Moskauer Militärparade: Ewige Sehnsucht nach Größe

Ein Kommentar von , Moskau

Panzer, Kampfflugzeuge, Raketenwerfer: Mit einer groß angelegten Militärparade feiert Russland den Sieg über Hitler-Deutschland. Sie soll den Weltmachtanspruch untermauern und die Nachbarn beeindrucken. Was treibt Moskau dazu, derart die Muskeln spielen zu lassen?

Das Lenin-Mausoleum ist hinter einer gewaltigen Wand im Weiß-Blau-Rot der russischen Trikolore versteckt. Ausgerechnet am 64. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland muss der Gründer der Sowjetunion aus dem Blickfeld gerückt werden.

Dabei knüpft die Militärparade an ein Erbe der Sowjetunion an: die waffenstarrenden Aufmärsche auf dem Roten Platz, die zu Zeiten des Kalten Krieges den kapitalistischen Klassenfeind erschrecken und das eigene Lager mit Stolz und Zutrauen erfüllen sollten. Wie auch schon im vergangenen Jahr waren heute wieder schwere Waffen zu sehen, Panzer, Kampfflugzeuge, Raketenwerfer und Trägersystem für Atomwaffen.

Bereits seit Tagen füllen die Moskauer Tageszeitungen ihre Seiten mit Bildern der Truppenverbände und technischen Daten der vorgeführten Waffen. Und wie immer fiel alles größer, mächtiger und beeindruckender aus als im Jahr zuvor: 9000 Soldaten marschierten an der Ehrentribüne mit Präsident Dmitrij Medwedew und Premierminister Wladimir Putin vorbei. 28 Suchoi-, 14 Mig-Kampfflieger und sechs strategische Langstreckenbomber donnerten in 300 Meter Höhe über die Kuppeln der Basilius-Kathedrale.

T-90-Panzer und fahrende Haubitzen ließen die umliegenden Häuser erzittern. Über Lautsprecher wurde feierlich das neue Luftabwehrsystem S-400 vorgestellt, "das seinesgleichen in der Welt" suche. Tatsächlich kann es Flugobjekte bis auf eine Entfernung von 400 Kilometern zerstören und übertrifft so die Reichweite des amerikanischen Patriot-Systems um mehr als das Doppelte.

Panzer für den Weltmachtanspruch

Es sind diese Zahlen, die Russlands Weltmachtanspruch untermauern sowie Russlands Nachbarn beeindrucken und erschrecken sollen. Präsident Dmitrij Medwedew vergaß in seiner Ansprache an die Truppen nicht, eine Parallele zu ziehen zwischen dem Sieg im Zweiten Weltkrieg und den heutigen Herausforderungen durch jene, die auf "militärische Abenteuer" aus seien. Er meinte den georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili, der mit Macht in die Nato strebt und der im vergangenen August seine Armee hinausschickte, um den von Russland unterstützten, nach Unabhängigkeit von Tiflis strebenden Landesteil Südossetien zu unterwerfen.

Zum Autor
Yuri Afanasiev

Matthias Schepp, 49, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. In den vergangenen zwei Jahren hat er mit Michail Chodorkowski, den er seit den neunziger Jahren kennt, einen Briefwechsel geführt. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, "Von Peking nach Berlin" (2006).

Drei Tage vor der Parade veröffentlichte die angesehene Wirtschaftszeitung "Wedemosti" eine andere Statistik, deren Zahlen jede Regierung mit Sorge erfüllen müssten. Demnach hat Russland mit seinen 142 Millionen Menschen und 17 Millionen Quadratkilometern Fläche 62 Prozent weniger Straßen als Kanada, obwohl Kanada nur halb so groß ist und gerade 32 Millionen Einwohner zählt. Der gesamte russische Flugverkehr könnte von einer einzigen britischen Billigfluglinie abgewickelt werden, von Easy Jet, schrieb der Autor Wladislaw Inozemtsew, Direktor eines angesehenen Forschungsinstitutes. Das ist die Bilanz nach acht Jahren Ölboom und einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich mehr als sechs Prozent.

Die Hälfte der russischen Eisenbahnstrecken wurde vor 1916 gelegt. Ein Kilometer Autobahn ist zwischen Brjansk im Westen und Wladiwostok an der Pazifikküste im Schnitt viermal so teuer wie der Durchschnittspreis in den Staaten der europäischen Union. Das hat weniger mit widrigen Wetterbedingungen zu tun, als mit Korruption, ineffektiver Verwaltung und falschem, überzentralisierten Staatsaufbau. Obwohl Russland mit Rohstoffen gesegnet ist, kostet eine Kilowattstunde Strom 40 Prozent mehr als in Deutschland.

Natürlich kann Russland stolz darauf sein, den größten, seit dem 9. Jahrhundert aus einem kleinen Stadtstaat gewachsene Herrschaftsbereich der Erde gegen allerlei Invasoren verteidigt zu haben: gegen die Polen im 17. Jahrhundert, gegen Napoleons Grande Armée am Anfang des 19. Jahrhunderts und gegen Hitlers Wehrmacht von 1941 bis 1945. Mit Recht reagieren Russen mit Unverständnis, wenn ihnen Ausländer, insbesondere Deutsche, vorschreiben wollen, wie sie einen Sieg zu feiern haben, der das Land einen unvergleichlich hohen Blutzoll kostete.

Expansion statt Entwicklung

Ein anderes Erbe russischer Geschichte sollte darüber nicht vergessen werden. Fast immer setzten die Herrscher Russlands auf äußere Größe, weniger auf innere Stärke. Deshalb auch arbeitet sich Russland heute gern reflexartig an tatsächlichen und eingebildeten äußeren Bedrohungen ab. Deshalb ist viel von der Rolle Russlands in der Welt und den bösen Amerikanern die Rede und weniger davon, wie es dem rohstoffreichsten Land der Erde gelingen könnte, eine Autobahn zu bauen, welche Moskau und Petersburg verbindet, die beiden größten Städte des Landes.

Stets ging die Suche nach Größe mit Expansion einher, weniger mit der Konsolidierung und Entwicklung der dazu gewonnen Territorien oder Vasallenstaaten. Das gilt für die Durchdringung Sibiriens im 16. und 17. Jahrhundert, die Eroberung des Kaukasus im 18. und 19. Jahrhundert und für das sowjetische Weltreich, das von Ost-Berlin über Angola und Kuba bis nach Vietnam reichte. Stets musste das russische Volk mit Entbehrungen und oft mit bitterer Not für die Ausweitung der Moskowiter Einflusszone bezahlen.

Gelänge es der regierenden Klasse des neuen Russlands den Schalter in ihren Köpfen umzulegen, stünden sie vor einer erstaunlichen Entdeckung: Dass ein "friedliches und glückliches" Russland, wie es Präsident Medwedew in seiner Rede verhieß, seinen Einfluss nicht durch Furcht, sondern Attraktivität mehren könnte. Und dass die ewige Sehnsucht nach äußerer Größe durch innere Stärke gestillt werden kann.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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1. Muskeln spielen lassen?
nocheinbuerger 09.05.2009
Zitat von sysopPanzer, Kampfflugzeuge, Raketenwerfer: Zum 64. Mal feiert Russland den Sieg über Hitler-Deutschland - mit einer groß angelegten Militärparade. Sie soll den Weltmachtanspruch untermauern und die Nachbarn beeindrucken. Was treibt Moskau dazu, derart die Muskeln spielen zu lassen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,623830,00.html
Kann es sein, daß der voreingenommene Blick deutscher Berichterstatter hinter jedem Militäraufmarsch und jeder Parade einen neuen imperialen Machtanspruch Rußland sehen will? Vielleicht sollte man besser anhand der jüngeren Geschichte den angeblichen hegemonialen Anspruch beurteilen. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten und jetzt der NATO hat Rußland seit Ende der Sowjetunion keine militärische Aktion und vor allem keinen Angriffskrieg außerhalb seines Territoriums mehr durchgeführt.
2. Militärparade(n)
Chrysop, 09.05.2009
Die im Vergleich zu Russland kleine Nuklearmacht Frankreich hält ebenfalls alljährlich große Militärparaden ab, über die Prachtstraße Champs-Elysées marschieren dabei tausende Uniformträger, neustes Kriegsgerät wird vorgestellt, sogar die Bundesrepublik beteiligte sich aktiv an diesem alljährlichem Spektakel. Über Sinn und Unsinn dieser Shows kann man natürlich streiten, nur sollte man bei Kritik stets fair bleiben. Aber halt, hier geht es ja um Russland, das gehört natürlich für alles kritisiert, selbst wenn dort ein Wodka-Flasche umfällt ist Putin schuld und Russland böse. Kann es sein, dass der Autor versucht an einem neuen Feindbild zu stricken? So kommt es mir jedenfalls beim Durchlesen des Artikels vor.
3. Warum so naiv, Sysop
Kalix 09.05.2009
Trotz gegenteiliger Bestätigung der westlichen Regierungen aus den Jahren 89 - 92 steht die NATO an den Grenzen Rußlands; die EU will sich weiter nach Osten orientieren, obwohl dies mit Europa wenig zu tun. Was sollen gemeinsame NATO-Manöver in Georgien, wenn man nur einen Psychopaten damit stützt. Gleichzeitig unterstellt der Westen den Russen Unzuverlässigkeit bei Gaslieferungen, wenn die Ukrainer die Leitung abdrehen. Wenn dies die US-Regierung, die EU aber auch die Medien als kooperativ bezeichnen, dann weiss ich nicht, was unkooperativ ist. Übrigens: Kennedy hat den Russen konkret mit dem 3. Weltkrieg gedroht, sollten die Schiffe, beladen mit Atomraketen, nicht von ihrem Weg nach Kuba zurück kehren.
4. wenn man sonst nichts hat auf das man stolz sein kann?!
Schwencky, 09.05.2009
Zitat von sysopPanzer, Kampfflugzeuge, Raketenwerfer: Zum 64. Mal feiert Russland den Sieg über Hitler-Deutschland - mit einer groß angelegten Militärparade. Sie soll den Weltmachtanspruch untermauern und die Nachbarn beeindrucken. Was treibt Moskau dazu, derart die Muskeln spielen zu lassen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,623830,00.html
Ein großes Loch im Kopf und eine noch größere Profilneurose. Man muss ja nur auch klar bekennen, dass dies Verhalten nicht selten auf der Welt ist. Länder, die sich nicht gerade durch Ihre bedingungslose Hingabe zu Menschenrechten (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, etc.) auszeichenen, haben ja auch keine andere Möglichkeit als täglich Ihre Allmacht zu demonstrieren. Sonst hätte die eigene Bevölkerung bei Zeien keine Lust mehr auf diese Repressalien. Russland muss sich insoweit den Vergleich mit Ländern wie Nordkorea, oder dem Iran schon gefallen lassen.
5. Eine rote Null
gunman, 09.05.2009
Zitat von nocheinbuergerKann es sein, daß der voreingenommene Blick deutscher Berichterstatter hinter jedem Militäraufmarsch und jeder Parade einen neuen imperialen Machtanspruch Rußland sehen will? Vielleicht sollte man besser anhand der jüngeren Geschichte den angeblichen hegemonialen Anspruch beurteilen. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten und jetzt der NATO hat Rußland seit Ende der Sowjetunion keine militärische Aktion und vor allem keinen Angriffskrieg außerhalb seines Territoriums mehr durchgeführt.
Deutschland hat nach zwei verdient verlorenen Kriegen schlicht aufgegeben. Da, wo andere Länder ihr Militär und ihren Stolz feiern, steht in Deutschland bestenfalls eine rote Null. Wir haben eben bisher 64 Jahre lang politisch korrekt abtrainiert und verstehen schon deshalb niemanden mehr, der Militärparaden abhält. Nur eins ist sicher, Deutschland wird in jeden zukünftigen größeren militärischen Konflikt schlicht untergehen. Um so schneller je undenkbarer ein solcher Konflikt - politisch korrekt - erachtet wird. … und noch … ich persönlich gönne den Russen ihre Fete. Sie haben mehr als jedes andere Volk im 2. WK gelitten und sich tapfer gegen den größten Verbrecher der Menschheitsgesichte unter der Führung des zweitgrößten Verbrechers gewehrt.
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