Großbritannien: Londoner Bluttat schürt Angst vor islamfeindlichen Übergriffen

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AFP

Der grausame Mord an einem Soldaten heizt die Stimmung in London auf. Weil die mutmaßlichen Täter angeblich Islamisten waren, fürchten Muslime im Land nun gewaltsame Übergriffe. In der Nacht wurden bereits Moscheen attackiert, die Behörden sind alarmiert.

London - Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich nach dem bestialischen Soldatenmord am Mittwoch in London erschüttert und sprach von einer "absolut widerwärtigen" Tat. Es gebe "deutliche Hinweise auf einen terroristischen Akt". Videos vom Anschlagsort nähren den Verdacht, dass die zwei Täter Islamisten gewesen sind. Jetzt wächst in London die Furcht vor Übergriffen auf Muslime - und rechtsextreme Gruppen schüren diese Stimmung.

Moscheen wurden Mittwochnacht angegriffen, nicht nur in Woolwich, wo der Soldat ermordet wurde. Auch in Braintree in Essex und Gillingham in Kent wurden Gotteshäuser der britischen "Times" zufolge attackiert. Mehrere Menschen wurden festgenommen. Es gibt Berichte, wonach zwei Männer festgenommen wurden, die mit Messern in Moscheen aufgetaucht waren.

Die rechtsextreme English Defence League (EDL) macht ebenfalls mobil. Mehr als hundert Mitglieder dieser Hooligan-Gruppe sammelten sich am Mittwochabend in Woolwich, viele von ihnen vermummt. Sie lieferten sich Scharmützel mit den Sicherheitskräften. "Wir befinden uns im Krieg", droht die EDL auf ihrer Website.

Die EDL veranstaltet seit Jahren Märsche gegen den Islam, ihre Anhänger machen Stimmung gegen Muslime und gelten als gewaltbereit. Immer wieder enden solche Märsche durch britische Einwandererviertel mit Gewaltexzessen.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson warnte vor solchen Aktionen: "Es ist absolut falsch, diese Taten mit der Religion in Verbindung zu bringen." Vertreter der britischen Muslime verurteilten die "barbarische Tat" an dem Soldaten und bekundeten der Familie des Opfers ihr Beileid.

Regierung beruft Krisenstab ein

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Terror von London: Furcht vor antiislamischer Hetze
Laut Augenzeugen töteten die zwei jungen Männer den Soldaten unter anderem mit einem Fleischermesser. Bevor die Polizei die Angreifer anschoss und festnahm, riefen diese Passanten auf, sie zu filmen und zu fotografieren. Einer von ihnen rief: "Wir schwören bei Allah dem Allmächtigen, wird werden niemals aufhören, euch zu bekämpfen."

Die Täter schienen an ihrem Motiv keine Zweifel lassen zu wollen. Die "Sun" zeigte auf ihrer Website weitere Ausschnitte aus dem gleichen Video. Unter anderem fordert der Täter: "Sagt ihnen, dass sie die Truppen heimholen sollen, damit wir in Frieden leben können." Die Wortwahl erinnert an Bekennervideos von islamistischen Terroristen. Doch war zunächst nicht klar, ob die Täter irgendwelche Kontakte zu einschlägigen Gruppen hatten.

"Es ist dieselbe Rhetorik, die wir bei früheren Anschlägen gesehen haben", sagte Usama Hasan von der Londoner Quilliam Foundation, einem Politik-Institut zum Kampf gegen islamistischen Terror, der BBC. "Die Muslime müssen gegen diese Rhetorik angehen."

Der frühere britische Innenminister John Reid glaubt, es handele sich bei den Tätern um "einsame Wölfe", radikalisierte Jugendliche, die nicht einem Terrornetzwerk angehören, die sich aber haben fanatisieren lassen.

Premier Cameron hat seinen Krisenstab einberufen. Die Sicherheitsvorkehrungen von Kasernen wurden verstärkt. Camerons Regierung hob die Terrorwarnstufe zunächst aber nicht an.

kgp/dpa

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insgesamt 128 Beiträge
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1. Einfach nur traurig
Hersek 23.05.2013
Als Muslim schäme ich mich einfach nur für all das was dort passiert ist. Ich habe dafür wirklich kein Verständnis, in keinster Weise. Erschreckend finde ich aber auch was für eine Verallgemeinerung an den Tag gelegt wird, wenn man die Anschläge/Verbrechen, was auch immer, im Verhältnis zur Anzahl der in diesen Ländern lebenden Muslime setzt, dann sind sie verschwindend gering. Trotzdem vermitteln die Medien einem das Gefühl es könnte gleich jederzeit an jedem Ort knallen... Ich wünschte die Medien würden so intensiv auch mal über das Thema Alkohol berichten, mit der gleichen Panikmache. Letztes Jahr starben in Deutschland 74000 Menschen durch Alkohol....
2. angeblich?
koroview 23.05.2013
Ist es eine Sprachregelung, dass Täter, die mit dem Ruf "Allahu Akkbar" an Ihre Opfer losgehen angeblich islamistische Hintergründe haben könnten? Es ist eigentlich egal, man muss es nicht unbedingt islamistisch nennen. Nur religiös motiviert. Also wahrscheinlich fällt unter der freien Ausübung der Religion. Was im Grundgesetz verbrieft ist. Nun haben wir eine Dilemma: entweder müssen wir die Religionen beugen. Oder einfach Ideologien, die auf Bekehrung wider Willen oder Vernichtung Andersdenkende aufrufen, nicht als Religion anerkennen. Sondern als das, was die tatsächlich sind.
3. ...
Dirk Ahlbrecht 23.05.2013
Zitat von sysopDer grausame Mord an einem Soldaten heizt die Stimmung in London auf. Weil die mutmaßlichen Täter angeblich Islamisten waren, fürchten Muslime im Land nun gewaltsame Übergriffe. In der Nacht wurden bereits Moscheen attackiert, die Behörden sind alarmiert. Mord in London schürt Angst vor islamfeindlichen Übergriffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mord-in-london-schuert-angst-vor-islamfeindlichen-uebergriffen-a-901412.html)
Das der britische Innenminister im Zusammenhang mit der Tat und mit Bezug auf die Täter von "einsamen Wölfen" spricht, verwundert nicht. Denn es muß seitens der Politik alles unternommen werden, um den tatsächlichen Zusammenhang mit der Tat zu verschleiern. Sprich: der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen.
4. Übergriffe
quadratwurzel 23.05.2013
Zitat von sysopDer grausame Mord an einem Soldaten heizt die Stimmung in London auf. Weil die mutmaßlichen Täter angeblich Islamisten waren, fürchten Muslime im Land nun gewaltsame Übergriffe. In der Nacht wurden bereits Moscheen attackiert, die Behörden sind alarmiert. Mord in London schürt Angst vor islamfeindlichen Übergriffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mord-in-london-schuert-angst-vor-islamfeindlichen-uebergriffen-a-901412.html)
Warum kümmern sich eigentlich nicht mal die Londoner Moslems um die Islamisten?
5. act of terror oder terror act?
Dr_EBIL 23.05.2013
Das war die Frage bei dem aufgebauschten Benghazi-Attentat für den Republikaner Darrell Issa. Warum muss man so Haare spalten? Weil es nicht mehr um den Terror geht, sondern für Politiker nur darum solche Ereignisse passend auszuschlachten. Sei es um gegen seine Hassobjekte wie z.B. Muslime oder eben den politischen Gegner als zu lax zu hetzen. Zum Glück wachen immer mehr Menschen auf. Die meisten Attentate in Europa sind nicht von Muslimen, sondern von ETA: Analyse: Anschläge in Europa: Es sind selten Islamisten - - tagesanzeiger.ch (http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Anschlaege-in-Europa-Es-sind-selten-Islamisten/story/21851445) Darüber wird aber schon gar nicht mehr berichtet. Denn Berichte über solche Anschläge sind nicht zielführend. Es interessiert niemanden politisch ausserhalb des Baskenlandes und der betroffenen Länder, dass dort mehr Anschläge geschehen. Berichtet man aber in dieser reisserischen Art über Islamisten, dann darf sich jeder in Europa bedroht fühlen. Auch wenn die Chancen so einem Attentat zum Opfer zu fallen niedriger sind als vom Blitz getroffen zu werden, zumindest war das so bisher und hat sich noch nicht geändert. Also warum diese Berichterstattung? Wenn man sieht wie vorallem Politiker reagieren, nämlich mit Beschneidung des Rechtsstaats und Einschränkung der Bürgerrechte, muss man einfach vermuten, dass die eine bestimmte Agenda haben. Islamistischer Terror ist der willkommene Anlass. Bei VTern wird das "Terrormanagement" genannt. Das gibt es auch wirklich in zweierlei Hinsicht: Erstens muss tatsächlich jemand solche Anschläge planen und durchführen. Zweitens warten gewisse politische Gruppen auf diese Anschläge, um die dann auszuschlachten für ihre Zwecke. Bezeichend ist auch, dass die Anti-Terrorgesetze nach den Anschlägen nicht lange nur ausschliesslich für Anti-Terrormassnahmen benützt werden. Sondern mit den neuen Gesetzen werden vornehmlich politische Gegner und harmlose Demonstranten ausspioniert und (investigativer) Journalismus erschwert.
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