Mord an den Armeniern Die Kinder des Musa Dagh

2. Teil: Über den Widerstand am "Musa Dagh" und die Rettung für Wenige


So fielen am selben Tag der Vertreibung Simonians aus ihrem Dorf die ersten Schüsse auf dem "Musa Dagh". Unter dem Kommando von Der Kalousdian hoben die Bewohner von Vakef, Yoghun-Oluk, Khedrbek, Haji Habibli und Keboussik Gräben aus, errichteten Steinwälle, und überstanden mehrere türkische Angriffswellen.

53 Tage dauerte der Widerstand. In ihrer Not hissten die Armenier eine selbstgenähte Rotkreuzflagge auf dem höchsten Gipfel. Am 12. September 1915 schließlich, einem von der französischen Armee schriftlich festgehaltenen Tag, näherte sich das Kriegsschiff "Guichen" der levantinischen Küste. Kurze Zeit später landeten drei weitere alliierte Schiffe und nahmen 4048 Menschen an Bord.

Unter den Geretteten war auch ein Pastor namens Digran Andresian, er hatte über die Kämpfe Buch geführt – dies waren die Aufzeichnungen, die Franz Werfel 14 Jahre später, während eines Besuches in Damaskus, in die Hände bekam und als Vorlage für sein berühmtes Buch nutzte. Als die "vierzig Tage des Musa Dagh" 1933 in Berlin und Wien erschien, legten türkische Diplomaten eine Protestnote ein. Die Nazis verboten das Buch, Werfel, der Jude, wurde aus der Preußischen Akademie der Künste geworfen. Erst in den USA erlangte der Roman Aufsehen, Hollywood zeigte Interesse, machte aber einen Rückzieher, als die Türkei mit dem Boykott amerikanischer Filme drohte.

Doch während Tausende das Buch lasen, und mit dem Schicksal des fiktiven Helden "Gabriel Bagradian" fieberten, entwickelte sich die Geschichte der realen Personen weiter. Denn Moses Der Kalousdian, der echte Anführer des Widerstandes, den Werfel in seinem Roman sterben ließ, lebte weiter, und schloss sich kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges der französischen Armee an.

Schatullen mit den Ascheresten der Märtyrer

"Die Geschichte unserer Vorfahren ging weiter", sagt Yessayi Havatian. "Sie führt bis in den Libanon, bis nach Anjar, wo wir heute stehen." In einem provisorischen Museum der kleinen Stadt liegen die Beweisstücke für die Revolte der Urgroßväter: Ein morsches Jagdgewehr, ein Fernstecher, 18 schwarze Schatullen, gefüllt mit den Ascheresten der Märtyrer. Und eine weiße Flagge mit rotem Kreuz; jene, die den Armeniern das Leben rettete – eingeschlossen in einer kleinen Holztruhe. "Wir haben uns diese Geschichte nicht ausgedacht", sagt Havatian und greift eine der Schatullen, "das ist mein Großvater", sagt er. "Hagop Havatian. Auch er hat auf dem "Musa Dagh" gekämpft."

Nach ihrer Rettung wurden die Überlebenden zunächst nach Ägypten gebracht, nach Kriegsende sollten sie in ihre Dörfer am "Musa Dagh" zurückkehren. Doch als Frankreich die Gegend um Antiochien aus seinem Mandatsgebiet abtrennte und wieder den Türken zuschlug, siedelten sich die Armenier 1939 im heutigen Libanon an.

Havatian, der Wasserbauingenieur, ist stolz auf die Geschichte Anjars. Besucher fährt er auf eine Anhöhe mit dem besten Panorama auf Acker und Kirchen. "Früher war das nichts als Sumpf und Ödland. Unsere Großväter haben hier ein Paradies entworfen." Kälte und Krankheiten schweißten die kleine Gemeinschaft in der unwirtlichen Gegend eng zusammen, jeder fünfte Siedler, erzählt Havatian, sei in den ersten Jahren an Malaria gestorben.

"Niemand weiß, welches Leid sie durchgemacht hat"

Zehntausende Überlebende des Genozids hatten schon in Beirut und anderen Städten im Libanon Zuflucht gefunden. Andere retteten sich bis nach Syrien – unter ihnen Yeghsabet Simonian, das adoptierte Beduinenmädchen. In der Diaspora heiratete sie einen Kaufmann, einen Armenier wie sie. Als sie von einem Geistlichen erfuhr, dass Angehörige ihres Volkes am Fuße des Antilibanongebirges eine Stadt schufen, die der Gemeinschaft vom "Musa Dagh" nachempfunden war, zog auch sie nach Anjar.

"Niemand weiß, welches Leid sie durchgemacht hat", flüstert Havatian, der ihre Hand streichelt, als Simonian wieder einschlummert. "Und das sie zu uns gefunden hat, ist ein Wunder." Doch ausgerechnet in ihrem schönen Refugium sollten die Armenier im Dezember 2005 Zeugen neuer Grausamkeit werden. Polizisten schaufelten nahe der Stadt ein Massengrab frei: 29 Leichen – Opfer des libanesischen Bürgerkrieges, wie die Presse vermutete.

Auch der syrische Geheimdienst, der zwischen 1976 und 2005 sein libanesisches Hauptquartier in Anjar bezogen hatte, sorgte für Furcht. Die Schreie gefolterter Häftlinge, so erzählen sich die Anwohner, sollen manchmal über die Felder geweht sein. Havatian, der nicht gerne über Politik spricht, hält sich lieber an die Lehren seiner Vorväter. Aus einem Wohnzimmerschrank greift er ein dickes Buch: Es sind die Geschichten und Bilder der Überlebenden vom "Musa Dagh". Ehrfürchtig blättert er darin. Bei einem der alten Gesichter bleibt er stehen. "Das ist Pastor Andresian," sagt Havatian. "Der wünschte sich für seine Nachfahren nur eines: zu überleben."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.