Mord an Ex-Spion Russische Elite-Soldaten feuern auf Litwinenko-Zielscheibe

Er sei ein "Nichts" - mit diesen Worten wies der Kreml jeden Verdacht von sich, der russische Staat könne etwas mit dem mysteriösen Tod Alexander Litwinenkos zu tun haben. Allerdings: Ein Bild des Ex-Agenten hing in einem Camp russischer Elite-Soldaten - als Zielscheibe beim Schusstraining.


Hamburg/London - Purer Unsinn, absurd, unglaublich - als Alexander Litwinenko am 23. November vergangenen Jahres auf dem Sterbebett den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich bezichtigte, seine Vergiftung mit dem radioaktiven Polonium-210 angeordnet zu haben, waren die Reaktionen aus Moskau eindeutig. Der Kreml habe nichts mit der Ermordung des russischen Ex-Agenten zu tun. Dieser sei schlichtweg zu unwichtig, hieß es aus Moskau, ein "Nichts", wie Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow erklärte.

Litwinenko als Zielscheibe beim Schusstraining: Das Bild stammt aus einem Video, das der polnischen Zeitung "Dziennik" zugespielt wurde
dziennik.pl

Litwinenko als Zielscheibe beim Schusstraining: Das Bild stammt aus einem Video, das der polnischen Zeitung "Dziennik" zugespielt wurde

So unwichtig, dass russische Elite-Soldaten Alexander Litwinenko zur Zielscheibe machten - in Form eines Bildes in einem Trainingscamp der Spezialeinheit "Speznaz".

Die britische Tageszeitung "The Times" berichtet heute, ein PR-Film der dem russischen Innenministerium unterstellten "Witjas"-Einheit - "Witjas" steht für Held - zeige rund 90 Soldaten, wie diese auf einem Übungsgelände vor den Toren Moskaus um das begehrte rotbraune Barett der Spezialeinheiten wetteifern. Auf den Bildern seien junge Soldaten zu sehen, die sich durch einen Hindernisparcours kämpfen.

Am Ende absolvierten sie eine Schussübung, bei der sie mit Revolvern auf ein Foto Alexander Litwinenkos feuerten. Dessen Konterfei sei innerhalb kurzer Zeit von Neun-Millimeter-Kugel durchlöchert gewesen, schreibt die Zeitung. Neun erfolgreiche Soldaten hätten anschließend die Barette aus den Händen Sergej Mironows, Chef des mächtigen russischen Föderationsrates, erhalten - sechs Tage, nachdem Litwinenko in London vergiftet worden sei.

Auch polnische Zeitung zeigt Litwinenko-Zielscheiben

Unklar ist, ob es sich bei dem Film, über den die "Times" berichtet, zumindest teilweise um das gleiche Bildmaterial handelt, über das vor einigen Tagen bereits die polnische Tageszeitung "Dziennik" berichtet hatte. "Dziennik" war nach eigenen Angaben ein Video zugespielt worden, auf dem Elite-Soldaten beim Schusstraining auf Litwinenko-Zielscheiben zu sehen sind. Allerdings datiert "Dziennik" die Aufnahmen auf das Jahr 2002. Das Video sei zunächst auch auf der Website des Trainingszentrums abrufbar gewesen, schreibt die Zeitung, dann jedoch entfernt worden.

Auch "Dziennik" verweist in einem weiteren Bericht auf den Besuch Mironows auf dem Trainingsgelände am 7. November 2006, setzt diesen jedoch nicht in direkten Bezug mit einem Schusstraining der Soldaten. Doch selbst wenn der auf der Website von "Dziennik" veröffentlichte Film schon älteren Datums ist. Auf Bildern der Mironow-Visite, die auf der Website des Trainingszentrums veröffentlicht wurden, sind im Hintergrund noch immer die Litwinenko-Zielscheiben erkennbar. Die Trainingspraxis hat sich also nicht geändert.

Die Theorien, dass zumindest regierungsnahe Gruppen in den mysteriösen Giftmord verwickelt sein könnten, erhalten somit neue Nahrung. "Das beweist, dass Alexander Litwinenko die Nummer eins auf der Abschussliste der russischen Sicherheitsdienste war", sagte Alexander Goldfarb, ein Freund des ermordeten Ex-Spions der "Times". "Er war ihr Erzfeind."

Kreml distanziert sich

Das Trainingszentrum wird nach Angaben der Zeitung von einem früheren Chef der Spezialkräfte geleitet. Sergej Lysiuk, Träger der Auszeichnung "Held Russlands", betonte gegenüber dem Blatt, es handle sich um ein privates Zentrum, das keine Verbindungen zur Regierung habe. Er habe das Training veranstaltet, um früheren Kameraden einen Gefallen zu tun. Er habe nicht einmal gewusst, dass es sich bei dem Bild um Litwinenko gehandelt habe. Er habe die Zielscheibe neben anderen vor vier Jahren bei einer Messe gekauft.

Der Kreml distanzierte sich von dem Vorfall. Sprecher Dmitri Peskow, bestätigte zwar, dass das Litwinenko-Foto als Zielscheibe genutzt wurde, versicherte jedoch zugleich, das Trainingszentrum stünde in keiner Verbindung zu den russischen Spezialeinheiten. Dass im Film dennoch der Name der offiziellen Witjas-Einheit genannt werde, erklärte der Sprecher so: Das Innenministerium habe versäumt, sich die Rechte an dem Namen zu sichern, bevor Lysiuk die Einrichtung eröffnet habe.

Nichtsdestotrotz interessieren sich die mit dem Fall Litwinenko befassten Ermittler von Scotland Yard brennend für die Bilder vom Übungsgelände und verlangen eine Erklärung der russischen Regierung. Die Zusammenarbeit zwischen den britischen und russischen Strafverfolgungsbehörden verlief bislang jedoch alles andere als reibungslos. So untersagte der Moskauer Generalstaatsanwalt Juri Tschaika den Briten mehrfach, mit Beamten des Geheimdienstes FSB, für den Litwinenko einst arbeitete, und anderen Offiziellen aus dem russischen Sicherheitsapparat zu sprechen.

Überlanger russischer Wunschzettel

Gleichzeitig hat Tschaika jedoch eine Wunschliste mit mehr als hundert Namen von Personen nach London übermittelt, die russische Ermittler gern in Großbritannien verhören würden. Der Umfang der Liste habe das britische Innenministerium verärgert, schreibt die "Times", da viele der Angefragten ganz offensichtlich nichts mit dem Fall zu tun hätten. Viele der Personen stünden aber in Verbindung mit dem zerschlagenen Öl-Giganten Jukos.

Der Generalstaatsanwalt argumentiert, es gebe eine Verbindung zwischen dem Tod Litwinenkos und ehemaligen Jukos-Mitarbeitern, die Moskau wegen Betrugs und Steuerhinterziehung anklagen will. Die Briten haben diese jedoch darauf hingewiesen, dass sie nicht verpflichtet seien, mit russischen Ermittlern zu sprechen. Darin wiederum sieht Moskau eine Behinderung seiner Ermittlungen. Scotland Yard hatte unlängst angekündigt, erneut Ermittler nach Russland schicken zu wollen, doch Tschaika ließ bereits durchblicken, dass er dem Anliegen nicht zustimmen werde, solange russische Ermittler in London nicht alle Wunschkandidaten befragen könnten.

Teekanne als Polonium-Quelle identifiziert

Scotland Yard hatte seine Ermittlungen zuletzt auf den russischen Geschäftsmann und ehemaligen KGB-Agenten Andrej Lugowoi als Hauptverdächtigen konzentriert. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Dmtrij Kowtun hatte Lugowoi Litwinenko am 1. November in der Hotelbar des Londoner Millennium Hotels getroffen und mit diesem Tee getrunken.

Übereinstimmenden britischen Zeitungsberichten zufolge haben die Ermittler inzwischen die Teekanne ausgemacht, in der sich das radioaktive Polonium-210 befunden haben soll. An der sichergestellten Kanne sei eine sehr hohe Strahlung gemessen worden, hieß es. Sie sei noch mehrere Wochen nach der Vergiftung Litwinenkos benutzt worden. Von den 13 Menschen, bei denen neben Litwinenko eine Verstrahlung mit Polonium-210 festgestellt wurde, arbeiteten 8 in dem Hotel. 2 weitere Menschen waren Gast der Bar, in der der Ex-Spion den Tee getrunken hatte.

Lugowoi wies die Anschuldigungen am Wochenende jedoch erneut zurück. In Moskau sagte er, bei den Vorwürfen gegen ihn handele es sich nur um "Lügen, Provokationen und Regierungspropaganda" aus Großbritannien.

phw



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