Mord an Hamas-Funktionär Israelische Einreisebehörden sollen britische Pässe kopiert haben

Im Dubaier Mordfall gerät Israel immer stärker unter Druck: Nach einem britischen Zeitungsbericht haben Mitarbeiter der israelischen Einreisebehörden die Pässe unschuldiger Briten kopiert - aus den Daten sollen die gefälschten Dokumente der mutmaßlichen Mörder des Hamas-Führers erstellt worden sein.

DPA/ Dubai Police

Hamburg - Neue pikante Details im Dubaier Mordfall an dem Hamas-Funktionär Mahmud al-Mabhuh. Nach einem Online-Bericht des "Daily Telegraph" wurden britische Minister von Diplomatenkreisen darüber informiert, dass Mitarbeiter der israelischen Einwanderungsbehörden heimlich am Tel Aviver Flughafen die Pässe von sechs britischen Staatsbürgern kopiert haben. Die auf den Kopien basierten gefälschten Pässe hätten die mutmaßlichen Mörder des Hamas-Funktionärs später verwendet, so die Zeitung.

Den sechs britischen Staatsbürgern wurden die Pässe jeweils kürzlich am Flughafen von Tel Aviv bei einem Routinecheck abgenommen, berichtet der "Daily Telegraph". Die gefälschten britischen Pässe enthalten dem Bericht zufolge keine biometrischen Daten, die Fälschung sei also verhältnismäßig einfach gewesen. Auf den gefälschten Pässen sollen die Fotos der mutmaßlichen Mossad-Agenten abgebildet gewesen sein - aber die Namen und Passnummern der sechs unschuldigen Briten.

Staatsanwaltschaft leitet nach SPIEGEL-Informationen Ermittlungen ein

Die neuen Enthüllungen verstärken den Druck auf Israel weiter. Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen fest davon aus, dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter dem Mordanschlag auf Mahmud al-Mabhuh steht. Die Indizien seien erdrückend.

Nach Informationen des SPIEGEL war der deutsche Pass eines an dem Mord mutmaßlich beteiligten Mossad-Agenten echt: Das Kölner Einwohnermeldeamt hatte das Dokument ausgestellt. Die Staatsanwaltschaft Köln leitete nach Informationen des SPIEGEL deshalb ein Ermittlungsverfahren wegen "mittelbarer Falschbeurkundung" ein. Die Bundesanwaltschaft prüft derzeit noch, ob sie das Verfahren wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit übernimmt.

Im Frühsommer des vergangenen Jahres war nach SPIEGEL-Informationen ein Israeli namens Michael Bodenheimer beim Kölner Einwohnermeldeamt vorstellig geworden und hatte deutsche Reisedokumente beantragt. Gegenüber den Behörden legte er die Hochzeitsurkunde seiner Eltern sowie einen Ende 2008 in Tel Aviv ausgestellten israelischen Pass vor und verwies auf die deutschen Wurzeln seiner Familie, die von den Nazis verfolgt worden sei.

Hamas-Mann soll Informationen weitergegeben haben

In die Ermordung des Hamas-Funktionärs Mahmud al-Mabhuh soll nach Angaben des Dubaier Polizeichefs auch ein Mitglied seiner eigenen Partei verwickelt sein. Ein Hamas-Mann habe Informationen über Mabhuhs Aufenthaltsort an das Killer-Kommando weitergegeben und bei der Verschwörung eine "bedeutende Rolle" gespielt, zitierte die Zeitung "Gulf News" am Sonntag Generalleutnant Dahi Chalfan Tamimi. Er forderte die radikal-islamische Palästinenserbewegung auf, in ihren Reihen eine "interne Untersuchung" einzuleiten.

Der Polizeichef erklärte weiter, Mabhuh habe seine Reise von Damaskus nach China über Dubai schlecht geplant. Der Hamas-Funktionär habe geglaubt, er könne anonym bleiben. Dadurch habe er es seinen Verfolgern leicht gemacht, ihn umzubringen. Es wäre besser gewesen, wenn er die Behörden von Dubai informiert hätte, weil er dann von ihnen geschützt worden wäre.

Der Funktionär der radikal-islamischen Hamas, Mahmud al-Mabhuh, war am 20. Januar in einem Hotel in Dubai umgebracht worden. Die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate verdächtigen elf Täter, die allesamt mit gefälschten europäischen Pässen eingereist sein sollen. Die mutmaßlichen Täter waren vor und nach der Tat von Überwachungskameras gefilmt worden.

In den vergangenen Tagen war Israel wegen des Dubai-Mordes immer stärker in Bedrängnis geraten - die Causa droht das deutsch-israelische Verhältnis zu belasten. England, Irland und Frankreich hatten von Jerusalem am Donnerstag Antworten auf die vielen offenen Fragen zum Mord an dem hochrangigen Hamas-Führer in dem Emirat gefordert. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) drängte Israel zur Aufklärung. Die Opposition im Bundestag zeigte sich tief beunruhigt wegen des Falles und fordert auf zügige Aufklärung in den zuständigen Ausschüssen. SPD-Fraktionsvize Olaf Scholz, verantwortlich für Innen- und Rechtspolitik, kündigte auf SPIEGEL ONLINE an, den Mord vor das geheim tagende Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) zu bringen: "Wir werden auf Aufklärung durch die zuständigen Stellen drängen. Außerdem werden wir im Parlamentarischen Kontrollgremium dieser Frage nachgehen."

Da das Killerkommando auf Schritt und Tritt von Überwachungskameras gefilmt wurde, wurde das Mordkomplott öffentlich.

Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman hatte am Mittwoch in einer ersten offiziellen Äußerung Israels zu der Affäre unter Hinweis auf die übliche Praxis der Regierung erklärt: "Israel reagiert nie (auf derartige Vorwürfe), bestätigt sie nie und dementiert sie nie." Er fügte hinzu, er wisse nicht, weshalb angenommen werde, dass Israel oder der Mossad die betreffenden Pässe genutzt haben sollten.

Inzwischen wird international nach den mutmaßlichen Tätern gefahndet. Interpol hat einen Haftbefehl für die elf mutmaßlichen Verantwortlichen des Mordes ausgestellt. Die Polizeiorganisation veröffentlichte außerdem im Internet die Bilder der Verdächtigen. Das deutsche Bundeskriminalamt stellte die entsprechenden Datensätze ebenfalls ins nationale Fahndungssystem.

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