Morddrohung gegen Reporter: Putins Schnüffler und das Waldrätsel

Von , Moskau

Russlands Chefermittler soll einen kritischen Journalisten in den Wald gebracht und dort mit dem Tode bedroht haben. Jetzt unterstützen überraschend auch Freunde von Präsident Putin den bedrohten Redakteur. Der Fall befeuert die Machtkämpfe im Umfeld des Kreml.

Russland: Drohgebärden gegen kritischen Journalisten Fotos
REUTERS

Das Wappen des russischen Ermittlungskomitees schmücken Schild und Schwerter. Der Schild steht symbolisch für den Schutz von gesetzestreuen Bürgern, die Klingen für den Kampf gegen Feinde der öffentlichen Ordnung. Spätestens seit dieser Woche weiß man, dass der Chef der Ermittlungsbehörde Journalisten eher der zweiten Kategorie zuordnet.

Alexander Bastrykin, Präsident Wladimir Putin seit gemeinsamen Studientagen verbunden, hat eine beispiellose Attacke gegen die angesehene Moskauer Tageszeitung "Nowaja gaseta" geritten. Tonbandmitschnitte, vom Webportal "Lifenews" am Mittwoch veröffentlicht, zeugen vom verbalen Showdown zwischen Russlands oberstem Ermittler und dem stellvertretenden Chefredakteur der Zeitung, Sergej Sokolow. Bastrykin hatte sich über einen Artikel beschwert, Sokolow versuchte sich an einer Entschuldigung.

Sokolow: Ich möchte meine Entschuldigung vorbringen für meine scharfen Aussagen, jedoch bin ich davon überzeugt, dass es Gründe dafür gab, ich werde versuchen, das in nächster Zeit zu beweisen.

Bastrykin: Sergej Michailowitsch, zu Zaren-Zeiten wäre man für so etwas zum Duell aufgefordert worden.

Sokolow: Ich bin bereit.

Bastrykin: Bereit, ja? Aber ich bin nicht bereit, mich mit Ihnen zu schlagen, Sie haben keine Ehre! Und Ihre ekelhafte Zeitung - entschuldigen Sie, ich antworte mit Ihren Worten - was will sie erreichen? Ich habe 25.000 Mitarbeiter, ich habe Tausende Studenten, die ich seit 1980 unterrichtet habe, und Sie übergießen mich beiläufig mit Scheiße? Finden Sie das richtig? Wegtreten!

Sokolow: Wie meinen Sie das?

Bastrykin: Im Wortsinn: Raus hier!

Sokolow: Danke.

Die Reporter der "Nowaja" gehören zu den Besten ihres Fachs. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass sie Staatsanwälten und Ermittlern Bestechlichkeit, Versäumnisse und Schlampereien nachweisen. So war es auch diesmal: Am 4. Juni hatte die Zeitung über die milde Bestrafung eines Mannes berichtet, dem die Beteiligung an einem blutigen Mafia-Massaker in Südrussland zur Last gelegt wurde. Sergej Z. wurde zu einer Geldstrafe von 150.000 Rubel verurteilt, umgerechnet knapp 4000 Euro. Bastrykin habe zwar "die Backen aufgeblasen", aber nichts getan, schrieb Sokolow. Der Chefermittler sei eine "Stütze der Mafia".

Phantasien "eines entzündeten Hirns"

Nach Angaben der Zeitung blieb es allerdings nicht bei dem hitzigen Wortgefecht. Chefredakteur Dmitrij Muratow bezichtigte Bastrykin am Mittwoch in einem offenen Brief, seinen Vize Sokolow massiv unter Druck gesetzt zu haben. Sollten die Schilderungen Muratows stimmen, dann zählt nicht nur akribische Polizeiarbeit zum Repertoire russischer Ermittler, sondern auch Methoden, wie man sie aus Mafia-Filmen kennt.

Bastryins Leibwache habe Sokolow in ein Wäldchen bei Moskau gebracht. Dort habe der Chefermittler unter vier Augen "grob das Leben meines Stellvertreters bedroht", so Muratow. Putins Chefermittler habe zynisch "gescherzt (im Falle von Sokolows Tod, Anmerkung der Redaktion) selbst die Ermittlungen in dem Fall zu führen".

Bastrykin bestritt die Vorwürfe im Interview mit der regierungstreuen Zeitung "Iswestija" vehement. Er sei "schon seit Jahren nicht mehr in einem Wald gewesen", die Vorwürfe seien Phantasien "eines entzündeten Hirns".

Da hatte Sokolow das Land aber bereits verlassen, aus Sorge um seine Sicherheit. Dabei steht der Journalist unter Kollegen im Ruf, alles andere als ängstlich zu sein. Fährt er in Urlaub, schickt er Urlaubsgrüße an die Kollegen. "Ich schwimme mit den Haien", hat er sie einmal auf einer Karte wissen lassen. Sie hing am Schwarzen Brett der Redaktion und jemand schrieb daneben: "Die armen Haie!"

Unerwartete Verbündete

Sokolow ist ein bärbeißiger Kettenraucher mit Schnauzbart. Bei der "Nowaja" dirigiert er die Arbeit der investigativen Reporter. Unter deren Artikeln stehen oft keine Namen, weil so brisant ist, was sie schreiben. Fünf Journalisten der Zeitung sind schon ermordet worden. Sie wurden mit einem Hammer getötet, vergiftet - oder erschossen, wie die 2006 ums Leben gekommene Anna Politkowskaja, deren Mord seither ein Team um Sokolow aufzuklären versucht.

Die Anfeindungen Bastrykins führen nun drastisch vor Augen, dass Berichterstatter kaum auf den Schutz der Sicherheitsorgane Russlands vertrauen können. Im Gegenteil: Hochgestellte Ordnungshüter betrachten Journalisten offenkundig als feindliche Elemente.

Im Konflikt mit dem Ermittlungskomitee aber fand die oppositionelle Zeitung unerwartete Verbündete. Dass es ausgerechnet die Kreml-treue Boulevard-Seite "Lifenews" war, die den Mitschnitt von Bastrykins Tiraden veröffentlichte, war kaum weniger erstaunlich wie der Inhalt des Bandes selbst. Das Portal gehört zum Medienimperium des Putin-Freundes Jurij Kowaltschuk und publiziert sonst auf Geheiß des Kreml bevorzugt, Kompromittierendes Material: abgehörte Telefongespräche und heimliche Videoaufnahmen, um die Opposition bloß zu stellen.

Von "Schande und Scham" sprach auch Alexander Hinstein, Abgeordneter der Putin-Partei "Einiges Russland" im vom Kreml kontrollierten Parlament und stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsausschusses.

Die Schützenhilfe aus dem Umfeld Putins zeugt von dem, was in Moskau "Clan-Krieg" genannt wird: das Ringen unterschiedlicher Einflussgruppen innerhalb des Kreml.

Bastrykin gebietet über 25.000 Mann

Bastrykin gilt als ambitioniert. Erst 2007 hatte ihn Putin an die Spitze des neu gegründeten Ermittlungskomitees beordert. Die Behörde sollte ein Gegengewicht zum einflussreichen Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika bilden. Heute gebietet Bastrykin über 25.000 Mann, strebt aber nach mehr. "Er will das Ermittlungskomitee zu einer Art russischem FBI ausbauen", sagt Alexej Muchin, Direktor des Moskauer Zentrums für politische Information.

Das widerstrebt Generalstaatsanwalt Tschaika, der selbst angezählt ist, seit angebliche kriminelle Verwicklungen seines Sohnes Schlagzeilen machten.

Der von russischen Medien "Waldkonflikt" getaufte Zwist endete Mittwochabend ebenso seltsam, wie er begonnen hatte. Chefredakteur Muratow und Chefermittler Bastrykin kamen überraschend zu einem Treffen zusammen. Per Telefon wurde auch der geflohene Sokolow zugeschaltet, Muratow reichte den Hörer Bastrykin, der sich artig für seinen "emotionalen Ausbruch" entschuldigte.

"Die Versöhnung ist zustande gekommen", flötete Muratow. Am Vortag noch hatte der "Nowaja"-Chef vor einem "Informationsgemetzel" gewarnt und betont, die Zeitung werde sich nicht beteiligen am "Krieg der Silowiki", wie in Russland traditionell die mächtigen Angehörigen von Armee und Rechtsschutzorganen genannt werden.

Doch es scheint, als sei seine Zeitung längst mitten drin.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Krass!
fleischauge 14.06.2012
Hier bewegt sich die russische Politik weiterhin auf totalitärem Niveau. Angesichts solchen Verhaltens, wundert es kaum dass Russlandkenner warnend und mahnend an die Gefährlichkeit und kriminelle Energie der Kremlbelegschaft erinnern. Auch aus dieser Perspektive (und der Abhängigkeit von russischem Gas und damit der Gazprom- Mafia) ist die Umstellung der deutschen Wirtschaft auf regenerative Energiequellen wünschenswert. Frage:Kann man also so weit gehen und schadlos Behaupten, dass regenerative Energiequellen dem -Organisierten Verbrechen- schaden?
2. Wie zu erwarten
Regulisssima 14.06.2012
Wer miterleben muss, zu welch barbarischen Mitteln das russische Kolonialministerium in Syrien greift, den kann das alles nicht überraschen. Um zu wissen, wie es von her weitergeht, braucht man nur die Grundlagen von Theorie und Geschichte des Faschismus kennen.
3. Die Waldgeschichte
taggert 15.06.2012
Zitat von sysopRusslands Chefermittler soll einen kritischen Journalisten in den Wald gebracht und dort mit dem Tode bedroht haben. Jetzt unterstützen überraschend auch Freunde von Präsident Putin den bedrohten Redakteur. Der Fall befeuert die Machtkämpfe im Umfeld des Kreml. Morddrohung gegen "Nowaja gaseta"-Redakteur und Machtkampf im Kreml - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838864,00.html)
Ich bin weißgott kein Fan des Kremml, aber ob die Waldgeschichte wirklich stimmt, lässt sich Schwer nachvollziehen. ... das mal eine öffentliche Person Wütend am Telefon explodiert, soll auch schon deutschen Bundespräsidenten gegenüber Deutschen Klatschblättern schon passiert sein! ;) Naja aber ob nunwahr oder nicht, genauso stelle ich mir aber die Führung des Herrn Putin vor - wie sicher viele andere auch. Ich erinnere mich noch zu gut, wie die wütende Mutter damals beim Absaufen der Kursk "Mörder!" schreiend in der Menge stand - und von den Kameras sehr eindrucksvoll gezeigt wurde, wie ihr von hinten eine Spritze in den Hals gejagt wird, damit Sie bloß ruhig ist und Zaren Putin in keinem schlechten Licht dasteht... .. naja, aber was machen wir uns denn bitte Sorgen? Das hat uns nicht zu interessieren. Putin ist laut diverse deutscher Führungspersönlichkeiten doch ein "Lupenreiner Demokrat" und würde so etwas nie machen. ;) Schon klar.
4. Reinheit mit der Lupe suchen
Yossarian22 15.06.2012
Bei allen Verdiensten bei der Wiederherstellung der Wettbewerbsfaehigkeit Deutschlands... bei solchen Berichten wird immer wieder deutlich, wie sehr sich Gerhard Schroeder als eifriger Steigbuegelhalter eines brutalen, korrupten und menschenverachtenden Systems selber in den Dreck gezogen hat, und etliche Mitglieder der deutschen politischen und wirtschaftlichen Elite mit ihm... Diese Leute haben jeglichen Respekt verspielt... Ich hoffe, die Geschichtsbuecher werden das nicht beschoenigen! In diesem Licht erscheint die deutsche Empoerung ueber die mit Fuessen getrampleten Menschenrechte einer ukrainischen Oligarchin zynisch und opportunistisch... Kein Wunder, dass Menschen Interesse an Politik verlieren - diese Heuchelei und politische Prostitution ist nicht auszuhalten...
5.
dj_holgie 15.06.2012
Russland ist wenn an Kriterien wie Menschlichkeit/Korruption/Vetternwirtschaft gemeßen wirklich ein schreckliches Entwicklungsland.
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