch den zweitwichtigsten Posten: den des Ministers für Wirtschaft und Finanzen.

Offen ist, wie lange die Technokraten-Regierung im Amt bleibt. Monti hat in den letzten Tagen immer wieder betont, dass er das Land bis zu regulär anstehenden Wahlen 2013 führen wolle. Doch ob er sich wirklich so lange halten kann, ist fraglich. Sobald er die Reformvorhaben in konkrete Gesetzesvorhaben gießt, dürfte die Unterstützung der Parteien schwinden.

Der abgetretene Regierungschef Silvio Berlusconi sagte dann am Mittag auch vor den Senatoren seiner Partei, Monti bleibe nur so lange im Amt, "wie wir es wollen".

Dass Monti, anders als Vorgänger, seinen Worten auch Taten folgen lässt, fürchten Demonstranten wie manche Politiker. Andere jedoch hoffen genau darauf: Vor dem Senat sagte ein wartender Journalist, die Erwartung der Italiener an Montis Rede sei klar: "Monti soll sagen, was er macht und dann auch machen, was er sagt."

Das wäre bereits, sagte er in Anspielung auf Berlusconi, ein großer Fortschritt für Italien.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurden die Staatsschulden Italiens mit 1,9 Milliarden beziffert, tatsächlich handelt es sich um 1,9 Billionen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Die Legitimität …
wika 17.11.2011
… wird hier offenbar nicht in Frage gestellt. Sicher er ist vom Parlament bestätigt, wenn ich mich allerdings recht entsinne, nicht vom Volk gewählt. Ein Trend, nach Griechenland, der einem die Haare ergrauen lassen könnte und immer mehr Zweifel an der Demokratie aufkommen lässt. Ganz der Interessenlage geschuldet (natürlich ausnahmslos zum Wohle des Volkes) hievt man mal eben die Technokraten auf die Sockel. Monti kann und wird es nicht richten, weil er aus der Problemstruktur kommt die er jetzt beseitigen soll. Der Interessenkonflikt liegt auf der Hand und wir werden in Bälde die Ergebnisse sehen. Eines scheint aber gewiss, das Unterhaltungsformat, Made in Italy, kommt uns auch nach Berlusconi nicht abhanden. Nicht ganz ohne Häme im Netz zu finden: *„Monti fürs Grobe - Marge beruhigt die Banken“* … Link (http://qpress.de/2011/11/14/monti-furs-grobe-%e2%80%93-marge-beruhigt-banken/). Sie kennen das Format? Die Simpsons? Und ja die Marge ist üppig und wird die Banker erfreuen … (°!°)
2. Goldman Sachs
lagern 17.11.2011
Zitat von sysopKlare Worte zum Auftakt: "Klatschen Sie nicht, hören Sie zu", herrschte Italiens neuer Premier Mario Monti die Senatoren an. Bei seinem ersten Auftritt vor den Parlamentskammern schwor er die Abgeordneten auf einen harten Sparkurs ein. Sie werden im folgen - aber kann der Technokrat auch das Volk mitreißen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798472,00.html
übernimmt Europa, natürlich werden da nicht die Banken zu Rechenschaft gezogen, sondern Arbeitnhemer und ihre Rechte. Ein trauriger Tag für Europa. Für diejenigen die französich können: http://www.lemonde.fr/europe/article/2011/11/14/goldman-sachs-le-trait-d-union-entre-mario-draghi-mario-monti-et-lucas-papademos_1603675_3214.html
3. .
henningr 17.11.2011
Zitat von sysopKlare Worte zum Auftakt: "Klatschen Sie nicht, hören Sie zu", herrschte Italiens neuer Premier Mario Monti die Senatoren an. Bei seinem ersten Auftritt vor den Parlamentskammern schwor er die Abgeordneten auf einen harten Sparkurs ein. Sie werden im folgen - aber kann der Technokrat auch das Volk mitreißen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798472,00.html
Goldman Sachs regiert jetzt Griechenland und Italien. Whos next?
4. gespenst
zynik 17.11.2011
Zitat von sysopKlare Worte zum Auftakt: "Klatschen Sie nicht, hören Sie zu", herrschte Italiens neuer Premier Mario Monti die Senatoren an. Bei seinem ersten Auftritt vor den Parlamentskammern schwor er die Abgeordneten auf einen harten Sparkurs ein. Sie werden im folgen - aber kann der Technokrat auch das Volk mitreißen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798472,00.html
Es geht ein Gespenst um in Europa...namens Goldman Sachs. Wie kann man fragen ob er das Volk mitrreißen kann, wenn er nicht einmal demokratisch gewählt wurde?
5. Vollzogener Putsch
Transgender 17.11.2011
Wer hat Herrn Monti gewählt ausser Goldmann-Sachs?
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  • Donnerstag, 17.11.2011 – 18:49 Uhr
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Montis Technokraten-Kabinett
Premier und Minister für Wirtschaft und Finanzen: Mario Monti
(Ex-EU-Kommissar)
Staatsekretär: Antonio Catricala
(Chef der Kartellbehörde)
Außenminister: Giulio Terzi Sant'Agata
(italienischer Botschafter in Washington)
Innenministerin: Anna Maria Cancellieri
(Verwaltungsexpertin)
Verteidigungsminister: Giampaolo Di Paola
(Admiral der italienischen Marine)
Justizministerin: Paola Severino
(Rechtswissenschaftlerin, Anwältin)
Bildungsminister: Francesco Profumo
(Präsident des Nationalen Forschungsrats CNR)
Gesundheitsminister: Renato Balduzzi
(Jurist, Spezialist für das Gesundheitswesen)
Sozialministerin: Elsa Fornero
(Wirtschaftsprofessorin, Turin)
Umweltminister: Corrado Clini
(vorher Präsident des Klimarats im Umweltministerium)
  • Kulturminister: Lorenzo Ornaghi
    (Rektor der katholischen Universität Del Sacro Cuore)
    Agrarminister: Mario Catania
    (Europapolitiker, Spezialgebiet Agrarwirtschaft)
    Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Infrastruktur und Verkehr: Corrado Passera
    (Bankier, Chef der Intesa San Paolo)

Fünf Sonderminister für besondere Aufgaben:

Beziehungen zum Parlament: Piero Giarda
(lange Beamter im Finanzministerium)
Europäische Angelegenheiten: Enzo Moavero
(lange Zeit Mitarbeiter der EU-Kommission)
Tourismus und Sport: Piero Gnudi
(Ex-Präsident des Stromversorgers Enel)
Regionen: Fabrizio Barca
(bislang Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium)
Internationale Zusammenarbeit + Integration: Andrea Riccardi
(Historiker und Kirchenvertreter der Gemeinde Sant'Egidio)
Steckbrief Italien
REUTERS
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission

Fotostrecke
Aufstieg und Fall Silvio Berlusconis: Ciao Cavaliere

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Enrico Letta

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