Mord an Bibel-Verlegern Entsetzen über das "Schweinefessel-Verbrechen"

Den Opfern waren die Kehlen durchschnitten, sie waren wie Schlachtvieh gefesselt: Türkische Zeitungen berichten heute schockiert über den Mord an Bibelverlegern. Laut ersten von Medien zitierten Aussagen wollten die Täter Religion und Vaterland beschützen.

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Berlin – "Der Alptraum geht weiter", titelt die linkskonservative Zeitung "Milliyet" heute in großen Buchstaben und erinnert besorgt an vorherige Gewaltverbrechen in der Türkei. "Erst das Santoro-Verbrechen, dann das Dink-Attentat und nun die Gräueltat von Malatya", heißt es in der Überschrift. Die Zeitungen zeigen sich besorgt um die Folgen des gestrigen Tages. "Die Türkei ist wieder mit einem Verbrechen auf der Tagesordnung", steht in einem Kästchen in der "Milliyet". Bei dem Überfall waren ein Deutscher und zwei türkische Mitarbeiter des Zirve-Verlags getötet worden, der Bibeln verlegt..

Auch das nationalkonservative Boulevardblatt "Hürriyet" sorgt sich vor allem um die Reputation des Landes. "Nachdem das internationale Ansehen der Türkei durch den Mord an Priester Santoro in Trabzon und dem Journalisten Hrant Dink in Istanbul bereits geschädigt war, wurde es gestern nach der Gewaltmeldung aus Malatya erneut erschüttert", so die "Hürriyet".

Mit den Worten "Wieder die gleiche Sorglosigkeit" macht das Blatt heute zum Malatya-Thema auf. Damit spielt es auf die vorhergehenden Drohungen gegen den christlichen Zirve-Verlag an, die wie im Fall des mehrfach bedrohten armenischen Journalisten Hrant Dink nicht zu Vorsichtsmaßname führten.

Unter dem Namen "Kayra" sei der Zirve-Verlag in Malatya in verschiedenen Zeitungen bereits 2005 der "missionarischen Tätigkeit" bezichtigt worden. Er habe dann aufgrund von konkreten Drohungen seinen Namen in "Zirve" (Gipfel) geändert, berichtet die Hürriyet. "In letzter Zeit sprachen die Mitarbeiter in Malatya immer öfter davon, dass sie bedroht werden", sagt der Haupt-Geschäftsführer des Zirve-Verlags, Hamza Özant, in der "Milliyet". Informationen über die Hintergründe der Drohungen seien Özant nicht bekannt.

Vom "Schweinefessel"-Verbrechen ("domuz bagi") berichten türkische Medien seit gestern, weil den Opfern die Kehlen durchschnitten und sie an Füßen und Händen wie Schlachtvieh gefesselt worden waren. Diese Mord-Merkmale sind den Ermittlungsbehörden und der Öffentlichkeit in der Türkei bekannt und lenken den Verdacht stark auf ein islamistisch motiviertes Gewaltverbrechen.

Die Ermittlungsberichte der Medien widersprechen sich zum Teil: "Hürriyet"-Online zitierte gestern eine Meldung der Polizeipräsidiums, wonach "der erste Ermittlungsstand keine Verbindung zu terroristischer Gewalt oder organisiertem Verbrechen" aufweise. Heute ist in den Zeitungen (auch in Hürriyet) zu lesen, dass das Polizeipräsidium Malatya die Verlags-Computer untersuche und dabei auch eine Verbindung zu den Mördern von Priester Santoro im Februar 2006 in Erwägung ziehe.

Laut "Hürriyet" erklärten vier der am Mittwoch Festgenommenen, sie hätten für "Vaterland und Glauben" gehandelt. "Wir haben das nicht für uns selbst getan, sondern für unsere Religion", zitierte "Hürriyet" die Verdächtigen. Der Überfall sei "eine Lektion für die Feinde unserer Religion". Laut der Nachrichtenagentur Anadolu hatte jeder der vier Männer einen Brief bei sich, in dem sie sich als "Brüder" bezeichnen, die in den Tod gehen. Medienberichten zufolge handelt es sich um Studenten, die in einem Gebäude einer islamischen Stiftung wohnten. Heute wurden fünf weitere Verdächtige festgenommen.

Laut "Hürriyet Internet" wurde festgestellt, dass der verletzte Emre Günaydin, der nach der Tat aus dem Fenster gesprungen sei, der Anführer der brutalen Angreifer war. Die im Verlagshaus gefassten mutmaßlichen vier Mittäter seien Studenten zwischen 19 und 20 Jahren. Entgegen der ersten Annahme, die Männer seien Brüder, haben sie unterschiedliche Nachnamen, trugen jedoch alle den gleichen Erklärungs-Brief bei sich.

Auch türkische Politiker zeigten sich in ersten Reaktionen entsetzt. Ministerpräsident Erdogan erklärte laut Medienberichten gestern in Malatya, der Vorfall sei "in erster Linie eine schreckliche Gräueltat". "Der Umstand, wie die der Mord begangen wurde und dass ein Deutscher zum Opfer gefallen ist, erweitern die Dimension des Vorfalls", so Erdogan. Außenminister Abdullah Gül sagte, der Überfall habe das Ansehen der Türkei im Ausland beschädigt. Er habe sich gegen den Frieden, die Tradition der Toleranz und die Stabilität des Landes gerichtet.

In Istanbul demonstrierten gestern Abend 150 Menschen am Taksim Platz mit Schildern, auf denen stand "Wir sind alle Christen" und "Hand in Hand gegen den Faschismus". Der Vorsitzende der Vereinigung Protestantischer Kirchen in der Türkei Ihsan Özbek sagte in der "Hürriyet" "Die Türkei ist unsere Heimat und wir werden sie nicht verlassen". Özbek ist Pastor in Ankara und damit auch für die Gemeinde des ermordeten Necati Aydin aus Malatya zuständig. "Bis jetzt haben wir die Drohungen immer runtergeschluckt. Jetzt wollen wir, dass der Staat Maßnahmen ergreift."

Mit Material von AP



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