Mord an schwulem Türken "Du wirst sterben, wenn du nicht normal wirst"

Der schwule Student verfasste einen Artikel über sein Coming-out - und zwei Monate später war er tot. Eine Hinrichtung in Istanbul auf offener Straße. Sein Partner sagt: Es war die Familie, ein Ehrenmord. Türkische Homosexuellen-Vereine sind überzeugt, dass sein Fall nicht der einzige ist.

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Berlin - Als Ahmet Y. vor drei Monaten einen Beitrag für das türkische Schwulenmagazin "Beargi" verfasste, setzte er damit sein Testament auf. Er habe "heute noch Herzklopfen", wenn er an sein Coming-out und das entscheidende Telefonat mit seinem Vater denke, schrieb der 26-jährige Istanbuler Physikstudent damals.

Seither sei das Verhältnis zu seiner Familie kaputt. "Mein Vater wollte mich zwingen, zum Arzt zu gehen, um mich von dieser Krankheit zu heilen." Die Verwandten versuchten ihn übers Telefon davon zu überzeugen, eine Frau zu heiraten. "Sie setzen mir die Pistole auf die Brust", schreibt Y. "Sie sagten, meine Mutter sei vor Trauer völlig abgemagert." Nach Monaten des zähen Bittens und Beschimpfens habe er verstanden: "Sie werden niemals aufgeben."

Zwei Monate nach Erscheinen des Artikels war Ahmet Y. tot. Am 15. Juli wurde er in seinem Auto im Istanbuler Stadtteil Üsküdar erschossen, aus einem vorbeifahrenden Wagen. "Durch unbekannte Täter", erklärte die Polizei laut türkischen Zeitungen. Von den Kugeln traf ihn nur eine, aber die war tödlich. "Er wollte Eiscreme für uns holen", berichtet sein Lebensgefährte Abi Tosun* im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich blieb oben in der Wohnung und hörte plötzlich die Schüsse." Als er auf die Straße rannte, war sein Partner tot und weit und breit kein Täter mehr zu sehen.

Tosun stammt aus Nordrhein-Westfalen, hat einen deutschen Pass und ist nach dem Mord nach Deutschland geflohen. Er fürchtet um sein Leben - denn er ist überzeugt zu wissen, wer schuld ist am Tod seines Partners.

Tosun glaubt an einen sogenannten Ehrenmord. Eine Bluttat, die begangen wurde, um die vermeintliche Schande zu tilgen, die ein schwuler Sohn für eine traditionell-patriarchalische Familie aus Ostanatolien bedeutet. Tosun erklärt, sein Freund habe eine Woche vor seinem Tod eine E-Mail von einem Onkel erhalten. Darin habe dieser gedroht: "Du wirst mit dem Leben bezahlen, wenn du nicht normal wirst."

Die Familie ließ die Leiche anonym vergraben

Tosun sieht noch einen weiteren Beleg für einen Ehrenmord: Die kurdische Familie des Toten habe keine Beileidsbekundungen hören wollen. Sie habe die Leiche nicht sehen wollen und keine Beerdigung organisiert. Stattdessen habe ein Onkel den Toten bei den Behörden abgeholt und auf einem anonymen Friedhof vergraben lassen. "Ich verstehe das nicht, das ist doch unmenschlich", sagt Tosun.

Von Deutschland aus versucht er nun, politische Unterstützung zu erhalten. "Die Europäische Union könnte den nötigen Druck auf die Türkei ausüben, damit die Behörden den Fall aufklären." Tosun hat zahlreiche Briefe geschrieben, in denen er Politiker um Hilfe bittet. "Ahmet war bekennender Homosexueller, der für unsere Rechte gekämpft hat", sagt er. "Er verdient es, dass sein Mord aufgeklärt wird."

Die zuständige Staatsanwaltschaft Üsküdar hat sich bislang nicht öffentlich zum Fall Ahmet Y. geäußert. Laut türkischen Medienberichten soll es Zeugen geben, die das Auto der Täter beobachtet und sich das Kennzeichen - ein Istanbuler Nummernschild - gemerkt haben sollen. Doch zum Stand der Ermittlungen wollte eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nichts sagen. Die Leiche von Ahmet Y. sei obduziert worden, die Ermittlungen liefen, eine öffentliche Erklärung sei nicht vorgesehen. Wie es scheint, will man um jeden Preis Aufsehen vermeiden.

Die passive Haltung der Ermittler sei "typisch", empören sich Homosexuellen-Verbände in der Türkei. Sie werfen den Behörden vor, den Fall verschleiern zu wollen. "Wir fordern Aufklärung, ob Ahmet Y. wegen seiner Sexualität umgebracht wurde oder aus einem anderen Grund", schreiben drei Vereine in einem offenen Brief an die Istanbuler Polizei.

Der Mord vom 15. Juli war in der türkischen Öffentlichkeit zunächst überhaupt kein Thema. Kaum eine Zeitung berichtete über den Tod des schwulen Studenten vor seiner Haustür. "Homosexualität kommt in den türkischen Medien in der Regel nur dann vor, wenn es ins Showbusiness passt oder Grund zum Spott gibt", schreibt der Berliner Verein "Gays und Lesbians aus der Türkei" auf seiner Homepage. Diskriminierung werde selten ernst genommen.

"Kaum einer zählt die Ehrenmorde an Homosexuellen"

Auch die Istanbuler Polizei ist laut Tosun wenig hilfreich, wenn es um Übergriffe gegen Schwule geht. Im Gegenteil: Vor einem Jahr wurde Tosun nach eigenen Aussagen Zeuge, als ein Polizeikommando Razzien in den Istanbuler Schwulenkneipen "Tekyön" und "Pasam" durchführte und demonstrativ brutal gegen die Gäste vorging. Immer wieder komme es in Istanbul zu willkürlichen Maßnahmen gegen Einrichtungen und Lokale von Homosexuellen. Bei schikanösen Personenkontrollen würden persönliche Daten notiert. Ein Antidiskriminierungsgesetz gibt es in der Türkei bis heute nicht.

Erst seit ein Bericht im britischen "Independent" über den Mord erschien, interessieren sich auch die türkischen Medien für den Tod von Ahmet Y. Der britische Autor fragte: "War das das erste schwule Opfer eines Ehrenmords?" Vertreter homosexueller Verbände kennen die Antwort: "Falls das tatsächlich ein Ehrenmord war, dann war es nicht der erste an einem Schwulen", sagt Ali Erol. Er ist Generalsekretär von Kaos GL, einem der wenigen schwullesbischen Vereine in der Türkei, die sich einen "legalen Status" erkämpft haben. "Keiner zählt die im Namen der Ehre ermordeten Homosexuellen, und kaum einer berichtet darüber", sagt Erol. Selbstverständlich habe es ähnliche Fälle schon früher gegeben, vor allem in ländlichen Regionen der Türkei.

Doch der Fall Ahmet Y. ist besonders: Nicht nur ereignete er sich auf einer Straße mitten in Istanbul, auch die Ausführung -offenbar Schüsse aus mehreren Waffen - markiere eine neue Qualität der Gewalt. So was habe es noch nicht gegeben, sagt Erol. Gerade deswegen sei die Aufklärung so wichtig.

*Name von der Redaktion geändert



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