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20. Juni 2012, 09:10 Uhr

Ex-Diktator im Koma

Mubaraks Todeskampf verschärft Krise in Ägypten

Von , Beirut

Husni Mubarak liegt im Koma, der Ex-Autokrat muss künstlich am Leben gehalten werden. Für Ägypten kommt diese Meldung zu einem kritischen Zeitpunkt - die Stimmung ist kurz nach den Präsidentschaftswahlen und den jüngsten Machtspielen des Militärs auf dem Siedepunkt.

Er ist klinisch tot. Nein, er lebt, er liegt im Koma. Er ist wach, hatte aber einen schweren Herzinfarkt: Im Minutentakt liefen in der Nacht Meldungen zum Gesundheitszustand des ägyptischen Ex-Präsidenten Husni Mubarak ein. Quellen waren jeweils "Offizielle", die dich jedoch durchweg widersprachen. Erst am Morgen kehrte etwas Ruhe ein in diese neue Episode des ägyptischen Dramas.

Mubarak habe zwar das Bewusstsein verloren und werde künstlich beatmet, sei aber nicht klinisch tot, sagte ein Vertreter des ägyptischen Militärs am Dienstagabend. General Said Abbas vom regierenden Militärrat bezeichnete die Gerüchte über einen klinischen Tod als "Unsinn". Eine andere Person aus Sicherheitskreisen sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Es ist zu früh, zu sagen, dass er klinisch tot ist."

Mubarak war danach in der Nacht in ein Militärkrankenhaus im Stadtteil Maadi verlegt worden. Fernsehbilder zeigten einen Konvoi von Krankenwagen und Militärfahrzeugen, die vom Tora-Gefängnis zu dem im Süden Kairos gelegenen Klinikum fuhren. Mubarak liegt nun in demselben Krankenhaus, in dem sein Vorgänger Anwar Sadat 1981 nach einem Attentat militanter Islamisten für tot erklärt wurde.

Mubaraks Verlegung wurde von der ägyptischen Öffentlichkeit mit Hohn und Häme kommentiert. Auf Twitter äußerten sich Dutzende, die vermuteten, Mubarak habe den Schlaganfall nur vorgetäuscht, um nicht hinter Gefängnismauern festgehalten zu werden. Seit seinem Sturz im Februar vergangenen Jahres war Mubarak zunächst im bestens ausgestatteten International Medical Center von Kairo festgehalten worden.

Kurz vor seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft am 2. Juni hatte eine Zeitung heimlich gemachte Bilder von Mubarak auf einer hochmodernen Station veröffentlicht. Das Blatt berichtete vom vergleichsweise behaglichen Leben des Ex-Präsidenten, der die Tötung Hunderter Demonstranten während des Volksaufstands in Ägypten Anfang 2011 verantworten muss. Dreimal wöchentlich gehe der Ex-Despot im Pool der Klinik schwimmen, hieß es.

Bei den Ägyptern, von denen ein Fünftel unter der Armutsgrenze lebt, hatte der Bericht Empörung ausgelöst. Entsprechend groß war die Genugtuung, als Mubarak nach seiner Verurteilung ins berüchtigte Tora-Gefängnis verlegt wurde. Schon sein damaliger Zwangsumzug hatte eine gesundheitliche Krise bei Mubarak ausgelöst. Teile der Öffentlichkeit bezichtigte ihn daraufhin, zu simulieren. Selbst nach der angeblich neuesten, dramatischen Verschlechterung seines Zustands glauben viele an Schauspielerei.

Die Gerüchte über den gesundheitlichen Verfall des ehemaligen Staatschefs waren ein weiteres Kapitel im Polit-Krimi, der Ägypten derzeit in Atem hält. Widersprüchliche Nachrichten über seinen angeblichen Tod wurden am Dienstagabend just zu jenem Zeitpunkt laut, als sich auf dem Kairoer Tahrir-Platz und in Städten im ganzen Land Hunderttausende versammelt hatten, um gegen die am Montag angekündigten Verfassungszusätze zu protestieren. Mit ihnen hat sich der herrschende Militärrat SCAF weitereichende Macht im Staat gesichert.

Gleichzeitig wollten viele den mutmaßlichen Wahlsieg des Muslimbruders Mohammed Mursi bei der Präsidentschaftswahl am Wochenende feiern. Mursis Wahlkampfbüro behauptet, der islamistische Kandidat habe 52 Prozent der Stimmen eingefahren. Vertreter seines Rivalen Ahmed Schafik bestreiten das vehement und sprechen davon, dass im Gegenteil ihr Kandidat 52 Prozent der Stimmen errungen habe. Das offizielle Ergebnis steht bislang aus.

Todesgerüchte vs. Jubelfeier

Viele der Mursi-Anhänger auf dem Tahrir-Platz bezichtigten das Militär am Dienstagabend, mit der Nachricht vom Sterben des Ex-Diktators von der Jubelfeier für Mursi ablenken zu wollen. Tatsächlich berichteten internationale und ägyptische TV-Sender bald vornehmlich über Mubarak statt vom Tahrir-Platz.

Auch die erneut verschobene Bekanntgabe des endgültigen Wahlergebnisses befeuerte die Verschwörungstheorien: Die Wahlkommission kündigte am Dienstagabend an, das ursprünglich für spätestens Donnerstag erwartete offizielle Wahlergebnis werde vermutlich doch später vorliegen. Gegner des SCAF mutmaßen, die Zeit könne genutzt werden, um einen den Militärs unangenehmen Wahlsieg Mursis wegzumanipulieren. Die Generäle könnten versuchen, mit Schafik einen Vertreter des alten Regimes an der Staatspitze zu platzieren.

Die im staatlichen Besitz befindliche Zeitung "al-Ahram" berichtete in ihrer Online-Ausgabe, dass Mubarak trotz seiner langen Laufbahn in der ägyptischen Armee keinen Anspruch auf ein Begräbnis mit militärischen Ehren habe. Dieser sei durch seine Verurteilung erloschen. Im Fall seines Todes werde Mubarak im Familienkreis beigesetzt. Seine beiden Söhne Gamal und Alaa, die wegen des Verdachts auf Korruption weiter in Untersuchungshaft sitzen, würden dafür Freigang bekommen.

Gerüchte über Staatsstreich des Militärs

Die Stimmung in Ägypten ist seit vergangener Woche auf dem Siedepunkt. Beobachter sprechen davon, dass das Militär am Nil in den vergangenen Tagen einen klammheimlichen Staatstreich inszeniert hat. Gerüchte über eine baldige Ausgangssperre machen die Runde.

Der Militärrat wird danach monatelang die Aufgaben des Parlaments als gesetzgebende Versammlung übernehmen, bis das am Samstag aufgelöste Parlament neu gewählt ist. Gleichzeitig haben die Generäle die Oberaufsicht über den Staatshaushalt und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung an sich gerissen.

Der neue Präsident, an den der Militärrat die Macht offiziell zwar noch Ende Juni übergeben will, wird keinerlei Autorität über die Streitkräfte haben. Legislative, Exekutive und Justiz sind damit - zumindest in Teilen - in der Hand des Militärs.

Auf Twitter machte angesichts der prekären Lage ein Witz mit Galgenhumor die Runde: "Ägypten hat keine Verfassung, kein Parlament, es hat dafür zwei lebende Präsidenten, einen Ex-Präsidenten, der gleichzeitig tot und lebendig ist - und eine verdammt starke Armee."

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