Regimekritische Journalistin: Elf Jahre Haft für Ex-Polizisten im Mordfall Politkowskaja

Er hatte die Waffe gekauft und an den Täter übergeben: Im Mordfall der getöteten russischen Journalistin Anna Politkowskaja wurde ein Ex-Polizist zu elf Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte die Beihilfe eingeräumt - nun muss er in ein Straflager.

Angeklagter Pawljutschenkow: Lange Haftstrafe angeordnet Zur Großansicht
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Angeklagter Pawljutschenkow: Lange Haftstrafe angeordnet

Moskau - Im Gerichtsverfahren zur Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja ist ein ehemaliger Polizist wegen Beihilfe zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Das entschied ein Moskauer Bezirksgericht am Freitag, nachdem der Angeklagte Dmitri Pawljutschenkow eingeräumt hatte, Politkowskaja überwacht sowie die Mordwaffe gekauft und dem Mörder Rustam Machmudow übergeben zu haben.

Die Strafe wird er in einem Lager absitzen. Der Ex-Polizist muss laut dem Urteil zudem drei Millionen Rubel (rund 75.000 Euro) an die Familie der Getöteten zahlen. Die Hinterbliebenen, die als Nebenkläger aufgetreten waren, kündigten umgehend Berufung an. Sie würden nur die Höchststrafe von 20 Jahren akzeptieren. Die Staatsanwaltschaft hatte zwölf Jahre Haft gefordert.

Ein aus Tschetschenien stammender Hintermann soll Pawljutschenkow umgerechnet rund 115.000 Euro für den Mord gezahlt haben. Dieser kommandierte zum Zeitpunkt des Mordes eine Sondereinheit der Moskauer Miliz für Beschattungen und Abhöroperationen. Der Drahtzieher sitzt im Zusammenhang mit einem anderen Verbrechen derzeit eine zwölfjährige Gefängnisstrafe ab. In wessen Interesse er den Mord an Politkowskaja in Auftrag gegeben hatte, ist jedoch bis heute unklar.

Im Jahr 2009 wurde der Todesschütze Machmudow zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Zwei an der Tat beteiligte Brüder Machmudows wurden dagegen aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Im Jahr 2010 entschied der oberste russische Gerichtshof, den Prozess gegen die drei Tschetschenen neu aufzurollen.

Journalistin mit mächtigen Feinden in Russland

Die regierungskritische Journalistin war im Oktober 2006 im Treppenhaus ihres Moskauer Wohnhauses erschossen worden. Sie war vor allem durch ihre kritischen Berichte über den Krieg in Tschetschenien bekannt geworden - und als scharfe Kritikerin von Präsident Wladimir Putin.

Mit Berichten über schwerste Menschenrechtsverbrechen in dem früheren Kriegsgebiet hatte sich die preisgekrönte Journalistin der Zeitung "Nowaja gaseta" viele Feinde gemacht. In Russland gilt der Fall Politkowskaja als Symbol für die Verfolgung regierungskritischer Journalisten.

In der ersten Verhandlung war Pawljutschenkow noch als Zeuge der Staatsanwaltschaft aufgetreten. Im Laufe des Prozesses kamen jedoch immer mehr Zweifel an seiner Rolle in dem spektakulären Mordfall auf.

jok/AFP/dapd

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Lesen!
Pango 14.12.2012
Ich kann ihr Buch "Tschetschenien" jedem empfehlen, der wissen will, wie ein absolut dreckiger Krieg in der Realität aussieht. Selbst ein Machtmensch wie Putin konnte oder wollte seine Armee nicht unter Kontrolle halten, was zu unverhältnismäßiger Härte gegenüber der Zivilbevölkerung führte. Mordernd, vergewaltigend und raubend, zogen die stolzen Kinder von "Mütterchen Russland" durch Tschetschenien und hinterließen eine Spur der Vernichtung und eine Saat des Terrors. Die internationale Gemeinschaft kann froh sein, dass diese undisziplinierte Bande nicht an internationalen Einsätzen teilnimmt. Was die sich in Tschetschenien "geleistet" haben, lässt selbst Foltergefängnisse im Irak als Treppenwitz der Geschichte erscheinen ...
2.
Claudio Tiberio 14.12.2012
Zitat von sysopEr hatte die Waffe gekauft und an den Täter übergeben: Im Mordfall der getöteten russischen Journalistin Anna Politkowskaja wurde ein Polizist zu elf Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte die Beihilfe eingeräumt - nun muss er in ein Straflager. Mordfall Politkowskaja: Elf Jahre Haft für Polizisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mordfall-politkowskaja-elf-jahre-haft-fuer-polizisten-a-872952.html)
Seit vielen Jahren, ist dies die 1ste Nachricht aus Russland, die mir Freude bereitet! Bei uns hätte er wohl nur eine Geldstrafe bekommen....weiter so!
3.
saxae 14.12.2012
Das russische Rechtssystem funktioniert besser als das deutsche. Hierzulande hätte allein die Tatsache, dass es sich um einen Ex-Polizisten gehandelt hätte, nur zum Vorwurf der Beihilfe zum Totschlag gereicht mit höchstens 1-2 jJahren tatsächlicher Haft.
4.
Claudio Tiberio 14.12.2012
[QUOTE=saxae;11555883]Das russische Rechtssystem funktioniert besser als das deutsche. Hierzulande hätte allein die Tatsache, dass es sich um einen Ex-Polizisten gehandelt hätte, nur zum Vorwurf der Beihilfe zum Totschlag gereicht mit höchstens 1-2 jJahren tatsächlicher Haft.[/QUOTE Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
5. mhhh
Christ 32 14.12.2012
warum ermorden ausgerechnet Tschetschenen eine Journalistin die russlandkritische Bücher über den Tschetschenienkrieg schreibt ? kommen die Tschetschenen in Ihren Veröffentlichungen auch nicht gut weg ?
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