Mord an Hamas-Funktionär Killervideo bringt Israels Geheimdienst in Bedrängnis

Die Täter trugen Tennisschläger, nutzten europäische Pässe - und wurden während ihrer Mission gefilmt: Immer neue Details der Kommandoaktion in Dubai belasten den Mossad. Die mutmaßliche Ermordung eines wichtigen Hamas-Funktionärs droht zum Debakel für den israelischen Geheimdienst zu werden.

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DPA/ Dubai Police

Berlin - Der Mossad gerät nach der Ermordung eines hochrangigen Hamas-Funktionärs in Dubai massiv in die Kritik. In israelischen Medien wird wegen der Aktion am 20. Januar bereits der Rücktritt des Chefs des weltweit berüchtigten Geheimdienstes gefordert. Doch der Mossad wird nicht wegen des mutmaßlichen Mords an Mahmud Abdel Rauf al-Mabhuh kritisiert. Es wird nur angeprangert, dass das Killerkommando nicht sorgfältig genug seine Spuren verwischte.

Die Kritik in den Zeitungen, die wegen der strengen Militärzensur in Israel nur eingeschränkt über den spektakulären Fall berichten können, ist heftig. Die Zeitung "Haaretz" forderte auf der Titelseite den Rücktritt von Mossad-Chef Meir. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird massiv kritisiert, weil er Dagans Amtszeit trotz expliziter Warnungen verlängert habe. Offiziell äußert sich die Regierung Israels nicht zu Aktionen des Mossad, der in der Vergangenheit bereits mehrere palästinensische Aktivisten der Hamas und der libanesischen Hisbollah ermordet haben soll - Außenminister Avigdor Lieberman sagte zu der Sache nur, Beweise für eine Beteiligung des Landes gebe es nicht. Er verwies auf die Politik der Zweideutigkeit, die jede Regierung seit Gründung Israels in Sicherheitsfragen vertritt: "Es gibt keinen Grund, warum der Mossad dahinterstecken sollte und kein anderer Geheimdienst oder ein Land, welches Schaden anrichten will."

Hintergrund der peinlichen Affäre für den Geheimdienst sind die Ermittlungen zum Mord an Hamas-Funktionär Mabhuh. Dieser war nach israelischen Erkenntnissen auf einer Reise zur Beschaffung von Waffen, die später gegen Israel eingesetzt werden sollten. In Dubai wurde er am 20. Januar in seinem Hotelzimmer unter mysteriösen Umständen getötet. Am Montag teilte die Polizei in Dubai mit, dass sie elf Personen mit europäischen Pässen als Täter verdächtige.

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Mord an Hamas-Führer Mabhuh: Tod in Dubai
Die Ermittlungsdetails sind erstaunlich. So präsentierte der Polizeichef von Dubai Bilder von Überwachungskameras, die das Killerkommando bei der Einreise zeigen sollen. Die mutmaßlichen Mossad-Agenten reisten teilweise mit Perücken und Sonnenbrillen getarnt mit verschiedenen Maschinen in Dubai an. Sie checkten den Ermittlungen zufolge in unterschiedliche Hotels ein und trafen sich am Tag des Mords im Hotel des Opfers. Dort wurden sie vor und nach der Tat gefilmt. Ihre mutmaßliche Tarnung als Touristen mit Tennisschlägern unter dem Arm wirkt auf den Bildern der Polizei wie in einem schlechten Agenten-Thriller.

Dass der Mossad sich bei einer mutmaßlichen Kommandoaktion filmen lässt, dürfte für Israel zu einer diplomatischen Belastungsprobe werden. Denn alle mutmaßlichen Todesagenten sollen europäische Pässe zur Einreise genutzt haben, darunter auch einen deutschen Reiseausweis. Schmallippig heißt es dazu offiziell aus deutschen Behörden unisono, man habe "keine eigenen Erkenntnisse" zu dem Fall. Intern wurde allerdings sehr schnell geklärt, dass es den Deutschen Passinhaber Michael Bodenheimer, geboren im Jahr 1967, schlicht nicht gibt. Die Behörden sind sich mittlerweile sicher, dass der Mossad die Identität des Deutschen nur als Tarnung benutzte.

Die Geheimhaltung der Agenten lief offenbar nach einem eingespielten Mossad-Muster ab. So nutzte der Dienst hauptsächlich die Namen und teilweise auch die Geburtsdaten von nach Israel eingewanderten Europäern als Tarnidentitäten für seine Agenten. Mindestens acht der echten Personen hinter den Namen haben israelische Medien bereits aufgespürt. Alle sind empört - nicht über den eiskalten Mord des Geheimdienstes, sondern über den Missbrauch ihrer Personalien durch den Mossad. Manche sorgen sich, dass sie nun bei Auslandsreisen Probleme bekommen könnten.

"Das ist mein Pass"

Das Hantieren mit gefälschten Pässen und Identitäten von unbescholtenen Ausländern erinnert an einen anderen Fehlschlag des Mossad. In Jordanien versuchte ein Mossad-Team 1997, den Hamas-Führer Khaled Maschal zu ermorden. Die Operation endete im Fiasko: Die Agenten scheiterten nicht nur bei ihrem Mordkomplott. Auch die Beziehungen zum Nachbarland wurden fast bis zum Bruch strapaziert. Kanada zog wegen der erneuten Benutzung von gefälschten kanadischen Pässen durch den Mossad sogar kurzzeitig seinen Botschafter ab.

Im jetzigen Fall reagierte als erstes das britische Außenministerium mit einer ähnlichen Maßnahme. Es bestellte den israelischen Botschafter ein, und Premier Gordon Brown kündigte eine vollständige Untersuchung der Sache an.

Die echten Passinhaber jedenfalls sind entrüstet. "Das ist mein Pass, aber ich habe Israel nicht verlassen", sagte der Israeli Paul Kelly, der auch die britische Staatsangehörigkeit hat. Kelly kündigte an, die britischen Konsularbehörden einzuschalten. Der ebenfalls betroffene Stephen Daniel Hodes sagte, er fürchte um sein Leben, wenn er künftig ins Ausland reise. Daher werde er einen Anwalt einschalten, um Klage gegen die Verantwortlichen zu erheben. Alle Betroffenen werden seit Montag von Kamerateams und Reportern belagert.

Dass die betroffenen Staaten - Großbritannien, Irland, Frankreich und Deutschland - die israelische Regierung wegen der mutmaßlichen dreisten Benutzung der fremden Reisepässe zur Verantwortung ziehen werden, ist unwahrscheinlich. Die Briten verlangten zwar Aufklärung, doch einen Streit mit Israel und erst recht mit dessen Geheimdienst will in der Regel niemand. Der Mossad könnte die Pässe zudem womöglich auf einem halboffiziellen Weg von den Diensten der europäischen Länder bekommen haben, jeder westliche Geheimdienst kooperiert mit den Israelis.

Für Israel wird die Geschichte ein langes Nachspiel haben. Skandale wie dieser werden meist von einer Kommission der Regierung penibel untersucht. Selbst in einem Land wie Israel, in dem gezielte Tötungen von Israels Feinden durch den Mossad überall auf der Welt als Normalität akzeptiert werden, sorgen Enthüllungen über die Mordmissionen trotzdem für Schlagzeilen. Die Fehlschläge gelten als peinliche Patzer des eingebildeten Dienstes. Außenminister Lieberman wünschte sich deshalb schonmal, der Mossad solle weiter mit einer "Politik der Unklarheit" behandelt werden.

Für den hehren Wunsch nach einem nebeligen Graubereich für den Mossad sind die Bilder der Überwachungskameras aus Dubai allerdings viel zu scharf.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
ernstjüngerfan 17.02.2010
1. Erst mal nachfragen
Zitat von sysopDie Täter trugen Tennisschläger, nutzten europäische Pässe - und wurden während ihrer Mission gefilmt: Immer neue Details der Kommandoaktion in Dubai belasten den Mossad. Die mutmaßliche Ermordung eines wichtigen Hamas-Funktionärs droht zum Debakel für den israelischen Geheimdienst zu werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,678537,00.html
SPON ist im Vergleich zu anderen Online Diensten reichlich spät in dieses üble Thema eingestiegen. Mußte erst die Frage nach evtl. Antisemitismus abgeklärt werden? Vielleicht ertmal beim Zentralrat anklopfen?
dbraaker 17.02.2010
2. re
Zitat von ernstjüngerfanSPON ist im Vergleich zu anderen Online Diensten reichlich spät in dieses üble Thema eingestiegen. Mußte erst die Frage nach evtl. Antisemitismus abgeklärt werden? Vielleicht ertmal beim Zentralrat anklopfen?
Täte Ihnen wohl auch mal ganz gut?
MarkusKrawehl, 17.02.2010
3. Seltsame Frage
Zitat von ernstjüngerfanSPON ist im Vergleich zu anderen Online Diensten reichlich spät in dieses üble Thema eingestiegen. Mußte erst die Frage nach evtl. Antisemitismus abgeklärt werden? Vielleicht ertmal beim Zentralrat anklopfen?
Seien Sie froh, dass es überhaupt eine Kommentarfunktion hierzu gibt. Andere Medien hierzulande haben bereits alles systematisch abgeschaltet.
nagnagnag 17.02.2010
4. Wieso Fehlschlag?
Anders als das Attentat auf Khalid Meshaal kann man diesen Anschlag durchaus als gelungen bezeichnen. Der Hamas-Führer ist mausetot, alles andere sind Spekulationen.
Hercules Rockefeller, 17.02.2010
5. Interessant
Interessant ist doch, dass der Mossad seine eigenen Bürger in höchste Gefahr bringt, in dem er seine Agenten mit den Daten von real existierenden Zivilbürgern des eigenen Landes ausstattet! Man könnte doch einfach mit Originaldokumenten "echte" Pässe mit Fantasiedaten erstellen. So muss sich Israel die Frage stellen, ob es nicht politisch gewollt ist, dass sich Israel im Krieg befindet und ob nicht auch von politischer Seite der Gegenterror erst ermöglicht wird? Was hätten die eigentlich gemacht, wenn der Echte nach Dubai eingereist wäre, während der Falsche gerade ausgereist ist? Hätten die den Dubais Gerichtsbarkeit überlassen? Hätte man Dubai angegriffen, weil die den Echten erstmal dabehalten hätten? Ist das der ganze Trick hinter dem Palästinakonflikt?
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