Mordversuch an Deutschafrikaner Brutaler Überfall schockiert Potsdamer

Ein Familienvater liegt mit lebensbedrohlichen Verletzungen im Krankenhaus. Brutal zusammengeschlagen von zwei Tätern mit vermutlich rechtsradikalem Hintergrund. Der Überfall auf den Deutschafrikaner sorgt in Brandenburgs Hauptstadt für Empörung, Wut und Sorge.

Von Jens Todt, Potsdam


Potsdam - "So etwas hat es bisher bei uns nicht gegeben", sagte Oberbürgermeister Jakobs auf einer Pressekonferenz nach dem rassistischen Angriff. "Das verändert die Atmosphäre in unserer Stadt." Bisher hätten Auseinandersetzungen mit rechtsextremem Hintergrund überwiegend unter Jugendlichen stattgefunden, so Jakobs, aber "diese Tat hat eine neue Qualität, sie ist nicht im Entferntesten mit den bisherigen Auseinandersetzungen dieser Art zu vergleichen." Die Bundesanwaltschaft hat inzwischen die Ermittlungen übernommen.

Der 37-jährige Ernyas M. war am Sonntagmorgen gegen 4 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle Charlottenhof von zwei unbekannten Tätern zunächst beschimpft und kurz darauf äußerst brutal zusammengeschlagen und beraubt worden. Der Überfall ereignete sich nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus des Opfers entfernt.

Ein Taxifahrer kam dem Deutschen äthiopischer Herkunft zu Hilfe. Zunächst war der Taxifahrer an der Haltestelle vorbeigefahren, da er zwei betrunkene Fahrgäste nach Hause bringen musste. Zu diesem Zeitpunkt sei von einer Auseinandersetzung noch nichts zu sehen gewesen, sagte er der Polizei. Auf dem Rückweg habe er jedoch bemerkt, dass ein Mann auf der Erde gelegen habe, zwei Personen hätten sich über ihn gebeugt. Er habe angehalten und die Täter zu Fuß verfolgt. Doch die Täter konnten unerkannt fliehen. Er sei zum Opfer zurückgekehrt und habe die Polizei verständigt.

Die Bewohner der Brandenburger Vorstadt, einem lebhaften Viertel mit vielen Cafés und Kneipen am Rande der Potsdamer Innenstadt, sind schockiert von der Tat. "Ich habe davon gehört, das ist schrecklich", sagt die Mitarbeiterin eines Cafés in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses des Opfers. Unter Potsdams Taxifahrern ist der Überfall Gesprächsthema Nummer eins. "Gut, dass der Kollege so rasch reagiert hat", sagt einer, "diese dumpfe Gewalt ist unglaublich." Eine Rentnerin fürchtet, dass Potsdam seinen guten Ruf verliert. "Das ist doch eigentlich eine weltoffene Stadt, was ist nur mit diesen Leuten los?"

5000 Euro Belohnung

Das Opfer ist ein zweifacher Vater, der seit 19 Jahren in Deutschland lebt. Der Mann erlitt bei dem Überfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und mehrere Knochenbrüche im Brustbereich. "Nachdem am Sonntag der Hirndruck anstieg, mussten wir operieren", berichtet Uwe Träger, Neurochirurg am Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum. Nach dem Eingriff habe es bisher keine weiteren Komplikationen gegeben. M. sei in ein künstliches Koma versetzt worden, sein Zustand könne "momentan als stabil bezeichnet werden", so Träger. Die Knochenbrüche im Brustbereich seien angesichts der schweren Kopfverletzungen "nachrangig", so Hubertus Wenisch, Ärztlicher Direktor der Klinik. Der Zustand des Patienten sei nach wie vor lebensbedrohlich, ob Teile des Hirns nachhaltig geschädigt seien, könne noch nicht beurteilt werden.

Tatort Haltestelle: Hier wurde der Deutschafrikaner überfallen
DPA

Tatort Haltestelle: Hier wurde der Deutschafrikaner überfallen

Für Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens wurde eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt. Die Potsdamer Polizei hat bereits mehrere Tipps aus der Bevölkerung erhalten, die sie zu den Tätern führen könnten. Möglicherweise kommt den Ermittlern auch ein Zufall zu Hilfe. Denn Ernyas M. hatte seiner Frau kurz vor dem Überfall von seinem Handy aus eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Das Gerät zeichnete Teile des Gesprächs zwischen dem Wasserbau-Ingenieur und den Tätern auf.

"Hau ab, du Nigger", ist auf der Aufzeichnung zu hören, "wir machen dich platt." Kurze Zeit später bricht das Gespräch ab. Experten des brandenburgischen Landeskriminalamtes bearbeiten die Fragmente derzeit, nach Abschluss der Untersuchungen soll die Aufzeichnung veröffentlicht werden. "Unsere Stimmenspezialisten sind mit der technischen Aufbereitung beschäftigt", so eine Sprecherin.

Ist der zweite Täter eine Frau?

Der Taxifahrer, der das Duo in die Flucht geschlagen hatte, beschreibt einen der Schläger als 1,80 bis 1,90 Meter groß, kräftig und extrem kurzhaarig, möglicherweise auch glatzköpfig. Er habe eine schwarze Bomberjacke mit weißem Aufdruck getragen. Auch der zweite Täter sei dunkel gekleidet gewesen. Er sei etwa 1,70 bis 1,80 Meter groß mit hellen, kurzen Haaren. Möglicherweise handelt es sich bei der zweiten Person um eine Frau, da eine der Stimmen auf dem Band auffallend hoch gewesen sei.

Oberbürgermeister Jakobs sicherte der Familie des Opfers Unterstützung zu. "Wir werden der Frau und den beiden Kindern helfen", sagte Jakobs, "sowohl was psychologische Betreuung betrifft als auch bei der Versorgung der Kinder." Finanzielle Unterstützung sagte Jakobs ebenfalls zu, "falls das nötig werden sollte".

Der Ruf des Touristenziels Potsdam hat bereits schwer gelitten. "Ein für den Herbst geplanter Ärztekongress ist wegen des Vorfalls vom Wochenende von den Veranstaltern abgesagt worden", berichtete Jakobs. "Nach dem Imageschaden kommt der wirtschaftliche."



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