Mord an den Armeniern Die Kinder des Musa Dagh

Yeghsabet Simonian ist die letzte Überlebende eines historischen Massakers in der Türkei: Vor mehr als 90 Jahren wurde die Armenierin vom "Mosesberg" in die Wüste getrieben. Aus dem Schicksal ihrer Heimat wurde Weltliteratur.


Diese Stille. Als würden die Berge die Geräusche schlucken. Anjar, die libanesische Grenzstadt liegt auf halbem Weg zwischen Beirut und Damaskus. Keine Autos, keine Fußgänger, nur ein paar syrische Erntehelfer sind sichtbar, sie graben nach Kartoffeln abseits der breiten Straße. Der Weg zu Yeghsabet Simonian führt durch Obstplantagen, Zypressenhaine und blumengeschmückte Häuserreihen. "Anjar" bedeutet Quellen auf Arabisch. Es ist ein fruchtbarer, unwirklicher Ort inmitten karger Berglandschaft. Hinter einem Hügel liegt Syrien.

Yeghsabet Simonian, 106: "Hochzeitslieder sind gut für die Seele"
Daniel Steinvorth

Yeghsabet Simonian, 106: "Hochzeitslieder sind gut für die Seele"

Simonians Haus ist von Apfelbäumen umgeben. Weiches Licht fällt durch die Gardinen. Und da sitzt sie, in ihrem Wohnzimmer, im Kreis ihrer Lieben, alt wie ein Fabelwesen, zierlich wie ein Kind, mit blauem Kopftuch und schwarzer Weste. Gerade hat sie ihren Mittagsschlaf beendet, jetzt singt sie. "Was singst du da?" ruft Yessayi Havatian, ein Freund der Familie und rückt näher heran. Simonian ist so gut wie taub. "Hochzeitslieder", brummt sie, "die sind gut für die Seele".

Den Dialekt, den beide sprechen, können nur die 4500 Bewohner von Anjar verstehen. Es ist "Musa Dagh"-Armenisch, die Sprache der Überlebenden und ihrer Nachfahren aus sechs Armenierdörfern bei Antiochien, die sich vor 92 Jahren gegen einen legendären Vernichtungsfeldzug der türkischen Armee wehrten. Eine Geschichte, die der in Prag geborene Österreicher Franz Werfel später zu einem Weltroman verwebte: "Die vierzig Tage des Musa Dagh". Eine wahre Geschichte, sagen die Menschen von Anjar.

Ungebetener Männerbesuch

Bitias, am Fuße des Mosesberges – des "Musa Dagh" – ist eines dieser Armenierdörfer. Hier wurde am 5. März 1901 die Bauerntochter Yeghsabet Simonian geboren, hier wuchs sie auf, hier ging sie zur Schule. Es war das "schönste aller Dörfer", erzählt sie. Bis an einem Tag im Juli 1915 ungebetener Männerbesuch kam. Männer in Uniformen.

Simonian erinnert sich genau an diesen Tag, auch an duftende Orangen und Zitronenbäume im Garten. Sie erinnert sich, wie sie in der Küche stand, als die zornigen Soldaten die Haustür eintraten, ihren Vater und ihren Bruder erschossen, wie sie das Haus plünderten, es anzündeten und den Rest der Familie mit Bajonetten auf die Straße scheuchten. Wie Vieh wurde Simonian tagelang umhergetrieben, ohne Rast, ohne Brot, ohne Wasser. Im Windschatten des Ersten Weltkrieges lautete der Befehl des jungtürkischen Kriegsministers Talaat Pascha, "alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten".

Flucht in die nahen Berge

Für ihre Mutter und Geschwister endete der Todesmarsch im Nichts, irgendwo in der syrischen Wüste. Doch Simonian überlebte. Beduinen fanden das abgezehrte Mädchen in einem Straßengraben. Sie wurde eine Tochter der Beduinenfamilie, lernte Arabisch und fügte sich in ein neues Leben. Jahrzehntelang glaubte Simonian, sie sei die einzige Überlebende ihrer Gemeinschaft.

Dabei hatten sich im Sommer 1915 längst nicht alle Armenier dem Deportationsbefehl der Jungtürken gefügt. Tatsächlich waren die meisten Bewohner der Nachbardörfer von Bitias mit ihren Schaf- und Ziegenherden in die nahen Berge geflüchtet. Ein gewisser Moses Der Kalousdian hatte sie dazu angestachelt, ein ehemaliger Offizier im Dienste des Osmanischen Reiches. Zu ihrer Verteidigung vor den heranrückenden Soldaten hatte er den Bauern ein paar Jagdgewehre und Sattelpistolen mit auf den Weg gegeben. Kampflos aufgeben kam für die Dörfler nicht in Frage.



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