Chinas KP in der Krise: Die drei Geständnisse der Frau Bo

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Wann räumt Chinas KP endlich in den eigenen Reihen auf? In der Affäre um die Ermordung eines britischen Geschäftsmannes werden die Anschuldigungen immer unglaublicher: Die Frau des gestürzten Funktionärs Bo soll dabei zugesehen haben, als das Opfer gezwungen wurde, sich zu vergiften.

Giftaffäre: Die Bos und der Mann aus Großbritannien Fotos
REUTERS

"Ich habe es getan." Dreimal soll die Frau dieses Geständnis innerhalb kurzer Zeit wiederholt haben. Gemeinsam mit einem Gehilfen soll sie ihr Opfer gezwungen haben, einen Becher mit Zyanid zu trinken.

Die Frau heißt Gu Kailai, ist Gattin des Ex-Parteichefs von Chongqing und war einst eine einflussreiche Anwältin. Das Opfer ist der britische Geschäftsmann Neil Heywood, mit dem sie sich wegen eines Deals überworfen hatte - nun steht sie im Verdacht, ihn deshalb aus dem Weg geräumt zu haben. Die Quelle des Bekenntnisses ist kein Geringerer als der ehemalige Polizeichef von Chongqing, einer zentralchinesischen Millionenmetropole am Yangtse. Die Leiche des Briten wurde demnach verbrannt und nicht autopsiert.

Willkommen in den Niederungen der chinesischen Politik, einem Sumpf aus Gier, Intrigen und sogar Mord. Im Mittelpunkt stehen Bo Xilai, der frühere KP-Boss von Chongqing, vermutlich korrupt, und seine Gattin, von der nun das Bild einer kaltblütigen Kriminellen gezeichnet wird. Beide werden derzeit in Peking verhört. Bo hat alle Posten verloren, Gu könnte zum Tode verurteilt werden.

Immer mehr Einzelheiten dieser Affäre, die Chinas KP wenige Monate vor dem geplanten Führungswechsel in eine schwere Personal- und Identitätskrise gestürzt hat, dringen nun an die Oberfläche. Als Parteichef war Bo der mächtigste Mann von Chongqing, einer Stadtregion mit 30 Millionen Einwohnern.

Gu soll bei der Tat zugesehen haben

So soll die Juristin Gu, Tochter eines Generals, sogar in dem Hotelzimmer gewesen sein, als Heywood niedergerungen und gezwungen wurde, den Giftbecher zu leeren, berichtet jetzt die britische Zeitung "The Daily Telegraph". Stimmt das, wäre sie nicht nur Auftraggeberin für den Mord, sondern an der Tat beteiligt gewesen. Das Blatt beruft sich auf US-Diplomaten, die dem flüchtigen Polizeichef Wang Lijun - einem ehemaligen Vertrauten des Parteichefs Bo und dessen Frau - mehrere Stunden in ihrem Konsulat in der Stadt Chengdu zuhörten.

Nun hat sich auch der Sohn des Ex-Parteichefs, Bo Guagua, zu Wort gemeldet, der in den USA studiert. In der Zeitung der Harvard-Universität "The Harvard Crimson" veröffentlichte er eine Erklärung: Er sei keineswegs ein roter Lebemann, als der er in der Presse dargestellt werde, er fahre keinen Ferrari und studiere fleißig. Er habe sich stets sozial engagiert, sei beim Feiern nicht über die Stränge geschlagen. Das Studium an Elite-Universitäten sei ihm durch Stipendien und der "Großzügigkeit und den Ersparnissen meiner Mutter, die sie in ihren Jahren als erfolgreiche Anwältin und Autorin verdient hat", ermöglicht worden.

Das Drama um seine Eltern wolle er nicht kommentieren, erklärte Bo Junior. Er sei aber "tief besorgt über die Ereignisse um seine Familie herum". Offen bleibt, ob er in den USA um politisches Asyl gebeten hat oder ob er in seine Heimat zurückkehren will. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt, zuletzt wurde er gemeinsam mit US-Polizisten gesehen. Möglicherweise wollten ihn chinesische Fahnder über die finanziellen Machenschaften seiner Eltern vernehmen - womöglich als Zeugen, vielleicht sogar als Mittäter.

Die Geschäfte der Bo-Familie

Inzwischen sind auch weitere Details über die Geschäfte der Bo-Familie bekannt geworden. Danach ist Bo Guaguas Behauptung nicht wahr, er habe keine Geschäftsinteressen: Nach Recherchen der "New York Times" war er als 22-Jähriger Mitgründer eines Pekinger Technologie-Unternehmens, Startkapital: 320.000 US-Dollar.

Auch der Rest der Familie hat kräftig verdient. Die Brüder des gestürzten Bo und die Schwestern seiner Frau waren in den letzten Jahren eifrig dabei, Firmen im In- und Ausland zu gründen, Anteile in Staatsbetrieben zu erwerben, in Unternehmen zu investieren (etwa in die Produktion von Feuerlöschern) oder selbst in staatlichen Unternehmen zu arbeiten. Dabei häuften sie ein beträchtliches Vermögen an. Kaum zu glauben, dass Bo, der Mann an der Spitze, dabei nicht seine Finger im Spiel hatte.

Offen ist, wie Chinas KP mit dieser peinlichen Affäre weiter verfährt. Wird es einen öffentlichen Prozess geben, in dem alle Fakten auf den Tisch kommen? Oder wird eines Tages eine Fünf-Zeilen-Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua über das Ende der Familie Bo berichten?

Womöglich ist ja alles nur die Spitze des Eisbergs. Denn kaum jemand, der die Lage in Chinas KP kennt, hält es für möglich, dass Bo das einzige schwarze Schaf im Politbüro war. Was geschieht mit all den anderen Provinzchefs und Gouverneuren und ihren Familien, die über kleine Fürstentümer und große Bankkonten verfügen?

Die KP muss nun entscheiden, ob sie - wieder einmal - nur ein Exempel statuiert, oder ob sie die Affäre zum Anlass nimmt, ernsthaft über die Korruption in den eigenen Reihen nachzudenken.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. soso
autocrator 25.04.2012
soso, die KPCH befindet sich in einer personal- und identitätskrise. aha. Woran macht Lorenz das eigentlich fest? Will die KP nicht mehr kommunistisch sein? Oder ihren verfassungsrechtlichen führungsanspruch aufgeben? Verzweifelt sie an der vielen roten farbe und sucht nun nach einer lilablassblauen identität? Laufen ihr die mitglieder scharenweise davon und die wenigen verbliebenen kader sind nur noch grenzdebile alte zausel? Und dann: (Zitat (sic!)): "Möglicherweise wollten ihn chinesische Fahnder über die finanziellen Machenschaften seiner Eltern vernehmen - womöglich als Zeugen, vielleicht sogar als Mittäter." ... tja, Möglicherweise. Möglicherweise aber auch nicht. Oder möglicherweise wollen die "Fahnder" auch nur ringelrein spielen und amerikanisches eis essen. Möglicherweise den Bo-sohn rosa anmalen. Möglicherweise aber auch nicht - wer weiss da schon genaues, oder fände es mal notwendig, das ordentlich zu recherchieren? Denn (wieder Zitat): "Womöglich ist ja alles nur die Spitze des Eisbergs." Womöglich aber auch nicht. Womöglich ist aber auch alles ganz anders. Womöglich gibt es statistiken, seriöse schätzungen, offizielle und inoffizielles zahlenmaterial. Womöglich aber auch nicht. - wer weiss da schon genaues, oder fände es mal notwendig, das ordentlich zu recherchieren? Ach ja, denn vor lauter womöglich "muss" sich "die" KPCh (auch noch gleich in ihrer ganzen gesamtheit! - wow!) zu irgendwas entscheiden. Denn sonst müssen die oben genannten verbliebenen grenzdebilen kader-tattergreise allesamt quietschegrüne clownsnasen tragen, die KPCh wird bei den nächsten wahlen ganz nach westlicher demokratie-manier abgewählt und nur noch auf 0,5% der wählerstimmen kommen, und Mutti Merkel wird sonst auch ganz persönlich vorbeikommen und den umgefallenen sack reis wieder aufstellen! Ach, es ist schon ein kreuz, wenn man als kommunistische partei etwas "muss". Lieber herr Lorenz: es tut mir furchtbar leid, das mal ganz klar feststellen zu müssen: Sie haben nicht den blassesten schimmer von der KPCh. Und dass seriöser journalismus nicht wild irgendwelche mutmaßungen verbreitet, und wenn, diese hinreichend mit fakten stützt, ist das kleine 1 x 1 des journalismus, das Sie ganz offensichtlich nicht beherrschen. Auch wenn ich davon ausgehe, dass mein beitrag hier genau wie mein letzter der SpOn-zensur zum opfer fallen wird, werde ich mit meinen zeilen hier wenigstens den zensor erreicht haben. Vielleicht macht dieser sich ja mal ein paar gedanken, wie die China-berichterstattung verbessert werden kann. Mit einem kollegen Lorenz sicher nicht und letztlich leidet mit dessen artikeln die glaubwürdigkeit, der ruf und irgendwann daraufhin die auflagenhöhe des SPIEGEL und folglich auch das gehalt des zensors.
2. Wünsche China viel Erfolg ...
MrStoneStupid 26.04.2012
... beim Kampf gegen das Verbrechen aber derartige Methoden sind vielleicht auch in Deutschland und Europa weitaus häufiger, als man denken könnte. Tausende geschickt getarnte und nicht als solche erkannte Morde halte ich auch in Deutschland durchaus für vorstellbar. Seit Jahrzehnten existiert in Deutschland das organisierte Verbrechen (Deutschland - ein Mafia-Paradies? (http://www.heise.de/tp/artikel/35/35166/1.html)), es gibt Millionen illegale Waffen (http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/bis-zu-40-millionen-illegale-waffen-im-umlauf-1.477214), Hunderte Milliarden Schwarzgeld und Deutschland hat noch nicht einmal eine umfassende Vorratsdatenspeicherung ... was soll amn denn davon halten? (imho)
3. D
eigene_meinung 26.04.2012
In Deutschland kommt ähnliches auch vor, korrupte Politiker, korrupte Staatsanwälte und Richter, ... - meist geht es "nur" um viel Geld, aber es gibt auch Tote (besonders gern bedient man sich dabei der Grauzone des "Betreuungsrechts").
4. ähem...
Jonny_C 26.04.2012
Zitat von MrStoneStupid... beim Kampf gegen das Verbrechen aber derartige Methoden sind vielleicht auch in Deutschland und Europa weitaus häufiger, als man denken könnte. Tausende geschickt getarnte und nicht als solche erkannte Morde halte ich auch in Deutschland durchaus für vorstellbar. Seit Jahrzehnten existiert in Deutschland das organisierte Verbrechen (Deutschland - ein Mafia-Paradies? (http://www.heise.de/tp/artikel/35/35166/1.html)), es gibt Millionen illegale Waffen (http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/bis-zu-40-millionen-illegale-waffen-im-umlauf-1.477214), Hunderte Milliarden Schwarzgeld und Deutschland hat noch nicht einmal eine umfassende Vorratsdatenspeicherung ... was soll amn denn davon halten? (imho)
...was illegale Waffen und Schwarzgeld in Deutschland mit der Korruption in China zu tun haben wir wohl auf ewig Ihr Geheimnis bleiben ? Stupider gehts wohl nicht ? Das Chinesinnen knallhart sind kann ich bestätigen, eine guter Freund ist dummerweise (noch) mit einer verheiratet, die arme Sau.....
5. Wunderbar, autocrator, wunderbar!
laolu 26.04.2012
Zitat von autocratorsoso, die KPCH befindet sich in einer personal- und identitätskrise. aha. Woran macht Lorenz das eigentlich fest? Will die KP nicht mehr kommunistisch sein? Oder ihren verfassungsrechtlichen führungsanspruch aufgeben? Verzweifelt sie an der vielen roten farbe und sucht nun nach einer lilablassblauen identität? Laufen ihr die mitglieder scharenweise davon und die wenigen verbliebenen kader sind nur noch grenzdebile alte zausel? Und dann: (Zitat (sic!)): "Möglicherweise wollten ihn chinesische Fahnder über die finanziellen Machenschaften seiner Eltern vernehmen - womöglich als Zeugen, vielleicht sogar als Mittäter." ... tja, Möglicherweise. Möglicherweise aber auch nicht. Oder möglicherweise wollen die "Fahnder" auch nur ringelrein spielen und amerikanisches eis essen. Möglicherweise den Bo-sohn rosa anmalen. Möglicherweise aber auch nicht - wer weiss da schon genaues, oder fände es mal notwendig, das ordentlich zu recherchieren? Denn (wieder Zitat): "Womöglich ist ja alles nur die Spitze des Eisbergs." Womöglich aber auch nicht. Womöglich ist aber auch alles ganz anders. Womöglich gibt es statistiken, seriöse schätzungen, offizielle und inoffizielles zahlenmaterial. Womöglich aber auch nicht. - wer weiss da schon genaues, oder fände es mal notwendig, das ordentlich zu recherchieren? Ach ja, denn vor lauter womöglich "muss" sich "die" KPCh (auch noch gleich in ihrer ganzen gesamtheit! - wow!) zu irgendwas entscheiden. Denn sonst müssen die oben genannten verbliebenen grenzdebilen kader-tattergreise allesamt quietschegrüne clownsnasen tragen, die KPCh wird bei den nächsten wahlen ganz nach westlicher demokratie-manier abgewählt und nur noch auf 0,5% der wählerstimmen kommen, und Mutti Merkel wird sonst auch ganz persönlich vorbeikommen und den umgefallenen sack reis wieder aufstellen! Ach, es ist schon ein kreuz, wenn man als kommunistische partei etwas "muss". Lieber herr Lorenz: es tut mir furchtbar leid, das mal ganz klar feststellen zu müssen: Sie haben nicht den blassesten schimmer von der KPCh. Und dass seriöser journalismus nicht wild irgendwelche mutmaßungen verbreitet, und wenn, diese hinreichend mit fakten stützt, ist das kleine 1 x 1 des journalismus, das Sie ganz offensichtlich nicht beherrschen. Auch wenn ich davon ausgehe, dass mein beitrag hier genau wie mein letzter der SpOn-zensur zum opfer fallen wird, werde ich mit meinen zeilen hier wenigstens den zensor erreicht haben. Vielleicht macht dieser sich ja mal ein paar gedanken, wie die China-berichterstattung verbessert werden kann. Mit einem kollegen Lorenz sicher nicht und letztlich leidet mit dessen artikeln die glaubwürdigkeit, der ruf und irgendwann daraufhin die auflagenhöhe des SPIEGEL und folglich auch das gehalt des zensors.
Ich wollte gerade selbst was schreiben zu Herrn Lorenz, das kann ich mir dann ja sparen.
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Fotostrecke
China: Skandal um eine Prinzlings-Familie

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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