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Mord an Putin-Gegner Nemzow: "Der Krieg ist zu uns gekommen"

Von , Moskau

Boris Nemzow: Anschlag auf Oppositionsführer Fotos
DPA

Der Mord an Boris Nemzow schockiert Russlands Opposition. Sie vermuten die Drahtzieher des Anschlags im Umfeld des Kreml. Denn die russische Staatspropaganda habe Gegner von Wladimir Putin für vogelfrei erklärt.

Noch in der Nacht eilten sie an den Tatort, die politischen Mitstreiter von Boris Nemzow. Viele von ihnen waren in den langen Jahren in der Gegnerschaft zu Wladimir Putin auch enge Freunde geworden. Michail Kassjanow, ehemaliger Premierminister, rang um Fassung. Ilja Jaschin, ein Straßenkämpfer Anfang 30, wischte sich mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht.

Ein paar Meter entfernt deckten da gerade Mitarbeiter russischer Sicherheitsbehörden den leblosen Körper Nemzows zu. Er wurde von mehreren Schüssen getroffen, im Zentrum von Moskau, in Sichtweite der roten Kreml-Mauer und der weltbekannten Basilius-Kathedrale.

Ex-Premier Kassjanow glaubt, dass der Ort für den Mord nicht zufällig gewählt worden sei. Die Tat sei ein "demonstrativer Akt", gedacht als Einschüchterung an die Adresse von "uns allen freidenkenden Menschen in Russland. Das Land stürzt dem Abgrund entgegen." Nemzow habe sich mit seinen Berichten über Korruption in Staatsstrukturen und während der Vorbereitungen der Olympischen Winterspiele in Sotschi viele Feinde gemacht.

REUTERS
Der Mord schockiert die russische Opposition. Die Kreml-Gegner hatten für Sonntag zu einer Großkundgebung aufgerufen. Geplant war eine fröhliche Demonstration unter dem Motto "Wesna - Frühling". Nun ist die Rede davon, die Veranstaltung umzuwidmen in einen Trauerzug für Nemzow - oder aber ganz abzusagen.

Die Mörder schossen mindestens sieben Mal

Der Mord wurde offenbar von Killern ausgeführt, die ihr Handwerk verstanden. Nach Behördenangaben soll es sich um zwei Angreifer gehandelt haben. Ihr Wagen soll neben Nemzow gestoppt haben, als der mit seiner Begleiterin über eine Brücke in Kreml-Nähe ging. Die Mörder feuerten mindestens sieben Mal, heißt es nach jüngsten Angaben. Sie flohen mit ihrem Auto. Russische Medien berichten von einem weißen Ford. Offenbar war Nemzow zuvor beschattet worden. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem "Auftragsmord".

Nach Angaben von Mitstreiter Ilja Jaschin gab es regelmäßig Drohungen gegen Nemzow, auf Leibwächter habe der Oppositionspolitiker dennoch verzichtet. "Er war der Meinung: Wer mich töten will, schafft das auch, wenn ich bewacht werde", so Jaschin.

Die Drahtzieher des Anschlags vermuten viele Anhänger der russischen Opposition im Kreml. Auf Twitter machten die Hashtags #PutinMurderer (Putin-Mörder) und #PutinDidIt (Putin war es) die Runde. Nemzow selbst hatte in einem seiner letzten Interviews berichtet, er fürchte, "dass Putin mich umbringen will".

Andere Kreml-Gegner glauben das aber nicht. "Ich bezweifle, dass Putin den direkten Befehl dazu gegeben hat", so Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow. Schuld sei eher die "vergiftete Atmosphäre des Hasses, die rund um die Uhr vom russischen Fernsehen genährt wird". Die russischen Staatsmedien fahren seit Monaten eine Schmutzkampagne gegen die Opposition. Für Sonntag hatte der zum Gazprom-Imperium gehörende Sender NTW einen Film angekündigt, in dem auch Nemzow als vom Westen bezahlter Agent diffamiert werden solle.

Der Kreml-Chef gibt den Ton vor für Kampagnen wie diese, seit er vor drei Jahren auf den Präsidentenposten zurückgekehrt ist. Ausgangspunkt war sein Auftritt nach dem Wahlsieg am 4. März 2012. Putin rückte Aktivisten und Anhänger der Opposition damals in die Nähe von Staatsfeinden, die "nur ein Ziel haben: die russische Staatlichkeit zerstören". Bei seiner Rede aus Anlass der Krim-Annexion ging er noch weiter und sprach von "National-Verrätern".

"Nur durch Angst wird die Opposition von ihren Plänen ablassen"

Grigorij Jawlinski, Gründer der liberalen Jabloko-Partei, sieht einen Zusammenhang zwischen dem Mord und Russlands Attacken auf die Ukraine. "Der Krieg ist zu uns gekommen", so Jawlinski. Nemzow habe sich klar gegen den Kriegskurs des Kreml positionert, dafür "hat man ihn gehasst".

Putin-Gegner Kasparow schließt nicht aus, dass rechte Kreise Nemzow auf eigene Faust ermordet haben könnten: "Vielleicht hat einer seiner Anhänger sich entschlossen, weiter zu gehen als der Kreml selbst und einen Feind Putins auszuschalten".

Dafür könnte die aufgeladene Rhetorik bei der jüngsten Kundgebung von Putin-Anhängern vor einer Woche in Moskau sprechen. Demonstranten reckten dabei auch Plakate in die Höhe, die Nemzow beschuldigten, in Moskau einen "Maidan" organisieren zu wollen, also eine prowestliche Revolution.

Einer der Organisatoren der "Anti-Maidan"-Kundgebung ließ auch durchblicken, wie er gegen die Opposition vorzugehen gedenke: mit Gewalt. "Nur durch Angst wird die Opposition von ihren Plänen ablassen", sagte Alexander Saldostanow. Er ist Anführer des Motorradclubs "Nachtwölfe" und in ganz Russland besser bekannt unter seinem Spitznamen "Chirurg".

Der Kreml kommentierte den Mord mit dem ihm eigenen Zynismus. Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow übermittelte den Angehörigen des "tragisch ums Leben gekommenen Boris Nemzow tiefes Mitleid", ging aber auch umgehend wieder zur Attacke auf den politischen Gegner über. Es sei zwar "zu früh, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen". Die Tat trage aber alle Anzeichen "einer großen Provokation", sagte Peskow - und suggerierte damit, die tödlichen Schüsse seien womöglich von westlichen Geheimdiensten abgegeben oder gar von Nemzows eigenen Leuten.

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1. Begleiterin
dasbeau 28.02.2015
Was ist mit der Begleiterin? Unversehrt? Verletzt? Tot?
2. Wozu Auftragskiller?
csapo-f 28.02.2015
Sucht man nach dem Attentäter, ist es nicht unbedingt erforderlich, an einen von „Putin beauftragten Killer“ zu denken. Eher eine abwegige Idee. Es ist bekannt, dass die Mehrheit der Russen (egal wo sie leben) hinter seiner Politik steht. Wozu wäre so ein spektakulärer Mord gut? Man denke doch nur an die 2.430.000 Menschen, die aus der Ukraine nach Russland geflohen sind, seitdem die ukrainische Regierung mit Militärgewalt versucht, die Ostukraine „gleichzuschalten“ und auf Westkurs zu bringen. 1.172.000 dieser Menschen sind Wehrpflichtige. Wer aus der zerstörten Ostukraine in Russland landet oder als ukrainisch-russischer Wehrpflichtiger nicht gegen Russen verheizt werden möchte, dem sind Oppositionelle ein Dorn im Auge. Oder ist jemand der Meinung, ein Flüchtling aus Syrien, der dem Terror der IS-Milizen entkommen konnte, würde sich bei uns mit einem IS-Sympathisanten auf ein Bierchen zusammensetzen? Die Menschen in der Ostukraine hätten von Anfang an das Recht gehabt, den Kurs ihrer Region mitzubestimmen. Eine Föderalisierung der Ukraine hätte diesen langen Krieg verhindert. Ein nationalistischer ukrainischer Einheitsstaat und eine Radikalisierung Russlands ist das Schlimmste, was uns passieren kann.
3. Zu offensichtlich
mura.88 28.02.2015
Revolution fordert Opfer. Kennt noch jemand die Frau Timoschenko? Hier ist es um Weiten drastischer und abstoßender. Wer diese Provokation geplant hat wird man wohl nicht raus kriegen. Schade. Nur in Paris kann man sofort die Täter "finden".
4. Ja, der Krieg ist
Hornblower, 28.02.2015
m.E. via Ukraine jetzt zu Euch gekommen. Liebe Russen, besser Ihr steht jetzt zusammen und wehrt Euch gegen destabilisierende Aktionen, die vermutlich in den USA geplant wurden, noch nicht von der dortigen Regierung. Aber m.E. versuchen diese Kreise auch ins Präsidentenamt zu kommen. Diesen Krieg haben wir schon sehr lange in Europa. Ulrike Meinhoff,Barschel, Möllemann, die Versuche auf Schäuble und Lafontaine.... Lockerbie und und und. Ich weiss nicht, ob man den gewinnen kann, bzw. möchte. Ich betrachte ihn als widerlich und der erste Gedanke ist immer, dass man sich die Hände daran nicht schmutzig machen möchte. Aber alle Wesen sind getauft am Born der Ewigkeit. Es kostet nur manchmal sehr viel Kraft, sich in solchen Momenten wieder daran zu erinnern. Das aber muss man, sonst wird man wie sie.
5. oh , es ist einer von jelzins
viceman 28.02.2015
alter truppe erschossen worden und spon erklärt uns, wo der täter zu suchen ist. dabei vergisst man, die paar grundsätze der kriminalistik. wer hatte ein motiv, die gelegenheit, die zeit usw. und schon beim motiv wird es dünn für die "spur in den kreml". eher hat sich mal ein verlierer der "wende" ein herz gefasst und den verhassten privatisierer übern haufen geschossen... aber übrigends bei politischen morden ist nach wie vor die "cia" die weltweit erste adresse...
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