Musharrafs Rückkehr Chaosflug mit einem Diktator

Pakistans Ex-Präsident Musharraf ist aus seinem Exil zurückgekehrt - mit einer Linienmaschine von Dubai nach Karatschi. Viele Passagiere wurden zu unfreiwilligen Zeugen der historischen Reise. Bericht von einem Chaosflug.

Aus Karatschi berichtet


Und dann flog er doch. Wie oft hatte Pervez Musharraf, der frühere Präsident und Armeechef von Pakistan, angekündigt, er werde nach Pakistan zurückkehren? Wie oft hatte er seine Pläne kurzfristig abgesagt, aus Sicherheitsgründen? Aber diesmal, zu den Wahlen im Mai 2013, werde er ganz gewiss wieder in Pakistan sein, versprach er in den vergangenen Monaten immer wieder. "Wann, wenn nicht jetzt? Das ist meine letzte Chance."

Er hat sie genutzt, ist wieder da, in der Millionenmetropole Karatschi, seiner Heimat, nach fünf Jahren im selbst auferlegten Exil. Bis am Tag vor der Abreise hatten seine Leute versucht, geheim zu halten, dass Musharraf keine staatliche pakistanische Maschine, nicht einmal ein eigens für seine triumphale Rückkehr gechartertes Flugzeug nutzen, sondern ganz gewöhnlich mit Emirates-Flug EK 606 von Dubai nach Karatschi kommen würde.

Es ist ein Tross von Anhängern Musharrafs im Flugzeug, angereist aus den USA, Kanada, England und aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es scheint, als habe der pensionierte General die größte Fangemeinde in der pakistanischen Diaspora. Manche haben mehrere tausend Dollar ausgegeben, um mit ihrem Idol mitreisen zu können. "Ergreifen Sie die einzigartige Chance, mit General Musharraf an einer Reise teilzunehmen, die Geschichte schreiben wird", warb Musharrafs Team seit Monaten.

"Soll er doch zur Hölle fahren, ich will es nicht!"

Für 2500 Dollar konnten treue Fans ein One-Way-Ticket in der Economy-Klasse kaufen, Dinner am Abend vor der Abreise in Dubai und Fototermin mit Musharraf inklusive. Wer nur beim Essen dabei sein und ein Foto wollte, musste 1000 Dollar zahlen. Und für 250 Dollar gab es immerhin ein Händeschütteln vor dem Abflug. Die Nachfrage nach den teuren Tickets war nicht gerade überwältigend, in den vergangenen Tagen wurde deshalb verstärkt auf Facebook für die "einmalige Chance" geworben. Musharrafs Partei, die von ihm im Londoner Exil gegründete All Pakistan Muslim League (APML), benötigt dringend Geld, um den Wahlkampf zu finanzieren.

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Musharrafs Rückkehr nach Pakistan: Chaosflug mit Diktator
Die Passagiere von EK 606 wundern sich über die vielen Männer - und ein paar Frauen - mit Parteiabzeichen und Musharraf-Ansteckern an der Kleidung. Die Maschine rollt noch nicht, da springen die Fans von ihren Sitzen und brüllen: "Lang lebe Musharraf, lang lebe Pakistan!" Sie tanzen, schreien, feiern. Vergeblich versuchen die Flugbegleiter, für Ruhe zu sorgen.

Zwei Kinder fangen an zu weinen, der Lärm macht ihnen Angst. Der fassungslose Vater verlangt nach neuen Plätzen für seine Familie, doch die Musharraf-Leute, insgesamt etwa hundert, sind über die gesamte Maschine verteilt. Eine ältere Dame sagt: "Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die Taliban ihn zur Hölle schicken wollen. Und nun sitzt der Kerl mit mir in derselben Maschine. Ich finde das unverantwortlich von ihm! Soll er doch zur Hölle fahren, ich will es nicht!"

Die Stewardessen sind nervlich am Ende, als das Flugzeug noch am Boden ist. Eine Flugbegleiterin greift zum Mikrofon: "Meine Damen und Herren, Sie sind herzlich willkommen bei uns an Bord. Aber bitte setzen Sie sich jetzt sofort hin! Ich sage Ihnen jetzt in aller Freundlichkeit, dass Sie unseren Anweisungen zu jeder Zeit Folge zu leisten haben."

Musharraf setzt auf die Armee

Die Musharraf-Leute lachen. Und tanzen weiter. Es beginnt ein Wettbewerb zwischen den einzelnen Kabinen, wer lauter skandieren kann. Erst als ein paar APML-Leute auf die Parteimitglieder einreden, werden sie ruhig und setzen sich wieder. Mit einer halben Stunde Verspätung hebt die Boeing 777-300 ab.

Musharraf startet in eine ungewisse Zukunft. Er will bei der Wahl am 11. Mai kandidieren und wieder die politische Führung übernehmen, die er im Frühling 2009 verlor, als er fluchtartig das Land verließ, aus Angst vor einer Amtsenthebung und vor mehreren Prozessen. Seine Präsidentschaft hatte ebenfalls mit einem Flug in einer Linienmaschine begonnen: 1999 hatte ihn der damalige Premierminister Nawaz Sharif als Armeechef abgesetzt und ihm die Landeerlaubnis verweigert, als Musharraf von einer privaten Reise aus Sri Lanka zurückkam.

Das Militär ließ sich das nicht bieten, nahm Sharif fest, stürmte Fernsehsender und übernahm die Kontrolle über den Flughafen von Karatschi. Musharraf konnte doch noch landen, er erklärte sich zum neuen Staats- und Regierungschef. Der unblutige Putsch dauerte keine vier Stunden. Die Menschen hatten den korrupten Sharif satt, die Bevölkerung stand mehrheitlich hinter Musharraf. Diesmal will er demokratische Regeln akzeptieren. Er ist überzeugt, dass die Menschen ihn wollen. Unabhängige Beobachter sind sich dagegen einig, dass Musharraf ein "Mann von gestern" ist, bestenfalls mit Außenseiterchancen.

Selbst im Militär hält man sich zurück mit lobenden Worten für ihn. Gleichwohl sagen Offiziere, man werde "nicht zulassen, dass unser früherer Chef verhaftet oder Opfer von Terror wird". Die Taliban haben gerade in einem Video angekündigt, Musharraf, den Freund der USA, töten zu wollen. Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani ist Musharrafs direkter Nachfolger auf diesem Posten, Musharraf selbst hat ihn nach seinem Rücktritt eingesetzt. "Ich erwarte, dass das Militär hinter mir steht", sagt Musharraf jetzt.

Meinungswechsel über den Wolken

Keine Viertelstunde nach dem Start hört man von vorne einen Höllenlärm. Musharraf hat seinen Platz in der Business-Class verlassen, er geht, vorne und hinten von seinen Sicherheitsleuten bedrängt, durch die Economy-Class. Seine Fans springen von den Sitzen auf, die Passagiere in den rechten Sitzen drängen nach links. Die Stewardessen sind besorgt, dass das Gleichgewicht der Maschine beeinträchtigt wird. Sie versuchen, die Reisenden zurückzudrängen.

Ein Mann mit langem Bart und im weißen, knielangen Hemd, der vorher noch über Musharraf geschimpft hat ("Der schert sich nicht um den Islam! Das ist ein Mann des Westens!") kramt unter seinem Sitz Pralinen hervor, die er in Dubai im Duty-free-Shop gekauft hat ("Für meine Frau!"), drückt sie Musharraf in die Hand, fällt ihm zum Entsetzen der Sicherheitsleute um den Hals und drückt ihm einen Kuss auf die Wange. Musharraf lächelt verlegen und klopft dem Mann auf die Schulter. So schnell ändert sich in Pakistan die öffentliche Meinung.

Bei manchen Passagieren ist der Ärger verflogen, sie lassen sich mit Musharraf fotografieren und reichen ihm die Hand. Andere sind erst recht wütend. Es gibt kein Frühstück, nicht einmal etwas zu trinken. Die Stewardessen sahen keine Chance, mit den Servierwagen durch die Gänge zu kommen. Den Musharraf-Leuten macht das nichts. Ein paar von ihnen stürmen in die Bordküchen und holen sich einfach, was sie wollen.

Späte Einsicht vor der Landung

Die Meinungen über Musharraf gehen in Pakistan ebenso weit auseinander wie hier im Flugzeug. Man rechnet ihm an, in den knapp zehn Jahren seiner Herrschaft die Wirtschaft vorangebracht und mehrere Reformen angepackt zu haben. Er bekämpfte Korruption und religiösen Extremismus. Seine Kritiker werfen ihm dagegen Menschenrechtsverletzungen vor. Er hat zweimal die Verfassung geändert, um sich an der Macht zu halten, und soll Wahlen gefälscht haben. Außerdem stellte er seinen Gegenspieler, den Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, eigenmächtig unter Hausarrest.

Zur Landung verschwindet Musharraf wieder in die Business-Class, die Reisenden aber wollen sich immer noch nicht setzen. Der Pilot verkündet, er könne so nicht mit dem Landeanflug beginnen. Es dauert, bis alle kapieren, was da gerade gesagt wurde. "Leute, ihr wollt euch doch nicht vorwerfen lassen, dass Präsident Musharraf euretwegen nicht landen konnte!", schimpft einer der einsichtigeren APML-Leute.

Nach zweieinhalbstündigem Flug setzt das Flugzeug in Karatschi auf, die APML-Leute schreien wieder und springen. Die Stewardessen lassen nun jede Höflichkeit beiseite, sie brüllen die Reisenden an, doch in diesem Erfolgstaumel hört niemand mehr auf sie.

Musharraf verschwindet als erster aus der Maschine, er wird an einen geheimen Ort gebracht. Seine Anhänger bleiben am Flughafen, ganz in der Nähe soll am Abend der erste öffentliche Auftritt ihres Helden stattfinden. Bis dahin rufen sie ihre Freude in der Ankunftshalle hinaus. Stundenlang.

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kopfschütteler 24.03.2013
1. Pack Ohrenstöpsel ein - wir fahren nach Pakistan
Pakistan - ein Land, aus Hass geboren. Und was ist das Objekt des Hasses? Mahatma Ghandi. Kann etwas noch beschissener anfangen? Na ja ... und jetzt eben das. Aber mal ehrlich: Mubarak Musharraf Mudiekuh Wen schert's überhaupt noch? Gutmenschen, Ernstnehmer und Bedenkenträger, jetzt bitte kurz wegschauen! So, und jetzt mal ganz unter uns: Könnte man nicht einfach um all diese Dr... länder einen schönen hohen Jägerzaun ziehen und nach 2-300 Jahren mal wieder nachschauen, ob die Brüder zu einem friedlichen Miteinander fähig sind oder ob sie sich mittlerweile alle gegenseitig abgemurkst haben? Würde auf jeden Fall das Leben vieler westlicher Soldaten und Hilfskräfte retten.
bapon1 24.03.2013
2. Ein Nebensatz war entscheidend
Ein Folklore-Artikel, in dem ein Nebensatz entscheidend ist: "ich erwarte, dass die Armee jetzt hinter mir steht." Dieser Satz entlarvt die undemokratische Denkweise das ansonsten liberal scheinenden Mannes. Für Pakistan hoffe ich, dass es nur ein tendenziöses Nicht-Zitat war.
joG 24.03.2013
3. Dummer Weise hat das Land....
....eine Atombombe und eine wehrhafte Opposition mitnamen Taliban. Da gibt es viel, das so schief laufen kann, dass es uns sehr betreffen kann.
sibousiso 24.03.2013
4. Diktator
Diktator muss im pakistanischen kontext kein Schimpfwort sein wenn dieser dieser als MIlitärdiktator die Presse liberalisiert hat, das Militär so ziemlich das einzige ist was funktioniert und diesen Staat überhaupt zusammenhält und die großen Parteien nicht wirklich demokratisch sind, sondern Clans mit feudalistischer Patronagepolitik, Vetternwirtschaft und teilweise auch politischer Gewaltanwendung. Musharaf war der liberalste Staatsführer Pakistans!
derfreitag 24.03.2013
5. alte Zeiten
Zitat von bapon1Ein Folklore-Artikel, in dem ein Nebensatz entscheidend ist: "ich erwarte, dass die Armee jetzt hinter mir steht." Dieser Satz entlarvt die undemokratische Denkweise das ansonsten liberal scheinenden Mannes. Für Pakistan hoffe ich, dass es nur ein tendenziöses Nicht-Zitat war.
Musharraf hat aber wahrscheinlich sogar gute Chancen gewählt zu werden. Seit seinem Rückzug versinkt das Land im Chaos und genauso wie in Ägypten wünscht sich die Bevölkerung die "guten" alten Zeiten zurück. Weil schlechter kann es nicht mehr werden.
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