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20. Juni 2012, 06:44 Uhr

Ägyptischer Ex-Diktator

Ärzte kämpfen um Mubaraks Leben

Der frühere ägyptische Machthaber, Husni Mubarak, liegt im Koma - offenbar wird er künstlich am Leben erhalten. Der 84-Jährige soll einen Herzanfall erlitten haben. Meldungen, wonach er bereits klinisch tot sei, wurden dementiert.

Kairo - Ägyptische Ärzte kämpfen um das Leben des schwerkranken Ex-Staatspräsidenten Husni Mubarak. Der 84-Jährige war in der Nacht zum Mittwoch bereits für klinisch tot erklärt worden. Später berichteten unabhängige Medien des Landes jedoch unter Berufung auf Mediziner, Mubarak liege nach einem Herzanfall im Koma und werde künstlich am Leben erhalten.

Der zu lebenslanger Haft verurteilte frühere Präsident sei in einem Kairoer Militärkrankenhaus an lebenserhaltende Geräte angeschlossen worden, hieß es. Seine Ehefrau Suzanne Mubarak und eine Schwiegertochter trafen noch in der Nacht im dem Krankenhaus ein.

Mubarak war am Abend aus der Klinik des Tora-Gefängnisses in das Militärkrankenhaus im Stadtteil Maadi gebracht worden. Das Gefängnishospital hatte mitgeteilt, der Patient habe einen Hirnschlag erlitten. Beim Eintreffen in dem Militärkrankenhaus sei sein Herz stehengeblieben, meldete die Staatsagentur Mena. Wiederbelebungsversuche mit einem Defibrillator hätten keinen Erfolg gehabt.

Mamduh Schahin, Mitglied des in Ägypten herrschenden Militärrats, wies die erste Darstellung der Staatsmedien zurück. "Er ist nicht klinisch tot, wie berichtet wurde", sagte der General dem US-Sender CNN. "Er hatte eine Herzattacke, sein Herz hörte auf zu schlagen und er wurde durch Elektroschocks gerettet und dann künstlich beatmet." Außerdem habe sich ein Blutgerinnsel in seinem Gehirn gebildet. "Er ist in kritischem Zustand", sagte Schahin.

Seit Tagen rätseln die Ägypter über den Gesundheitszustand ihres früheren Präsidenten. Vor zehn Tagen hatte Mubarak im Gefängnis offenbar zweimal einen Herzstillstand erlitten.Die Ärzte hätten beide Male Defibrillatoren einsetzen müssen, um ihn ins Leben zurückzuholen, hieß es damals aus Medizinerkreisen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen litt Mubarak zudem unter schweren Depressionen, Atemnot und Bluthochdruck.

Proteste gegen "Sonderbehandlung" Mubaraks

Es ist eine Debatte entbrannt, ob Mubarak wirklich todkrank ist oder ob seine Unterstützer versuchen, die Lage zu dramatisieren, um seine Verlegung in ein Krankenhaus zu rechtfertigen. Viele ehemalige politische Gefangene hatten sich verbittert über eine "Sonderbehandlung" geäußert, die Mubarak ihrer Ansicht nach genossen habe.

Der Ex-Präsident war Anfang Juni wegen seiner Mitschuld am Tod von Demonstranten während der Massenproteste, die im Februar 2011 schließlich zu seinem Rücktritt führten, zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nach der Urteilsverkündung war er in die Gefängnisklinik verlegt worden. Schon damals hatte er eine Art Nervenzusammenbruch erlitten.

Nach dem Urteil hatten Tausende Ägypter im ganzen Land gegen den ihrer Meinung nach zu milden Schuldspruch protestiert und die Todesstrafe für Mubarak gefordert, der Ägypten bis zu seinem Sturz über drei Jahrzehnte mit harter Hand regiert hatte.

Mubaraks Nachfolger steht noch nicht fest

Mubaraks Nachfolger wurde am vergangenen Wochenende bestimmt. In einer Stichwahl um das Präsidentenamt mussten sich die Ägypter zwischen dem konservativ-religiösen Muslimbruder Mohammed Mursi und Ahmed Schafik, den Mubarak in seinen letzten Amtstagen noch zum Regierungschef ernannt hatte, entscheiden. Obwohl das Wahlergebnis offiziell noch nicht verkündet wurde, beanspruchen beide den Sieg für sich.

Von der einstigen Macht Mubaraks wird der neue Präsident allerdings nur träumen können. Der Militärrat hat die Befugnisse des künftigen Staatsoberhaupts bereits drastisch beschnitten - und sich selbst mehr Handlungsgewalt zugesprochen.

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo, wo in der Nacht zum Mittwoch Tausende Anhänger der Muslimbruderschaft den noch nicht offiziell bestätigten Sieg Mursis feierten und zugleich gegen die Militärführung protestierten, wurden die sich widersprechenden Berichte über den Zustand Mubaraks aufmerksam verfolgt.

jok/dpa/Reuters

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