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Moskau: Nazi-Prügel für Homosexuelle - Beck abgeführt

Von , Moskau

Die Nazis und radikalen Orthodoxen warteten schon. Bei der Moskauer Gay Parade gab es heute erneut Prügel für Schwule und Lesben - unter den Augen meist tatenloser Sicherheitskräfte. Grünen-Politiker Volker Beck wurde rüde von der Polizei abgeführt - zu seinem Schutz, wie es hieß.

Moskau - "Pssst, nicht so laut sprechen", flüstert Aleksej. "Hier sind doch schon überall die Skinheads." Aleksej wischt sich den Schweiß von der Stirn, knetet unablässig die Finger. Alle paar Sekunden schaut sich der 23-jährige Student besorgt um. Er hat Angst. Angst, dass er zusammengeschlagen wird, weil er homosexuell ist.

Verletzter Demonstrant: "Na, wie fandest du das, Tunte?"
DPA

Verletzter Demonstrant: "Na, wie fandest du das, Tunte?"

"Tod den Schwulen!" und "Moskau ist nicht Sodom!" brüllen derweil draußen auf der Straße die glatzköpfigen russischen Neonazis, und mit ihnen radikale Anhänger der orthodoxen Kirche. Sie haben angekündigt, Moskaus Straßen zu "reinigen" von Aleksej und anderen Homosexuellen, die heute gegen Homophobie und Diskriminierungen demonstrieren wollen.

"Das sind Entartete, einfach keine Menschen. Die werden erst wieder zu Menschen, wenn sie ihrer Sünde entsagen", erklärt Alexander, einer der religiösen Eiferer. Bedrohlich wirken er und seine bärtigen Mitkämpfer in den schwarzen Kluften, mit den eisernen Orden an der Brust und ihren schweren Kampfstiefeln. Ein Priester segnet sie, dann stimmen die Radikalen Choräle an. Einer Prozession gleich tragen sie Kreuze und Ikonen vor sich her – auf dem Weg zur Schlacht von Gut und Böse, wie sie meinen.

Volker Beck in Gewahrsam

"Satanistisches Treiben" nannte der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow das Ansinnen der homosexuellen Aktivisten, in der russischen Hauptstadt eine Schwulen- und Lesben-Parade abzuhalten. Luschkow erließ ein Verbot der Parade, so wie bereits im vergangenen Jahr. Damals gingen die Homosexuellen dennoch auf die Straße. Der Demonstrationszug wurde brutal von nationalistisch gesinnten Gegendemonstranten gesprengt, viele der Teilnehmer zusammengeschlagen.

Damals auch betroffen: Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Er wurde von russischen Neonazis angegriffen. Trotz der Attacke auf ihn ist Beck auch in diesem Jahr nach Moskau gereist. Er will ein Zeichen setzen: "Wir müssen den russischen Politikern ganz klar sagen, dass die Europäische Menschenrechtskonvention, die auch Russland unterzeichnet hat, für alle gilt. Auch für Schwule und Lesben."

Auf eine groß angelegte Kundgebung wollen die Organisatoren in diesem Jahr verzichten, nicht noch einmal wollen sie friedliche Demonstranten den brutalen Schlägertrupps ausliefern. Wohl aber wollen sie Bürgermeister Luschkow einen Protestbrief überreichen, den 42 Abgeordnete des Europa-Parlamentes unterzeichnet haben. Doch die Delegation um Beck erreicht die Stadtverwaltung erst gar nicht. Ein Pulk aus Milizionären und gewaltbereiten Gegendemonstranten hält sie auf, es kommt zu einem Handgemenge. Eier und Tomaten fliegen auf die Aktivisten. Volker Beck wird festgenommen, zu seinem eigenen Schutz, heißt es. Rüde wird er von den Milizionären abgeführt, später aber wieder freigelassen.

Polizei lässt Skinheads gewähren

Auf dem Platz gegenüber der Stadtverwaltung sammeln sich mehrere hundert Skinheads und orthodoxe Fundamentalisten. "Wir müssen die Zukunft unserer weißen Kinder sichern," steht auf dem T-Shirt eines der Neonazis. Die können sich trotz des Großaufgebots der Polizei ungehindert unter die vielleicht 50 Aktivisten der Homosexuellen-Bewegung mischen, die trotz des Demo-Verbots gekommen sind. Die Skinheads gehen auf die Demonstranten los, reißen Regenbogenfahnen herunter, schlagen zu.

Aleksej steht auf der Twerskaja Straße, um ihn herum skandieren die Rechtsradikalen "Russland ohne Schwule". Aleksej schreit zurück: "Russland ohne Homophobie". Drei Skinheads stürzen sich auf ihn und schlagen ihn nieder. Sie treten auf den am Boden Liegenden ein. Die Miliz greift erst spät ein.

"Die Sicherheitskräfte beschützen die Aktivisten und Demonstranten nicht. Sie lassen zu, dass sich die verschiedenen Gruppen mischen und ich habe den Eindruck, das geschieht vorsätzlich", sagt Boris Dittrich, Beobachter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Alexej wischt sich den blutigen Mund ab. Freunde versuchen ihn, vor weiteren Attacken zu schützen. "Na, wie fandest Du das, Tunte? Willst du noch ne mehr?", rufen ihm jene zu, die ihn gerade malträtiert haben – und die noch immer auf freiem Fuß zwei Meter von ihm entfernt stehen. Die Fundamentalisten der orthodoxen Kirche stimmen derweil wieder einen Choral an. Aleksej liegt noch immer am Boden, als sich ein älterer Herr verächtlich über ihn beugt, ausspuckt und schimpft: "Schaut euch den an. Das ist doch kein Mensch."

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Moskau: Angriff auf Volker Beck

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