Von Andreas Lorenz
"Ich habe es getan." Dreimal soll die Frau dieses Geständnis innerhalb kurzer Zeit wiederholt haben. Gemeinsam mit einem Gehilfen soll sie ihr Opfer gezwungen haben, einen Becher mit Zyanid zu trinken.
Die Frau heißt Gu Kailai, ist Gattin des Ex-Parteichefs von Chongqing und war einst eine einflussreiche Anwältin. Das Opfer ist der britische Geschäftsmann Neil Heywood, mit dem sie sich wegen eines Deals überworfen hatte - nun steht sie im Verdacht, ihn deshalb aus dem Weg geräumt zu haben. Die Quelle des Bekenntnisses ist kein Geringerer als der ehemalige Polizeichef von Chongqing, einer zentralchinesischen Millionenmetropole am Yangtse. Die Leiche des Briten wurde demnach verbrannt und nicht autopsiert.
Willkommen in den Niederungen der chinesischen Politik, einem Sumpf aus Gier, Intrigen und sogar Mord. Im Mittelpunkt stehen Bo Xilai, der frühere KP-Boss von Chongqing, vermutlich korrupt, und seine Gattin, von der nun das Bild einer kaltblütigen Kriminellen gezeichnet wird. Beide werden derzeit in Peking verhört. Bo hat alle Posten verloren, Gu könnte zum Tode verurteilt werden.
Immer mehr Einzelheiten dieser Affäre, die Chinas KP wenige Monate vor dem geplanten Führungswechsel in eine schwere Personal- und Identitätskrise gestürzt hat, dringen nun an die Oberfläche. Als Parteichef war Bo der mächtigste Mann von Chongqing, einer Stadtregion mit 30 Millionen Einwohnern.
Gu soll bei der Tat zugesehen haben
So soll die Juristin Gu, Tochter eines Generals, sogar in dem Hotelzimmer gewesen sein, als Heywood niedergerungen und gezwungen wurde, den Giftbecher zu leeren, berichtet jetzt die britische Zeitung "The Daily Telegraph". Stimmt das, wäre sie nicht nur Auftraggeberin für den Mord, sondern an der Tat beteiligt gewesen. Das Blatt beruft sich auf US-Diplomaten, die dem flüchtigen Polizeichef Wang Lijun - einem ehemaligen Vertrauten des Parteichefs Bo und dessen Frau - mehrere Stunden in ihrem Konsulat in der Stadt Chengdu zuhörten.
Nun hat sich auch der Sohn des Ex-Parteichefs, Bo Guagua, zu Wort gemeldet, der in den USA studiert. In der Zeitung der Harvard-Universität "The Harvard Crimson" veröffentlichte er eine Erklärung: Er sei keineswegs ein roter Lebemann, als der er in der Presse dargestellt werde, er fahre keinen Ferrari und studiere fleißig. Er habe sich stets sozial engagiert, sei beim Feiern nicht über die Stränge geschlagen. Das Studium an Elite-Universitäten sei ihm durch Stipendien und der "Großzügigkeit und den Ersparnissen meiner Mutter, die sie in ihren Jahren als erfolgreiche Anwältin und Autorin verdient hat", ermöglicht worden.
Das Drama um seine Eltern wolle er nicht kommentieren, erklärte Bo Junior. Er sei aber "tief besorgt über die Ereignisse um seine Familie herum". Offen bleibt, ob er in den USA um politisches Asyl gebeten hat oder ob er in seine Heimat zurückkehren will. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt, zuletzt wurde er gemeinsam mit US-Polizisten gesehen. Möglicherweise wollten ihn chinesische Fahnder über die finanziellen Machenschaften seiner Eltern vernehmen - womöglich als Zeugen, vielleicht sogar als Mittäter.
Die Geschäfte der Bo-Familie
Inzwischen sind auch weitere Details über die Geschäfte der Bo-Familie bekannt geworden. Danach ist Bo Guaguas Behauptung nicht wahr, er habe keine Geschäftsinteressen: Nach Recherchen der "New York Times" war er als 22-Jähriger Mitgründer eines Pekinger Technologie-Unternehmens, Startkapital: 320.000 US-Dollar.
Auch der Rest der Familie hat kräftig verdient. Die Brüder des gestürzten Bo und die Schwestern seiner Frau waren in den letzten Jahren eifrig dabei, Firmen im In- und Ausland zu gründen, Anteile in Staatsbetrieben zu erwerben, in Unternehmen zu investieren (etwa in die Produktion von Feuerlöschern) oder selbst in staatlichen Unternehmen zu arbeiten. Dabei häuften sie ein beträchtliches Vermögen an. Kaum zu glauben, dass Bo, der Mann an der Spitze, dabei nicht seine Finger im Spiel hatte.
Offen ist, wie Chinas KP mit dieser peinlichen Affäre weiter verfährt. Wird es einen öffentlichen Prozess geben, in dem alle Fakten auf den Tisch kommen? Oder wird eines Tages eine Fünf-Zeilen-Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua über das Ende der Familie Bo berichten?
Womöglich ist ja alles nur die Spitze des Eisbergs. Denn kaum jemand, der die Lage in Chinas KP kennt, hält es für möglich, dass Bo das einzige schwarze Schaf im Politbüro war. Was geschieht mit all den anderen Provinzchefs und Gouverneuren und ihren Familien, die über kleine Fürstentümer und große Bankkonten verfügen?
Die KP muss nun entscheiden, ob sie - wieder einmal - nur ein Exempel statuiert, oder ob sie die Affäre zum Anlass nimmt, ernsthaft über die Korruption in den eigenen Reihen nachzudenken.
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