Münchhausen-Check: Mursis antizionistische Polemik
Ob er sich für die Äußerung, "Zionisten" seien "Blutsauger", entschuldigen möchte, wurde Ägyptens Präsident in Berlin gefragt. Mursi wiegelte ab, der Satz sei irreführend zitiert worden. Stimmt das? SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck.
Die Staatskrise in Ägypten verschärft sich täglich, deshalb hatte Ägyptens Präsident Mohammed Mursi das Programm seines Deutschlandbesuchs drastisch zusammengekürzt: ein Mittagessen mit Kanzlerin Merkel, ein Gespräch mit Außenminister Westerwelle, fertig. Der Empfang bei Bundespräsident Gauck am folgenden Tag musste ausfallen.
Trotz des engen Terminplans nahm sich Mursi am Abend noch die Zeit, um auf Einladung der Körber-Stiftung vor ausgewählten Gästen zu sprechen und mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo zu diskutieren.
Mascolo konfrontierte den Gast gleich zur Eröffnung mit einer Äußerung, mit der Mursi weltweit für Irritationen gesorgt hat. Es existiere eine zweieinhalb Jahre alte TV-Aufzeichnung, so der SPIEGEL-Chefredakteur, in der Mursi sagte, dass "Zionisten Blutsauger sind, Kriegstreiber, Nachkommen von Affen und Schweinen".
Bereits am Nachmittag bei der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt auf diese Sätze angesprochen, habe Mursi ein "Missverständnis" beklagt. Daraufhin, so Mascolo weiter, habe er sich die entsprechenden Passagen aus dem Original übersetzen lassen, und er könne das Missverständnis nicht erkennen.
Mascolo zu Mursi: "Haben Sie diese Sätze gesagt oder nicht?"
Mursi antwortete, dass er diese Frage während seines Deutschlandbesuchs schon mindestens zum fünften Mal gestellt bekommen und auch in den zwei Wochen zuvor in Kairo schon mindestens zehn Mal beantwortet habe.
Wer aber nun eine klare Ansage erwartet hatte, sah sich getäuscht. Mursi wich der direkten Antwort aus und redete zunächst über die Rechte des palästinensischen Volkes und über israelische Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten. Erst dann kam er zur Frage zurück.
Mursi wiederholte sein Statement vom Nachmittag, dass die ihm vorgehaltenen Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen worden seien.
Dann führte er aus, worauf seine Polemik zielte: Es sei ihm nicht um das "Judentum" oder "die Juden als Anhänger einer Religion" gegangen, sondern um bestimmte Feindseligkeiten und Verhaltensweisen der Besatzer gegen das palästinensische Volk.
Es ginge ihm um Blutvergießen und Mord. Er habe bestimmte Verhaltensweisen der "Zionisten" verurteilen wollen, den Einsatz von Flugzeugen, Bomben und Panzern gegen unbewaffnete Unschuldige.
Andererseits sei er gläubiger Muslim. Und seine Religion verpflichte ihn dazu, an alle Propheten zu glauben, auch an Moses und Jesus, verpflichte ihn, alle Religionen und das Recht der Menschen auf Glaubensfreiheit zu respektieren.
Deshalb stehe er für den Dialog, nicht für eine Ideologie des "Zusammenpralls der Kulturen und Religionen".
Mascolo hakte nach: "Herr Präsident, Sie sagen zwar nicht 'die Juden', aber 'die Zionisten'. Warum nutzen Sie die heutige Gelegenheit nicht, um zu sagen, dass es Formulierungen gegeben hat, für die man sich entschuldigen sollte?"
Mursi geht darauf nicht ein. Er habe nicht von Juden gesprochen, sondern von Zionisten, wiederholt er, und er habe damit eine bestimmte Bewegung gemeint, die immer wieder Feindseligkeiten gegen das palästinensische Volk begehe.
Auch die SPIEGEL-Dokumentation hat sich die umstrittenen Äußerungen Mursis noch einmal prüfend angeschaut. Das fragliche TV-Interview (Memri TV) stammt vom 23. September 2010. Mursi war damals ein international wenig bekannter Muslimbruder. Präsident wurde er erst im Juni 2012.
Mursi wettert in dem Interview eindeutig und ohne jeden Zweifel gegen die israelischen Besatzer, gegen die, wie er sagt, "Zionisten". Er sagt, dass alle Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern nichts gebracht hätten. Die israelischen Besatzer tituliert er in diesem Zusammenhang als "Nachkommen von Affen und Schweinen".
Allerdings richtet er sich nicht gegen Juden oder die jüdische Religion an sich, wie es teilweise fälschlich in deutschen Medien berichtet wurde.
Fazit: Die Äußerungen Mursis sind in Berlin nicht aus dem Zusammenhang gerissen worden. An den Äußerungen des Präsidenten gibt es keinen Zweifel. Mursis Antwort, er habe nur die "Zionisten" und nicht "das Judentum" gemeint, ändert zudem an der geschmacklosen und menschenverachtenden Wortwahl nichts.
Urteil: Ungenügende Ausflüchte und eine verpasste Gelegenheit Mursis zum Dialog zwischen den Kulturen (5)
Mitarbeit: Eckart Teichert
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- Donnerstag, 31.01.2013 – 18:07 Uhr
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