Mord an Muslimen in Chapel Hill Amerika streitet über das Motiv

Craig Stephen Hicks hat drei Menschen in North Carolina erschossen - aber warum? Wegen eines Streits um Parkplätze, vermutet die Polizei. Doch manche Amerikaner sind überzeugt: Er tötete die Muslime aus Hass auf den Islam.

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Raleigh - Drei junge Menschen sind tot. Ihnen wurde am helllichten Nachmittag mehrfach in den Kopf geschossen. In ihrem eigenen Haus, in einer ruhigen Eigenheimsiedlung in Chapel Hill, einer Universitätsstadt mit etwa 60.000 Einwohnern in North Carolina.

Der Täter ist geständig: Craig Stephen Hicks stellte sich selbst der Polizei. Doch warum nahm der 46-Jährige am Dienstagnachmittag seinen Revolver, ging zum Haus auf der anderen Straßenseite und tötete drei Menschen? Für die meisten Muslime, für viele junge und links-liberale Amerikaner ist klar, dass Hicks aus Hass handelte. Schließlich waren die Opfer drei junge Muslime: Ein Ehepaar, er 23, sie 21 Jahre alt. Und die Schwester der Frau, 19.

Die Polizei stellt die Lage anders dar: "Unsere bisherigen Ermittlungen deuten darauf hin, dass dieses Verbrechen wegen eines andauernden Nachbarschaftstreits um Parkplätze begangen wurde", teilten die Beamten in Chapel Hill mit. Gleichwohl werde sorgfältig geprüft, ob Hicks aus Hass auf Araber oder Muslime gehandelt haben könnte.

Die Opfer fühlten sich von ihrem Nachbarn bedroht

Der Täter bezeichnet sich selbst als "bewaffneten Atheisten". Nachbarn berichteten, dass sie mit ihm regelmäßig in Streit geraten seien. Seine Ex-Frau sagte US-Medien, er sei besessen von dem Film "Falling Down". Der Film zeigt einen amerikanischen Durchschnittsmann - gespielt von Michael Douglas -, der eines Tages ausrastet, ein Restaurant überfällt und zum Mörder wird.

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Dreifachmord in North Carolina: Trauer um Deah, Yusor und Razan
Ist auch Hicks ein durchschnittlicher weißer Vorstädter, der irgendwann einfach die Nerven verlor und seine Nachbarn erschoss? Seine aktuelle Ehefrau, Karen Hicks, stellt ihn so dar: Ihr Mann habe sich immer für die Rechte Benachteiligter eingesetzt, besonders für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und für das Recht auf Abtreibung. Der Dreifachmord "hatte nichts zu tun mit Religion oder dem Glauben der Opfer", schrieb die Ehefrau in einer Erklärung. Trotzdem wolle sie sich nun scheiden lassen.

Die Familie der Toten will nicht glauben, dass ihre Liebsten wegen eines Parkplatzstreits erschossen wurden. Mohammed Abu-Salha, Vater der beiden getöteten Frauen, wandte sich an die Presse: "Die Medien hier bombardieren die Amerikaner mit islamischem Terrorismus. Deshalb haben die Leute Angst vor uns, deshalb hassen sie uns, und deshalb wollen sie, dass wir abhauen", sagte Abu-Salha, der selbst Psychiater ist. "Wenn also jemand irgendeinen Streit mit dir hat und dieser jemand dich hasst - dann kriegst du halt eine Kugel in den Kopf."

Abu-Salhas Tochter Yusor, die mit ihrem Mann Deah Barakat in dem Haus am Summerwalk Circle wohnte, habe mehrfach erzählt, dass sie sich von Hicks belästigt und bedroht fühle. "Er hasst uns dafür, wer wir sind und wie wir aussehen", habe Yusor erst vor einer Woche berichtet.

Mehrfach habe er sich darüber beschwert, dass Besucher ihre Autos auf seiner Straßenseite geparkt hatten. Außerdem sei das Paar oft zu laut gewesen. Mindestens einmal habe er mit einem Gewehr vor ihrer Tür gestanden, erzählte Yusor ihrem Vater. Auch sonst habe er oft eine Waffe im Hosenbund getragen.

Trotz dieser Vorgeschichte steht für Namee Barakat, den Vater des getöteten Deah Barakat, fest, dass die drei nicht wegen des Parkplatzärgers sterben mussten. "Wir alle wissen, dass es um mehr geht. Leider."

Wut auf die Medien

In Chapel Hill und Umgebung leben viele Muslime. Viele studieren an der renommierten University of North Carolina oder arbeiten für Technologieunternehmen. Sie berichten davon, dass sich nach den Anschlägen von Paris Anfang Januar die Stimmung in der Gegend merklich verändert habe. So stoppte die Duke University in North Carolina den Plan, am Freitag einen Muezzin zum islamischen Gebet rufen zu lassen. Die Hochschule hatte Drohungen erhalten und verwies auf Sorgen um die Sicherheit.

Der Mord an den drei Studenten verstärkt nun die Ängste vieler Muslime. Sie beschuldigen die Medien, mit zweierlei Maß zu messen. Hätte ein Muslim drei christliche Amerikaner kaltblütig erschossen, würden die US-Medien darüber viel ausführlicher berichten, lautet ein Vorwurf, der auf Twitter und Facebook unter den Hashtags #MuslimLivesMatter und #CallItTerrorism diskutiert wird. Stattdessen dominierten Jon Stewarts Ausstieg bei der Daily Show und die Suspendierung von NBC-Nachrichtenmann Ben Williams die Schlagzeilen in den USA.

Farris Barakat, dessen Bruder unter den Toten ist, rief bei einer Gedenkveranstaltung zur Ruhe auf. "Bekämpft Feuer nicht mit Feuer", sagte er am Mittwochabend. "Antwortet nicht mit Ignoranz auf Ignoranz."

Die Ungewissheit über das Mordmotiv könnte noch eine Weile andauern. Erst am 4. März soll Hicks einem Untersuchungsrichter vorgeführt werden.



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