Protest gegen "Goldene Morgenröte" Neonazi-Mord treibt Griechen auf die Straße

Der Mord an einem linken Rapper erschüttert Griechenland. Täter soll ein Neonazi sein, mit engen Kontakten zur rechtsextremen Partei "Goldene Morgenröte". Auf den Straßen entlädt sich die Wut über die Bluttat. Nun will die Regierung härter gegen die Faschisten vorgehen.

Von , Thessaloniki


Als Pavlos Fyssas am Donnerstag in Athen zu Grabe getragen wird, nutzen viele Besucher den Trauerzug zu einem spontanen Protest gegen Rechtsextremismus. Der antifaschistische Rapper fand auf dem Schisto-Friedhof von Athen seine letzte Ruhestätte. Tausende Griechen erwiesen ihm die Ehre und demonstrierten dann gegen die eskalierende rechte Gewalt in ihrem Land.

Fyssas ist das wohl prominenteste Opfer einer neuen Extremismus-Welle, die die Nation erfasst hat. Ein Rechtsradikaler hat ihn erstochen. Viele fürchten nun eine weitere Destabilisierung des Landes. Schließlich wachsen die sozialen Spannungen als Folge der Finanzkrise immer weiter.

Ein Schuldiger für die Bluttat scheint immerhin gefunden. Der 45-jährige Giorgos Roupakias sitzt in Arrest und soll sowohl den Mord als auch seine Verbindungen zur rechtsextremen "Goldenen Morgenröte" eingeräumt haben. Die faschistische Partei hat einen rasanten Aufstieg hinter sich und gilt derzeit als drittstärkste politische Kraft im Land.

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Goldene Morgenröte: Neonazi-Mord treibt Griechen auf die Straße
Die Extremisten wittern ihre Chance, allen voran die "Goldene Morgenröte". Die Gründe sind vielfältig: Rekordarbeitslosigkeit, wachsende Armut, immer mehr Straftaten. Dazu setzen die Rechten auf eine Anti-System-Rhetorik, die bei vielen Bürgern gut ankommt. Schließlich sieht ein Großteil der Griechen die Schuld für die Staatsmisere bei den Politikern. Folgerichtig beförderten sie die "Goldene Morgenröte" bei den Wahlen im Juni 2012 zum ersten Mal ins Parlament.

Rechte Partei distanziert sich von Todesfall

Beobachter fürchten, dass dieser Erfolg so manchem Anhänger zu Kopf gestiegen sein könnte und sich die Neonazis zunehmend unantastbar fühlen. Der Mord an Fyssas ereignete sich nur wenige Tage nach einer Attacke von Sympathisanten der "Goldenen Morgenröte" gegen Anhänger der Kommunistischen Partei. In der Stadt Perama wurden dabei acht Menschen verletzt. Die Wochenzeitung "To Vima" listet für die vergangenen drei Jahre mindestens 300 Fälle rechter Gewalt auf.

Die Partei will von einer Mitverantwortung bei der jüngsten Bluttat nichts wissen. Im Gegenteil: Den Mord an Fyssas verurteilt sie ausdrücklich und bezeichnet die Vorwürfe als Hetzkampagne von Medien und politischen Gegnern.

Das Opfer, bekannt unter dem Pseudonym Killah P, hatte in der Tatnacht ein Fußballspiel in einem Café des Athener Arbeiterviertels Keratsini angeschaut. Dabei kam es zum Streit mit drei anderen Gästen, auch sie angeblich Anhänger der rechten Partei. Per SMS riefen diese Verstärkung herbei - darunter auch der mutmaßliche Täter. Nachdem sich die Auseinandersetzung auf die Straße verlagert hatte, soll Roupakias sein Gegenüber niedergestochen haben. Laut einem Zeugen sollen Fyssas letzte Worte gewesen sein: "Und was wollt ihr jetzt machen? Uns umbringen?"

Vater des Opfers fordert die Todesstrafe

Der Vater des Getöteten verlangt nun die Todesstrafe für den Täter, eine Praxis, die in Griechenland nicht angewandt wird. Zugleich fordert er, die Identität der Person offenzulegen, die den späteren Messerstecher herbeigerufen hatte.

Auf den Straßen von Athen und Thessaloniki versammelten sich bereits am Mittwoch Tausende Menschen zu antifaschistischen Protesten. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, in Thessaloniki versuchten Demonstranten, die lokale Zentrale der "Goldenen Morgenröte" zu stürmen.

Die Schlagzeilen der Tageszeitungen spiegeln wider, welchen Schock die Bluttat in der Bevölkerung ausgelöst hat. "Schluss damit", titelt die "Ta Nea" über einem durchgestrichenen Hakenkreuz. "Die 'Goldene Morgenröte' hat Blut an den Händen. Die Regierung, die verfassungstreuen Parteien und die griechische Gesellschaft dürfen sich nicht von der faschistischen Gewalt einschnüren lassen", heißt es im Leitartikel der Zeitung. "Wehrt Euch - das Monster Nazi-Bewegung tötet", heißt es auf der "Ethnos".

Im Ausland wächst ebenfalls die Sorge. Thorbjörn Jagland, Generalsekretär des Europarats, warnt vor einer "extrem gefährlichen Entwicklung". In Griechenland und auch in anderen Teilen Europas gebe es eine "echte Gefahr", dass Hassreden zu Gewalt und kaltblütigem Morden führten. Die europäischen Staaten dürften nicht dulden, dass "radikale Gruppen demokratische Gesellschaften zerstören."

"Die würden als 'Silberne Morgenröte' wiederkommen"

Griechenlands Regierende wollen durchgreifen. Bisher standen die großen Parteien der wachsenden rechten Gewalt hilflos gegenüber. Nun wollen Konservative (Nea Dimokratia) und Sozialisten (Pasok) aktiv werden. "Es wird rasche Maßnahmen geben, um die Aktionen von 'Goldene Morgenröte' einzudämmen", sagte Regierungssprecher Simos Kedikoglou SPIEGEL ONLINE. Verbieten wolle man die Partei jedoch nicht: "Die würden einfach als 'Silberne Morgenröte' oder so zurückkommen."

In einer TV-Ansprache wandte sich am Donnerstag auch Premierminister Antonis Samaras an die Griechen: "Die Demokratie ist stärker, als es sich ihre Feinde vorstellen können." Die Regierung werde nicht zulassen, dass "die Abkömmlinge von Nazis das soziale Leben vergiften, Verbrechen begehen und die Gesellschaft terrorisieren, die die Demokratie erfunden hat".

Für die Opposition sind das zwar klare Worte, allerdings ist die linke Syriza nicht überzeugt, dass diese auch in die Tat umgesetzt werden. "Die 'Goldene Morgenröte' ist unter dieser Regierung erst stark geworden", sagte der Syriza-Abgeordnete Dimitris Papadimoulis SPIEGEL ONLINE.

Er hoffe, so Papadimoulis, dass die Bluttat an Pavlos Fyssas einen Ruck in der griechischen Gesellschaft auslöst und den Aufstieg der "Goldenen Morgenröte" stoppt.

Mit Material von AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
vogelsteller 19.09.2013
1. Man braucht Feindbilder
Wenn es derartige "Rechte" nicht gäbe. würde das dem linken Spektrum ein groß Teil ihres daseins entziehen.
babasikander 19.09.2013
2.
Wenn es derartige Linke nicht gäbe, würde es ihren Äußerungen ebenfalls an einer Daseinsberechtigung fehlen, oder? Meine Gedanken sind bei dem Opfer und den Angehörigen. Hoffen wir, dass die Griechen mit der Nazi-Problematik angemessen umgehen werden...
sponschrobert 19.09.2013
3. Erst Ungarn dann Griechenland...
Und dann alle anderen Staaten in denen sich die Krise ausbreitet. Wenn die reichen also wir jetzt nicht teilen wird Europa von den nazis aufgefressen. Nicht heute aber uebermorgen.
Eimsbüttler 19.09.2013
4. So einfach ist das
Zitat von vogelstellerWenn es derartige "Rechte" nicht gäbe. würde das dem linken Spektrum ein groß Teil ihres daseins entziehen.
Da aber die Neonazis real existieren, kann man nur auf eine starke Linke hoffen.
pressefreiheit2 19.09.2013
5.
Wichtig wäre es, den Mord jetzt nicht politisch zu instrumentalisieren. War sicher nur ein fehlgeleiteter Jugendlicher, dessen Nationalität man nicht nennen darf. Der bekommt vom Gericht nur ein Jahr Bewährung. Bürger, die für eine Mahnwache anreisen, werden von der Polizei nicht durchgelassen und das Zeigen der Nationalflagge wird als Provokation verboten. Ach nein, so muß man sich nur verhalten, wenn es sich um einen Täter mit Migrationshintergrund handelt. Bei einem Neonazi sieht das ganz anders aus. Das Gesetz ist eben doch nicht für alle gleich...
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