Münchhausen-Check Draghi und die Perversion der Deutschen

EZB-Chef Mario Draghi bescheinigt den Deutschen eine "perverse Angst" vor der Inflation. Einheimische Medien reagierten entsetzt. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Hat Draghi sich in der Wortwahl und in der Sache vergriffen?

Von Hauke Janssen

Mario Draghi :
AFP

Mario Draghi:


Seit Ausbruch der Krise 2008/09 geht in Deutschland erneut eine alte Angst um. Wieder und wieder heißt es: "Jetzt kommt die große Inflation." Doch nichts dergleichen passierte. So jedenfalls rechtfertigte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, im Gespräch mit dem SPIEGEL seine Politik gegen entsprechende Anwürfe.

Zum Beispiel: Als Draghi im Juli 2012 in London erklärte, "alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten", jubilierten zwar die Anleger an der Börse, und der französische Finanzminister Pierre Moscovici begrüßte die Äußerungen als "sehr positiv". Die Deutschen aber hörten nur: Die europäische Notenbank will Staatsanleihen pleitebedrohter Länder aufkaufen.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sprach damals die Befürchtung aus, dass "die Folgen schlechter Haushaltspolitik" einiger Staaten, gemeint waren die Länder Südeuropas, auf die anderer, gemeint war Deutschland, "abgewälzt" werden könnten und hielt Draghis Ankündigung für ein falsches Signal.

"Vorsicht Inflation", titelte bald darauf der SPIEGEL. Doch diese Befürchtung erfüllte sich bisher nicht.

Dann wurde das Inflationsgespenst erneut beschworen, als die EZB im November 2013 den Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent senkte.

Draghi: "Jedes Mal hieß es, um Gottes willen, dieser Italiener zerstört Deutschland. Es gab diese perverse Angst, dass sich die Dinge zum Schlechten entwickeln, aber das Gegenteil ist passiert. Die Inflation ist niedrig, und die Unsicherheit hat sich verringert."

Mit dem Wort von der "perversen Angst" löste er einen medialen Sturm der Entrüstung aus: Eine "böswillige Unterstellung" entdeckte etwa die "Welt".

Die "Berliner Zeitung" verwahrte sich vor dem Vorwurf einer "abnormen, abseitigen, krankhaften Angst". Und die "Zeit" spottete: "Wo bleibt sie denn, die Inflation?"

Tatsächlich liefert die Preisstatistik derzeit eher Argumente pro Draghi: Die Inflationsraten in der Euro-Zone liegen derzeit nämlich deutlich unter der als ökonomisch hinnehmbar geltenden Marge von zwei Prozent.

Draghi steht hierzulande unter verschärfter Beobachtung, seit er im Juni 2011 zum Nachfolger des Franzosen Trichet bestimmt wurde. Man hätte in Berlin lieber Ex-Bundesbankpräsident Axel Weber an der Spitze der EZB gesehen. Doch Weber fand in Europa keine Mehrheit.

Weber quittierte seine Niederlage mit einer Wutrede und trat auch gleich als oberster deutscher Währungshüter zurück: Vor allem dürfte der Rettungsfonds auf gar keinen Fall die Macht erhalten, Anleihen verschuldeter Staaten zu kaufen.

Inflation Euro-Zone

2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013
Januar 1,9 1,9 2,4 1,8 3,2 1,1 0,9 2,3 2,7 2,0
Februar 1,7 2,1 2,4 1,9 3,3 1,2 0,8 2,4 2,7 1,9
März 1,8 2,2 2,2 1,9 3,6 0,6 1,6 2,7 2,7 1,7
April 2,1 2,1 2,4 1,9 3,3 0,6 1,6 2,8 2,6 1,2
Mai 2,5 2,0 2,6 1,9 3,7 0,0 1,7 2,7 2,4 1,4
Juni 2,5 2,1 2,4 1,9 4,0 -0,1 1,5 2,7 2,4 1,6
Juli 2,3 2,1 2,5 1,8 4,1 -0,6 1,7 2,6 2,4 1,6
August 2,4 2,2 2,3 1,7 3,9 -0,2 1,6 2,6 2,6 1,3
September 2,1 2,6 1,8 2,1 3,7 -0,3 1,9 3,0 2,6 1,1
Oktober 2,5 2,4 1,6 2,6 3,2 -0,1 1,9 3,0 2,5 0,7
November 2,3 2,3 1,8 3,1 2,1 0,5 1,9 3,0 2,2 0,8
Dezember 2,4 2,3 1,9 3,1 1,6 0,9 2,2 2,7 2,2
k.A.

Veränderung zum Vorjahresmonat
Quelle: Eurostat

Draghi tat schließlich genau das und zielte damit in das neuralgische Zentrum der deutschen Angst.

Die hat eine lange Geschichte: Sie begann mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als das Reich sich vom Goldstandard löste und die Regierung damals praktisch unbegrenzt von der Reichsbank Geld leihen konnte. Bald traten Preisniveau und Reichsschuld in einen Wettlauf ein, auch weil die Regierung nach dem verlorenen Krieg befürchtete, die Arbeitslosigkeit könne bei einer konsequenten Sparpolitik noch größere Ausmaße annehmen.

Selbst nach der durch die alliierten Siegermächte festgesetzten Unabhängigkeit der Reichsbank änderte sich das nicht. Die Geldpressen der Reichsbank liefen nun - im Mai 1922 - erst richtig heiß. Ende 1923 befand sich die sagenhafte Summe von 496.585.346 Billionen Reichsmark Bargeld im Umlauf, während es noch 1918 nur etwa 33 Milliarden Mark gewesen waren. Der Index der Verbraucherpreise stieg 1923 um mehr als das Milliardenfache. Der Dollar kostete bei seinem Höchststand 4,2 Billionen Mark.

Die Deutschen litten seither, wie es bald hieß, unter einer "Inflationspsychose". Und diese irrationale Angst, so meinte nicht nur Gerhard Kroll, ein früher deutscher Historiograph der Weltwirtschaftskrise, hätte dann Anfang der dreißiger Jahre zur fatalen Entschlusslosigkeit der Regierung Brüning angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit beigetragen und ihr Festhalten an der Spar- und Deflationspolitik bewirkt.

In den USA, so berichtete Nobelpreisträger Paul A. Samuelson, ginge die Redensart um, "dass jeder, der die deutsche Inflation von 1920-23 persönlich erlebt hat, von dieser Erfahrung so beeindruckt ist, dass er nicht mehr objektiv über geeignete Kompromisse zwischen Wachstum und Preisniveaustabilität zu diskutieren vermag".

Seitdem, so glaubt auch Paul Krugman, ebenfalls Nobelpreisträger, leide Deutschland unter einer "merkwürdig verzerrten Wahrnehmung der Geschichte": Jeder erinnere sich an die Hyperinflation. Aber keiner denke an 1932, an Reichskanzler Heinrich Brüning, an die Depression und die Massenarbeitslosigkeit.

Damit wären wir wieder bei der kritischen Vokabel "pervers" angelangt. Das Wort "Perversion" kommt bekanntlich aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt schlicht "Verdrehung", es meint laut Brockhaus erst einmal eine Verkehrung oder Umkehrung im Gegensatz zum Normalzustand. Und genau das halten Samuelson und Krugman und nun auch Draghi der deutschen Ökonomenpsyche in Fragen der Geldpolitik vor.

Fazit: Lassen wir die psychiatrischen und sexuellen Konnotationen der Vokabel "pervers" einmal beiseite, bleibt in Draghis Formulierung ein ernster ökonomischer Sinn zurück. Einer Versachlichung der Diskussion diente seine Ausdrucksweise allerdings nicht.

Deshalb Note: Mangelhaft (5)

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
mxmx 13.01.2014
1. DAX + Immobilienpreise
Dort zeigt sich die Inflation bereits. Es dauert aber eine Zeit, bis das auf den Warenkorb durchschlägt, der zur Ermittlung der Inflation verwendet wird. Bei steigenden Immobilienpreisen muß man aber mit steigenden Mieten rechnen.
Pinin 13.01.2014
2. Leider, leider ...
... wird im Artikel nicht angeschnitten, dass dem offiziellen Inflationsindex ein Warenkorb zu Grunde liegt, der in vielfältiger Weise manipuliert wurde und wird, und der mit den täglichen Lebenshaltungskosten nichts zu tun hat (wenn z.B. Fernseher mehr Technik zum alten Preis bieten werden sie "billiger"; Lebensmittel sind deutlich unterrepräsentiert).
David67 13.01.2014
3. Das ist doch sonnnenklar!
Wenn dragh ide euro "retten" will und Staatsanleihen von Schwachländern kauft, dann jubelt die Börse (denn Gldman und Co haltendiese anleigen und sie sichern damit ihren Gewinn), der französische Minister jubelt auch (denn französische Banken halten solche Anleihen) und vernünftig denkende Deutschesind daggen (weil D für dann über die EZB die Anleihen der Schwachländer haften muss und damit die dortige Party indirekt bezahlt und weil es als verboteten Staatsfinanzierung verboten ist). Der Logik von Draghi folgend, ist es überraschend, das sich B beschwert und A jubelt, wenn ich Eigentum von B zu A umverteile. Draghi ist und bliebt ein richtiger Goldman.
muellerthomas 13.01.2014
4.
Zitat von Pinin... wird im Artikel nicht angeschnitten, dass dem offiziellen Inflationsindex ein Warenkorb zu Grunde liegt, der in vielfältiger Weise manipuliert wurde und wird, und der mit den täglichen Lebenshaltungskosten nichts zu tun hat (wenn z.B. Fernseher mehr Technik zum alten Preis bieten werden sie "billiger"; Lebensmittel sind deutlich unterrepräsentiert).
Weil es nicht stimmt. Qualitätsveränderungen wurden zu Recht schon immer berücksichtigt. Find ich nicht.
buerger2013 13.01.2014
5. Niedrigere
Zitat von sysopAFPEZB-Chef Mario Draghi bescheinigt den Deutschen eine "perverse Angst" vor der Inflation. Einheimische Medien reagierten entsetzt. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Hat Draghi sich in der Wortwahl und in der Sache vergriffen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/muenchhausen-mario-draghi-ueber-die-deutsche-angst-vor-inflation-a-942194.html
Guthabenzinsen zu bekommen ist auch eine Art der Inflation. Wäre ja alles " halb so schlimm ", hätte uns die Politik nicht vor Jahren gezwungen privat unsere Rente zu stabilisieren und gewisse Anlageformen empfolen, die nun auf absehbare Zeit eher ungeeignet sind.
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