Mord an Putin-Berater Der mysteriöse Tod des Bulldozers

Michail Lesin brachte für den Kreml die russischen TV-Sender auf Linie. Jetzt teilen US-Behörden mit, er sei in einem Hotel in Washington erschlagen worden. Wollte Wladimir Putins Ex-Minister überlaufen?

Von , Moskau

Putins Ex-Medienminister Michail Lesin, 2013
picture alliance/ RIA Novosti

Putins Ex-Medienminister Michail Lesin, 2013


Die Umstände des Todes von Michail Jurjewitsch Lesin sind so ungewöhnlich wie sein Leben: Anfang November wurde Russlands Ex-Medien-Minister in seinem Hotelzimmer gefunden, im Dupont Circle, einer Nobelherberge in Washington D.C. Einer der Architekten der Medienmaschinerie des Kreml, verstorben ausgerechnet in der Hauptstadt des ewigen Rivalen USA - schon das erregte Aufmerksamkeit.

Die Familie sprach von einer Herzattacke. Tribut eines Lebens auf der Überholspur? Lesin war 59, er rauchte, er trank.

Vier Monate nach dem Tod verfolgen die US-Behörden nun überraschend eine andere, spektakulärere Spur: Lesin sei durch einen "Schlag auf den Kopf" getötet worden. Spuren stumpfer Hiebe habe man auch an Lesins Rumpf, Armen, Beinen und im Nacken gefunden. Weitere Details, Erklärungen für die seltsam lange Dauer der Untersuchung? Bislang Fehlanzeige.

Michail Lesin war eine der einflussreichsten Figuren in Moskau, ein Mann an den Schnittstellen von Politik, Medien und Big Business. Während seiner Amtszeit als Minister für Medien von 1999 bis 2004 und danach in seiner Zeit als Berater des russischen Präsidenten fiel es mitunter schwer zu sagen, ob Lesin gerade als Politiker handelte oder doch als Geschäftsmann. Meistens war es beides.

Für den Kreml unterschrieb Lesin

Den Grundstock seines Vermögens legte Lesin mit der Firma Video International und der Vermarktung von TV-Werbung. Er kam schon in den Neunzigerjahren zu Reichtum und Einfluss, 1996 war er einer der Strategen einer umstrittenen Medienkampagne, die Amtsinhaber Boris Jelzin noch einmal überraschend zum Sieg bei den Präsidentschaftswahlen verhalf: Die Oligarchen finanzierten Jelzins Kampagne mit Millionensummen aus Angst vor einer Revanche der damals starken Kommunisten.

Bekannte von Lesin beschreiben ihn als einen Mann mit der Gabe, die Zeichen der Zeit zu deuten: Nach Putins Amtsantritt schlug er sich auf die Seite des neuen Mannes. Lesin gehörte zwar nicht zum Kreis alter Vertrauter aus Sankt Petersburger Zeiten, mit denen sich Putin im Kreml umgab. Dafür machte er sich mit umso größeren Eifer daran, seine Loyalität unter Beweis zu stellen.

Neuer Präsident Putin, Strippenzieher Lesin, 2000
REUTERS

Neuer Präsident Putin, Strippenzieher Lesin, 2000

Er spielte eine Schlüsselrolle bei der Übernahme von TV-Sendern im Interesse Putins. Lesin brachte die Sender ORT (unter Kontrolle des Milliardärs Boris Beresowksij) und TW-Zentr (lange der Haussender des Moskauer Bürgermeister Luschkow) auf Linie. Den größten Widerstand leistete NTW, damals der angesehenste Sender in Russland und kontrolliert von dem Milliardär Wladimir Gussinskij. NTW hatte im Wahlkampf den ehemaligen Premierminister Jewgenij Primakow unterstützt und sendete hämische Spottsendungen über Putin.

Der Kreml ließ NTW-Büros von Polizisten stürmen, Gussinskij kam nach Lefortowo, in das Untersuchungsgefängnis des Inlandsgeheimdienstes. In der Zelle handelte Lesin persönlich die Bedingungen von Gussinskijs Kapitulation aus, mit dem er kurz zuvor noch selbst Geschäfte gemacht hatte. Der Milliardär gab nach und unterzeichnete das "Protokoll 6" genannte Dokument, für den Kreml unterschrieb Lesin. Gussinskij trennte sich von NTW, im Gegenzug garantierte der Staat die Einstellung der Verfahren.

Privatgeschäfte und Politik nie richtig getrennt

Seitdem war Lesins Spitzname in Moskauer Journalistenkreisen "Bulldozer". Sein letzter TV-Coup war die Gründung von Russia Today, dem Auslandssender des Kreml. Russland müsse mit dem Westen gleichziehen, sagte Lesin damals: "Wir müssen Propaganda für uns selbst machen, sonst werden wir immer wie Bären auf der Jagd wirken."

Der Abstieg des Strippenziehers begann, als ihn 2009 der zwischenzeitliche Präsident Dmitrij Medwedew feuerte, wegen "Nichtbeachtung der Regeln des Staatsdiensts". Das war eine höfliche Formulierung der Tatsache, dass Lesin Privatgeschäfte und Politik nie richtig trennen mochte. Oder wie es das Magazin "Itogi" einmal formulierte: "Seine Geschäftsinteressen befanden sich innerhalb des staatlichen Systems, waren ein Teil davon." Lesins Firma Video International profitierte weiter von Deals mit den nun staatlichen TV-Sendern.

2013 wurde Lesin als Chef von Gazprom-Media eingesetzt, dem Medien-Imperium des staatlichen Gasriesen, zu dem neben NTW auch der liberale Radiosender Echo Moskaus gehört. Lesin lieferte sich einen heftigen Schlagabtausch mit der Radioredaktion, allen voran Chefredakteur Alexej Wenediktow. Manche seiner SMS an Lesin begann Wenediktow mit den Worten "Hör mal zu, du Arsch..." Der Bulldozer zog den Kürzeren und musste seinen Posten bei Gazprom-Media Ende 2014 räumen.

In Moskau wurde danach über eine Krebserkrankung Lesins spekuliert, zu deren Behandlung er sich in den USA aufhalte. Lesins Sohn lebt bereits seit Jahren in Kalifornien, seine Tochter arbeitet im US-Team des Senders Russia Today. Die Republikaner forderten, Lesins Vermögen in den USA wegen der Krim-Annexion einzufrieren, die Rede war von Immobilien im Wert von 28 Millionen Dollar. Lesins Rivale Wenediktow glaubt deshalb auch nicht die Geschichte der Krebserkrankung. Er habe das alles nur erfunden, um sich nach Amerika abzusetzen.

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Benjamin Bidder
Christian O. Bruch/ laif

Benjamin Bidder war sieben Jahre lang Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Moskau und ist seit September 2016 Mitglied der Wirtschaftsredaktion von SPIEGEL ONLINE. Autor des Buchs "Generation Putin - Das neue Russland verstehen".

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