Datenlese Münchhausen-Check: Deutschland, total egal?

"Obama ist es egal, was die Deutschen von ihm halten", so oder ähnlich lautet in der NSA-Affäre die Klage über den Stand der transatlantischen Beziehungen. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Wie wichtig sind den USA Europa und Deutschland wirklich?

US-Präsident Obama in Berlin (2008):  " Europa verliert an Bedeutung"
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US-Präsident Obama in Berlin (2008): "Europa verliert an Bedeutung"

Von Hauke Janssen


Hätten Deutsche, Franzosen oder Polen im November vergangenen Jahres über den nächsten US-Präsidenten zu entscheiden gehabt, wäre Barack Obama ein historischer Sieg gelungen: Umfragen zufolge hätten über 80 Prozent der Europäer Obama gewählt.

Eine einseitige Liebesbeziehung? In Obamas Wahlkampf spielte "Europa" kaum eine Rolle. Beim Fernsehduell stritt er sich mit Herausforderer Romney über den Iran, die Handelsbeziehungen zu China oder über den Nahostkonflikt. Das Wort Europa fiel kein einziges Mal.

"Europa verliert an Bedeutung", hieß es damals in der Tagesschau. Der Washingtoner Politikwissenschaftler Michael Werz sagte: Der Blick der USA wende sich nach Süden und in Richtung des Pazifiks. Dort lägen die großen ökonomischen, politischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Europa wird nicht mehr die Rolle spielen, wie das in den vergangenen 20 Jahren oder gar während des Kalten Krieges der Fall gewesen ist.

Und Deutschland?

Es brauchte ganze viereinhalb Jahre, bis Präsident Obama im Juni 2013 zu einem Staatsbesuch nach Berlin kam, bis er, wie es im SPIEGEL in beleidigtem Tone hieß, der "unumstrittenen Vormacht Europas den ersten offiziellen Besuch abstattet".

Dann enthüllte Edward Snowden nach und nach das bisher unbekannte Ausmaß der Datenspähprogramme der NSA, auch "unter Freunden", bis hin zu Angela Merkel.

"Offenbar haben die USA inzwischen so wenig Interesse an Deutschland", schrieb Stefan Kornelius in der "Süddeutschen Zeitung", "dass der Präsident die Bundeskanzlerin abhören lassen kann, ohne Nachteile daraus befürchten zu müssen".

"Vielleicht ist es Obama auch einfach egal, was die Deutschen von ihm halten. Das wäre dann die ultimative Kränkung seiner Anhänger", lästerte der standhafte Transatlantiker Jan Fleischhauer auf SPIEGEL ONLINE.

Die Kommentatoren des europäischen 'Glanzverfalls' greifen zur Begründung ihrer These auf sich ändernde wirtschaftliche und militärische Rahmendaten zurück. Es wird etwa auf die anwachsende Pazifikflotte verwiesen, während Obama Schiffe aus dem Atlantik zurückziehen will, oder auf die neuen Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft. Exportweltmeister ist schon seit ein paar Jahren China und nicht Deutschland, und China ist mittlerweile finanzieller Hauptgläubiger der chronisch verschuldeten USA. Dagegen verliert der US-Handel mit Europa, auch mit Deutschland, an Gewicht.

DER SPIEGEL

Eine ebenso einfache und klare Maßzahl dafür, wem die USA verstärkt ihre politische Aufmerksamkeit schenken und wem entsprechend weniger, gibt es naturgemäß nicht.

Das diplomatische Parkett ist weniger fassbar als transnationale Geld- und Warenströme oder verschobene Kriegsschiffe, Fliegerstaffeln und Heeresverbände.

Auf das Risiko hin, viele nicht zu überzeugen, wagen wir dennoch einen datenjournalistischen Versuch, die Veränderungen in der Intensität der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und ihren Freunden, Partnern und auch Feinden im Zeitverlauf quantitativ abzuschätzen.

Dank WikiLeaks verfügen wir dafür über eine Datenbasis von rund einer Viertelmillion Depeschen, abgesendet von US-Botschaften und Konsulaten aus allen Teilen der Welt an das US-State Department in Washington. Und diesen Depeschenstrom gilt es aufzuschlüsseln.

Unsere Prämissen haben wir so einfach wie möglich gefasst:

  • (1) Die Anzahl der Depeschen aus einem bestimmten Land ist ein Indikator für die Bedeutung des jeweiligen Landes innerhalb der US-Diplomatie.
  • (2) Relative Veränderungen in der Anzahl der Depeschen aus einem bestimmten Land im Zeitverlauf, lassen auf eine Veränderung in der Bedeutung eines Landes schließen.

Die zu prüfende Hypothese lautet: Die Zahl der aus Europa kommenden Depeschen wird gemessen am Gesamtvolumen der Depeschen im Zeitverlauf tendenziell abnehmen, die Asiens hingegen zunehmen.

In einem ersten Schritt haben wir aus dem Gesamtbestand von 251.287 Dokumenten die Botschaftsdepeschen im engen Sinne herausgefiltert. Knapp 5000 Depeschen verschiedener US-Missionen bleiben ebenso unberücksichtigt wie gut 8000 Depeschen des State Departments selbst.

Verbleiben 238.205 Dokumente, die wir in einem zweiten und dritten Schritt einzelnen Ländern und Jahren zugeordnet haben. Das ist relativ einfach, weil Absende-Datum und Absender-Botschaft bzw. Absender-Konsulat in der Dokumentstruktur jeweils eindeutig einem Feld zugeordnet sind.

Die Depeschen verteilen sich über einen Zeitraum von insgesamt fast 50 Jahren, vom 28. Dezember 1966 bis zum 28. Februar 2010. Bis Ende 2001 existiert aber nur sporadischer Depeschenverkehr mit insgesamt rund 2.347 Depeschen. Dann steigt die Zahl bis 2006 von Jahr zu Jahr kräftig an.

Wir haben den Bestand für unsere Zwecke auf der Zeitschiene in drei Perioden untergliedert: Erstens: die Ära Obama vom 20. Januar 2009 bis zum 28. Februar 2010 mit rund 56.600 Depeschen; zweitens: die Ära Bush II (zweite Amtsperiode des US-Präsidenten George W. Bush) vom 20. Januar 2005 bis zum Januar 2009 mit gut 155.000 Depeschen und die gesamte Zeitperiode davor mit gut 26.000 Depeschen.

Regional haben wir - von den Ausnahmen Deutschland und China abgesehen - nicht einzelne Länder untersucht, sondern Ländergruppen gebildet. Dabei haben wir geografisch-politisch-kulturelle Vorlagen benutzt, ähnlich wie sie zuweilen bei der Uno in Gebrauch sind, als da wären:

  • West-Europa (inklusive der EU-Länder)
  • Ost-Europa (ohne EU-Länder) und Zentralasien
  • Südostasien
  • Nordafrika und Mittlerer Osten
  • Afrika südlich der Sahara
  • Amerika (ohne USA)
  • Australien und Neuseeland

Wir finden die zu testende Hypothese bestätigt: Die Depeschenanzahl aus West-Europa inklusive aller EU-Länder nimmt relativ am stärksten ab, die aus Südostasien nimmt am stärksten zu.

(Die Datentabelle mit den absoluten Werten und eine Karte zur Kategorisierung der Staaten finden Sie weiter unten in diesem Artikel.)

Allein China vergrößerte seinen Depeschenanteil unter Obama gegenüber der zweiten Amtsperiode von George Bush von 2,4 auf 3,7 Prozent, das entspricht einer Steigerung von über 50 Prozent!

Und Deutschland?

Auch Deutschland legte kräftig zu, im oben genannten Zeitraum von 0,78 Prozent auf 1,6 Prozent. Das entspricht einer Steigerung von über 100 Prozent!

Fazit: Europa verliert nicht nur wirtschaftlich und militärisch, sondern, wenn man denn unserer Analyse trauen will, auch auf dem diplomatischen Parkett an Bedeutung. Jedenfalls aus Sicht der USA. Letzteres ist anders im Falle Deutschland. Wir registrieren einen starken Anstieg der US-diplomatischen Aktivität. Das Abhören von Kanzler-Telefonen steht dazu nicht im Widerspruch. Man interessiert sich halt.

Note: Eine unbefriedigende Haltungsnote. Wir empfehlen dem deutschen politischen Kommentator mehr Selbstbewusstsein und weniger Selbstmitleid. (4)

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insgesamt 107 Beiträge
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sternfalke77, 07.11.2013
1. Wie er doch heuchelte ...
...bei seinem Besuch in Berlin ! Nochmal dürfte er nicht wieder so freundlich begrüßt werden. Im Nachhinein erkärt sich jedoch diese großformatige Plexigaswand, die unnötig erschien. Bei einem erneuten Besuch, würde sie längst nicht ausreichen !
ArminFendel 07.11.2013
2. Fußabtreter Deutschland
Seit Beginn des kalten Krieges waren beide Deutschen Staaten die Fußabtreter der jeweils darüber stehenden Supermacht. Und wen interessiert schon die Meinung eines Fußabtreters. Es wird Zeit dass Europa an Selbstvertrauen gewinnt damit die US-Regierung merkt dass sie es mit Partnern auf gleicher Augenhöhe zu tun hat. Pech für die USA, dass sie ihren Gläubigern jetzt ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmen müssen.
rieberger 07.11.2013
3. Gut so!
Zitat von sysopREUTERS"Obama ist es egal, was die Deutschen von ihm halten", so oder ähnlich lautet in der NSA-Affäre die Klage über den Stand der transatlantischen Beziehungen. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Wie wichtig sind den USA Europa und Deutschland wirklich? http://www.spiegel.de/politik/ausland/muenchhausen-check-hat-usa-interesse-an-europa-und-deutschland-a-931907.html
Die Spionage-Affäre hat auch etwas Gutes. Endlich wird uns Deutschen der sozialromantisch verklärte Schleier der deutsch-amerikanischen Beziehungen auf ein realistisches Maß zurechtgestutzt. Wir sind nicht so wichtig, wie wir uns selber nehmen (und das ist gut so!) und die USA sind keine Freunde, sondern Partner, die nach ihrer Interessen- und Sicherheitslage Politik machen. Wir müssen unsere Beziehungen nicht komplett auf den Prüfstand stellen aber auf die richtigen Füße. Unsere Nachkriegskomplexe müssen abgelegt werden und wir müssen uns mit der Gegenwart beschäftigen.
cato-der-ältere 07.11.2013
4. Umgekehrt?
Statt immer bang zu fragen ob wir wichtig für die Amis sind, sollte man vielleicht mal fragen wie wichtig diese für uns sind. Vermutlich auch viel weniger als vor 30 Jahren. Und: während die USA sich weltweit einmischen und verlässliche Partner brauchen, die Philippinen oder Vietnam sind da vielleicht nicht so besonders gewichtig, braucht die EU die USA nicht unbedingt für imperiale Gelüste.
marcel2101 07.11.2013
5. Und die Moral von der Geschicht'
Deutsche, seid froh, dass wenigstens noch die Geheimdienste Interesse an euch haben! ;-)
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