Mubarak-Rücktritt Israels Regierung in Schockstarre

Mit Husni Mubarak hat Israel seinen wichtigsten Verbündeten in der Region verloren. Jerusalem scheint darüber in eine Art Lähmung gefallen zu sein. So groß wie die israelischen Zukunftssorgen sind, ist der Jubel seiner Feinde: Sie wittern ein Ende der Schonfrist für den jüdischen Staat.

Zeitungsleser in Jerusalem: Regierung in Schockstarre
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Zeitungsleser in Jerusalem: Regierung in Schockstarre

Von , Jerusalem


Die Stellungnahme war kurz, doch voller Untertöne: "Es ist zu früh, um vorauszusehen, wie dieser Rücktritt die Dinge beeinflussen wird", kommentierte ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter am Freitagabend den Sturz des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak. "Wir hoffen, dass der Wandel zur Demokratie in Ägypten ohne Gewalt abläuft und dass der Friedensvertrag halten wird."

Zwei Sätze, die alles enthielten, was Jerusalem derzeit umtreibt: Die Unsicherheit, wie es nun weitergehen soll. Die Angst, dass im Nachbarland militante Kräfte ans Ruder kommen könnten. Die Sorge, dass der Frieden mit der tonangebenden Macht in der arabischen Welt bricht.

Bezeichnender noch als die von Furcht geprägten Worte des Regierungsvertreters ist jedoch, dass sie die einzigen blieben: Die israelische Regierung hat sich seit dieser einen Stellungnahme am Freitagabend nicht mehr zum Umsturz in Ägypten geäußert. Und das, obwohl es sich dabei wohl um das wichtigste Ereignis in der Region seit dem Abschluss eben jenes israelischen Friedens mit Ägypten 1979 handeln dürfte.

Wo nach außen Schweigen gewahrt wird, geht es hinter verschlossenen Türen hektisch, ja nahezu hysterisch zu, sagen Jerusalemer Insider. Bis Sonntagmorgen, wenn anlässlich der ersten Kabinettssitzung der Woche eine Pressekonferenz stattfindet, muss die israelische Regierung eine Sprachregelung in Sachen Ägypten gefunden haben.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stecke in der Zwickmühle, so ein der Regierung nahestehender Beobachter: Einerseits müsse Israel sich aus Imagegründen auf die Seite der Demokratiebewegung in Ägypten stellen. Andererseits wolle Jerusalem aus Angst vor einer Destabilisierung Ägyptens um jeden Preis verhindern, dass die nun beim Militär liegende Macht zu schnell in die Hände des Volkes übergeht. "Das aber ist ein Punkt, den man schlecht öffentlich vertreten kann. Vor allem, wenn man sich sonst über die undemokratischen Tendenzen in der arabischen Welt beschwert."

Horror-Szenario Islamismus

Während die Regierung noch um Worte ringt, haben die israelischen Medien ihren Ton gefunden: skeptische Zurückhaltung. Israels große TV-Sender Kanal Zehn und Kanal Zwei berichteten den ganzen Freitagabend hindurch live aus Kairo, blieben aber seltsam emotionslos. Die Reporter vor Ort vermittelten weder die überbordende Freude, die Ägypten ergriffen hatte, noch schürten sie die Sorgen daheim. Studiogäste wägten gefasst die Risiken und Chancen der Revolution ab, analysierten, dass sich angesichts des mächtigen Militärs so viel gar nicht ändern müsse in Israels südlichem Nachbarland: Knapp drei Wochen Revolution haben selbst das sonst sehr aufgeregte hebräische Fernsehen ruhiger werden lassen.

Am jüdischen Feiertag Sabbat erscheinen in Israel keine Zeitungen, die Printmedien schreiben nur auf ihren Webseiten über Ägypten. Das Massenblatt "Yedioth Ahronoth" - bekannt für seine alarmistische Berichterstattung - ließ dort einen ehemaligen israelischen Botschafter in Ägypten schwarz malen: "Es ist vorbei. Wir sind in größten Schwierigkeiten", unkte Zvi Mazel. Ägypten sei fortan keine Großmacht mehr, stattdessen wachse der Einfluss der Türkei und Irans. "Solange wir Mubarak hatten, gab es keine Leerstelle in unseren Beziehungen mit der Region", schrieb Mazel. Nun jedoch stünde Israel "einer feindlichen Situation" gegenüber.

Auch der Abgeordnete der Arbeitspartei Benjamin Ben-Eliezer durfte auf Ynetnews.com seine Sorgen ausbreiten. Als Kronzeugen führte er dabei ausgerechnet den zurückgetretenen Despoten Mubarak an: Ben-Eliezer und Mubarak kennen sich seit vielen Jahren und scheinen regelmäßig zu telefonieren. Am Donnerstagabend noch habe er mit dem Präsidenten gesprochen, verriet Ben-Eliezer der Webseite. Der habe sich bitterlich über die USA beschwert. "Sie mögen über Demokratie reden, wissen aber nicht, wovon sie sprechen. Das Ergebnis werden Extremismus und radikaler Islam sein", zitierte der Israeli aus dem Gespräch mit Mubarak.

Der Umgang Washingtons mit Mubarak in den vergangenen Wochen wurde in Jerusalem genauestens beobachtet: Wenn die USA ihren engsten Verbündeten in der arabischen Welt fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, könne sich auch Israel der Unterstützung Amerikas nicht mehr sicher sein, hieß es auf den Fluren der Knesset.

Die israelischen Sorgen wurden am Freitag von Freudenfesten quer durch die arabische Welt konterkariert. Dass es vor allem Israels erklärte Feinde waren, die den Abgang Mubaraks bejubelten, dürfte das Unbehagen in Jerusalem nur vergrößert haben. Im Gaza-Streifen versammelten sich am Freitagabend Tausende Palästinenser zu Revolutionsfeiern. Feuerwerke erhellten den Nachthimmel, Frauen verteilten Süßigkeiten.



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masri77 12.02.2011
1. Jedes handeln hat irgendwann Konsequenzen
Zitat von sysopMit Husni Mubarak hat Israel seinen wichtigsten Verbündeten in der Region verloren. Jerusalem scheint darüber in eine Art Lähmung gefallen zu sein. So groß wie die israelischen Zukunftssorgen ist der Jubel seiner Feinde: Sie wittern eine Ende der Schonfrist für den jüdischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745181,00.html
Gorbatschow: "Wer zu spät kommt den bestraft das Leben!"
Matthias Hofmann 12.02.2011
2. Vielleicht jubeln die extremistischen Kräfte ja auch zu früh
Zitat von sysopMit Husni Mubarak hat Israel seinen wichtigsten Verbündeten in der Region verloren. Jerusalem scheint darüber in eine Art Lähmung gefallen zu sein. So groß wie die israelischen Zukunftssorgen ist der Jubel seiner Feinde: Sie wittern eine Ende der Schonfrist für den jüdischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745181,00.html
Es muss ja nicht in jedem Land, welches seinen Weltlichen Despoten abgesetzt hat die kirchlichen Despoten auf den Thron steigen... Vermutlich möchten die Ägypter eher gar keine Despoten mehr, sondern eine wirkliche Demokratie.
vogelsteller 12.02.2011
3. ...
Zitat von sysopMit Husni Mubarak hat Israel seinen wichtigsten Verbündeten in der Region verloren. Jerusalem scheint darüber in eine Art Lähmung gefallen zu sein. So groß wie die israelischen Zukunftssorgen ist der Jubel seiner Feinde: Sie wittern eine Ende der Schonfrist für den jüdischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745181,00.html
des einen freud - des anderen leid.
flowpower22 12.02.2011
4. Charme-Attacke
Zitat von sysopMit Husni Mubarak hat Israel seinen wichtigsten Verbündeten in der Region verloren. Jerusalem scheint darüber in eine Art Lähmung gefallen zu sein. So groß wie die israelischen Zukunftssorgen ist der Jubel seiner Feinde: Sie wittern eine Ende der Schonfrist für den jüdischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745181,00.html
Die Israelis müssen vielleicht endlich einmal einsehen, dass sie die ganze Region nicht ewig mit militärischen Drohungen und dem Grossen Bruder "in Schach" halten können. Warum starten sie nicht einfach mal eine Attacke? Eine Charme-Attacke gen arabische Jugend!
eikfier 12.02.2011
5. ...gerade jetzt?
Zitat von Matthias HofmannEs muss ja nicht in jedem Land, welches seinen Weltlichen Despoten abgesetzt hat die kirchlichen Despoten auf den Thron steigen... Vermutlich möchten die Ägypter eher gar keine Despoten mehr, sondern eine wirkliche Demokratie.
...sehr richtig! Und deswegen muß man wirklich in Ruhe und Besonnenheit abwarten, wofür sich das Ägyptische Volk als nächste Regierung in Freiheit und Selbstbestimmung entscheiden wird...eine "Schockstarre" dürfte es in Israel also keinesweg mehrheitlich sein - das könnten nur Neuwahlen auch dort entscheiden...vielleicht doch "Vereinigte Staaten von Nahost" mit gemeinsamer Hauptstadt Jerusalem gerade jetzt? oder sich erst Ägypten konsolidieren lassen?, aber nicht wieder bis zur betonharten Unbeweglichkeit! - Nahost am Scheideweg also eher als Schockstarre, denke ich...!
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