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Moskau: Tummelplatz der Waffenschieber

Von , Moskau

Waffenhändler können sich in Moskau frei bewegen, gelten als angesehene Geschäftsleute. Regierungsbeamte schwärmen bis heute von Geschäften mit zwielichtigen Schiebern - "weil die stets im Voraus bezahlten".

Reporters/ laif

In Bangkok führten Soldaten mit Sturmgewehren den Russen Wiktor But ab, sie trugen Helme und schusssichere Westen. Die Männer einer thailändischen Spezialeinheit übergaben But an die Amerikaner - gefesselt wie einen gefährlichen Terroristen. In New York sitzt But nun in einem US-Hochsicherheitsgefängnis, in Einzelhaft. Die Amerikaner wollen ihm dort den Prozess machen, und ein Exempel statuieren am berüchtigtsten Waffenschieber der Welt.

In Moskau dagegen pflegt man ein anderes Verhältnis zu Männern wie Wiktor But. Waffenhändler standen dort immer hoch im Kurs. Die Partei des Ultranationalisten Wladimir Schirinowski bot But gar 2007 einen sicheren Listenplatz im Parlament an. "Was soll ich da? Ich kann auch so alle meine Probleme lösen", antwortete But damals. Auch nach seiner Verhaftung kann sich But auf die Unterstützung aus der Heimat verlassen. Moskaus Auslandssender "Russia Today" etwa preist den mutmaßlichen Waffenhändler beständig als harmlosen "russischen Geschäftsmann". Außenminister Sergej Lawrow versuchte monatelang, die Auslieferung zu verhindern. Er bat seine US-Kollegin Hillary Clinton sogar persönlich, Thailand nicht "unter Druck zu setzen".

Das hat Gründe: Zum einen lehnt Russland allgemein die Auslieferung seiner Staatsbürger an andere Staaten ab. Zum anderen verfügen Männer wie But über ausgezeichnete Verbindungen zu Moskauer Rüstungs- und Geheimdienstkreisen. Nach Ansicht der Vereinten Nationen soll But in Afrika Waffen in Konfliktgebiete verschoben haben. Muss er im Herbst vor amerikanischen Gerichten aussagen, hat der Kreml unbequeme Enthüllungen zu befürchten - über das skrupellose Geschäft der Kriegshändler aus Russland, über deren enge Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst GRU.

Ein Insider berichtet, dass "so gut wie alle in Moskau tätigen Waffenhändler von unseren Geheimdiensten beobachtet und oft auch gelenkt werden". Laut einem weiteren Branchenkenner funktioniert das Geschäftsmodell wie folgt: "Verdeckte Waffenverkäufe laufen über Firmen, die aus dem Dienst ausgeschiedene GRU-Offiziere gegründet haben." Die Deals würden von aktiven GRU-Kadern betreut.

2004 warnte gar der mit dem GRU traditionell rivalisierende Auslandsgeheimdienst SWR vor dem "grauen Waffenmarkt" in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Zunehmend machten "sich im weltweiten Handel mit Kriegsgerät Ex-Mitarbeiter der Geheimdienste aus Russland und der Ukraine bemerkbar", heißt es in dem vertraulichen Dokument.

Im vergangenen Jahr hat Russland Waffen im Wert von 8,6 Milliarden Dollar exportiert, ganz legal, über die staatliche Rüstungsagentur Rosoboronexport. Damit rangiert Russland nach den USA auf Platz zwei der größten Rüstungsexporteure.

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Wiktor But: "Lord des Krieges"
Daneben aber existiert eine Schattenwelt der Waffendealer. Moskau hat sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zu einer Zentrale des illegalen Waffenhandels entwickelt. Neben Geschäftsleuten aus dem ehemaligen Ostblock steuern auch andere Ausländer ihre zwielichtigen Geschäfte von Moskau aus: So soll ein in Moskau ansässiger Pakistani in den vergangenen Jahren Raketen und Hubschrauber nach Südamerika und Pakistan verkauft haben, während er in Moskau als Textilunternehmer getarnt operierte.

Zu den Gepflogenheiten der Branche gehört Verschwiegenheit: Kenner der Szene nennen selten Namen. Wenn sie von den Geschäften der Kriegshändler berichten, sprechen sie lieber von "Leuten wie But", oder von "But 1, But 2 und But 3."

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Internationale Rüstung: Die größten Waffenschmieden und ihre Kunden
Im Zentrum von Moskau, unweit der Lubjanka, der Zentrale des russischen Geheimdienstes, betritt ein älterer Herr eine Kneipe. Er trägt Vollbart und Glatze. "Glauben Sie nicht, dass Ihnen jemand die ganze Wahrheit über den Waffenhandel erzählen wird", sagt er. "So lebensmüde ist niemand." Der Fremde hat in den achtziger Jahren als sowjetischer Offizier in Afrika gedient, der Wiege des russischen Waffenhandels. Von 1975 bis Anfang der neunziger Jahre setzte der Kreml in Mosambik und Angola Militärberater ein und unterstützte kommunistische Bewegungen in Bürgerkriegen, auch durch Waffenlieferungen. Mit deren Abwicklung war der militärische Geheimdienst GRU betraut.

Lukrative Schwarzmarktgeschäfte

Auch Wiktor But kam so nach Afrika, als ein junger, smarter Militärübersetzter. Die Dolmetscher besserten ihren Sold damals durch Geschäfte auf dem Schwarzmarkt auf, berichtet einer, der selbst in Afrika diente. Manchmal heuerten sie sogar Piloten an, um Alkohol, Lebensmittel oder Elektrogeräte zu schmuggeln. "Candonga" tauften die Russen das System, in Anlehnung an das portugiesische Wort für Schwarzhandel.

Während des Dienstes lernten die Männer aus der Sowjetunion afrikanische Militärs und Politiker kennen. "Wir haben mit ihnen zusammen Wodka gesoffen und Nutten gehabt. Das verbindet", sagte ein ehemaliger Dolmetscher dem SPIEGEL.

Auch der glatzköpfige Ex-Offizier machte in Angola die Bekanntschaft von José Eduardo dos Santos, dem heutigen Staatspräsidenten des Landes. 1991 zerbrach die Sowjetunion, die Netzwerke in Afrika aber blieben intakt. Nach Moskau zurückgekehrt zeichnete der Mann bald bei Rüstungsgeschäften für die russische Regierung verantwortlich. Noch heute schwärmt er von einem Geschäftspartner, mit dem er damals besonders gern zusammenarbeitete: Arkadi Gaydamak.

Gaydamak zahlte stets im Voraus

Jahrelang hielt sich der russische Geschäftsmann mit israelischen Wurzeln in Frankreich mit Übersetzerdiensten über Wasser, arbeitete als Maurer und Gärtner. Nach dem Zerfall des Ostblocks aber erschloss sich Gaydamak ein deutlich ertragreicheres Geschäftsfeld: Er verscherbelte sowjetische Waffen nach Afrika.

Paris sucht ihn deshalb per Haftbefehl, 2009 wurde er dort von einem Gericht in Abwesenheit zu sechs Jahren Haft verurteilt. Gaydamak verkaufte Waffen im Wert von rund 800 Millionen Dollar in das Bürgerkriegsland Angola, gemeinsam mit Jean-Christophe Mitterand, dem Sohn von Frankreichs damaligem Staatschef François Mitterand. Der Mann in Moskau hingegen hat nur die besten Erinnerungen an Gaydamak, der die Kassen der damals klammen russischen Regierung verlässlich füllte, weil "er stets im Voraus zahlte".

Bereitwillig die Türen zu den Waffenkammern geöffnet

Gaydamak stieg vor seiner Verurteilung zum Multimillionär auf, und zu einem geachteten Moskauer Medienunternehmer. 2008 kandidierte der Geschäftsmann mit den jüdischen Wurzeln sogar um das Bürgermeisteramt in Jerusalem. Er ist der Gentleman unter den Geschäftemachern und Kriminellen, die sich in den neunziger Jahren mit dem Verkauf von Waffen aus dem riesigen Fundus der untergegangenen Sowjetunion bereicherten.

Russische Rüstungsexperten unterscheiden dabei drei Klassen von Geschäften:

  • Einfache Soldaten verscherbelten die Waffen, die sie eigentlich bewachen sollten. Danach steckten sie nicht selten die Depots in Brand, um Spuren zu verwischen. So gerieten etwa russische Gewehre, Munition und sogar Panzerfahrzeuge in die Hände tschetschenischer Rebellen, die in zwei Kriegen gegen Moskau kämpften.
  • Waffenhändler wie Wiktor But verkauften im großen Stil gebrauchte Waffen nach Afrika. Kalaschnikow-Gewehre, aber auch Hubschrauber und Jagdflugzeuge sowjetischer Bauart waren bei Despoten und Bürgerkriegsparteien vor allem deshalb beliebt, weil sie leicht zu bedienen sind. Das Volumen solche Geschäfte betrug selten mehr als 30 Millionen Dollar.
  • Als Partner von Regierungen traten Männer wie Arkadi Gaydamak auf: Das Volumen solcher Rüstungsgeschäfte betrug bis zu einer Milliarde Dollar. Zunächst kaufte Gaydamak Waffen in Russland auf, später verlegte er sich auf Lieferungen aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Gaydamak gilt bis heute in Moskau als ehrenwerter Geschäftsmann.

Beste Beziehungen in die Politik

Über beste Beziehungen in die Politik verfügte auch ein anderer Waffenhändler, der als besonders gewissenlos geltende Oleg Orlow. Seine Geschäfte wurden von einem stellvertretenden russischen Verteidigungsminister protegiert, berichtete die Moskauer Tageszeitung "Kommersant". Orlow lieferte unter anderem Panzerfahrzeuge nach Sri Lanka, sowie sowjetische X-55-Cruise-Missiles an China, Eritrea und Iran. Teheran bestreitet, dass es zu dem Geschäft gekommen sei.

Ein Insider der russischen Rüstungsbranche weiß zu berichten, der in Taschkent als Sohn eines Bonzen der Kommunistischen Partei geborene Orlow habe bereits in der Jugend die Bekanntschaft von Saparmyrat Nijasow gemacht, dem späteren Diktator von Turkmenistan. Dem Freund aus alten Tagen habe der Despot dann in den neunziger Jahren bereitwillig die Türen zu den Waffenkammern geöffnet, die das Land von der Sowjetunion geerbt hatte.

Auch Wiktor But pflegte eine gewisse Nähe zu politischen Entscheidungsträgern. Hochrangige Beamte russischer Rüstungsagenturen besuchten etwa die Vernissagen, die Buts Gattin im Moskauer Modehaus "Alla But" ausrichtete.

Tod hinter Gittern

Oleg Orlow stand 2005 gemeinsam mit But für Hollywood Pate. In dem Film "Lord of War" spielt Nicolas Cage den Kriegshändler Yuri Orlov, der den beiden Waffenhändlern nachempfunden sein soll. Ein Jahr zuvor wurde der wahre Orlow in Tschechien verhaftet und an die Ukraine ausgeliefert. Dort wird er 2007 hinter Gittern ermordet: ein Zellennachbar erstickt ihn, angeblich, weil die Wärter versäumten, den als geistig verwirrt geltenden Mann vorschriftsmäßig zu fixieren. Drei Geschäftspartner Orlows waren bereits in den Jahren 2002 und 2004 ums Leben gekommen.

Arkadi Gaydamak lebt in Moskau. Er genießt seinen Reichtum und schreibt Bücher über seine Sammlung exklusiver Möbel. In Moskau darf er sich sicher fühlen. Er ist sogar beim russischen Außenministerium akkreditiert - als Berater der angolanischen Botschaft.

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1. es ist das heulen derer
anders_denker 04.05.2011
denen das geschäft entgeht. würde man die herren bitten ausgedientes bw gerät zu versilbern, wären sie sicherlich ehrenhafte und zuverlässige geschäftspartner. hierzulande, den dem ami etc. machen wir damit ja auch das geschäft kaputt und die preise ggf. dazu.
2. Waffenhändler
Regulisssima 04.05.2011
Wenn es doch nur Waffenhändler wäre, die in Russland Unterschlupf finden ! Viel schlimmer ist es, dass die Kremlmachthaber nicht nur seit Jahren ganz offen und ungeniert mit internationalen Haftbefehlen gesuchten Massenmördern Schutz gewähren, sondern dieses Gesindel ausdrücklich in ihr Reich einladen.
3. Genau, lieber Russlandexperte,
snooze1958 04.05.2011
Zitat von RegulisssimaWenn es doch nur Waffenhändler wäre, die in Russland Unterschlupf finden ! Viel schlimmer ist es, dass die Kremlmachthaber nicht nur seit Jahren ganz offen und ungeniert mit internationalen Haftbefehlen gesuchten Massenmördern Schutz gewähren, sondern dieses Gesindel ausdrücklich in ihr Reich einladen.
... das ist der Beweis: http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E0C6D6BA6B7CF4F03B486E8EB631CD6BC~ATpl~Ecommon~Scontent.html - oh, war wohl der falsche Link !
4. <->
silenced 04.05.2011
Zitat von RegulisssimaWenn es doch nur Waffenhändler wäre, die in Russland Unterschlupf finden ! Viel schlimmer ist es, dass die Kremlmachthaber nicht nur seit Jahren ganz offen und ungeniert mit internationalen Haftbefehlen gesuchten Massenmördern Schutz gewähren, sondern dieses Gesindel ausdrücklich in ihr Reich einladen.
Ist es nicht die NATO die nach einem politischem Asyl für Gaddafi gesucht hat? Ist es nicht Frankreich welches seit Jahrzehnten 'Verbrechern' Asyl bietet/geboten hat? (siehe Kohmeini, der Ex-Präsident von Haiti oder irgendwelche afrikanischen Massenmörder und anderes Gesindel) Außerdem, wer hat denn den Irak, die Taliban und etliche andere heute nur Probleme verursachende Gegenden auch mit Waffen versorgt? Das waren nicht nur die Russen, auch die Amerikaner haben da einen sehr großen Anteil daran, aber da ist es ja 'ehrenwert' und nicht 'verwerflich'. Eventuell mal vor der eigenen Haustür kehren bevor man wieder über andere Staaten meckert.
5.
Tommi16 04.05.2011
Zitat von sysopWaffenhändler können sich in Moskau frei bewegen, gelten als angesehene Geschäftsleute. Regierungsbeamte schwärmen bis heute von Geschäften mit zwielichtigen Schiebern - "weil die stets im Voraus bezahlten". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749516,00.html
Schreiber konnte sich auch frei bewegen, Schreiber galt auch als angesehener Geschäftsmann, Schreiber war auch Betrüger.................alles in Deutschland.
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