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Muslim-Führer Ramadan: "Wir müssen der Vernunft mehr Gehör verschaffen"

Die Wut vieler Muslime über die Mohammed-Karikaturen kühlt nicht ab. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Islam-Gelehrten Tariq Ramadan über die Überreaktion und den Antisemitsimus in der islamischen Welt und wie moderate Stimmen stärker Gehör finden könnten.

SPIEGEL ONLINE:

Die Reaktionen der muslimischen Welt auf die zuerst in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlichten und später in anderen europäischen Blättern nachgedruckten Mohammed-Karikaturen haben nicht unbedingt dazu beigetragen, im Westen das Bild vom Islam zu verbessern. Eine Überreaktion der Muslime?

Tariq Ramadan: Ägyptisch-Schweizer Philosoph und Islam-Gelehrter
AP

Tariq Ramadan: Ägyptisch-Schweizer Philosoph und Islam-Gelehrter

Tariq Ramadan: Natürlich. Die Reaktion war viel zu heftig. Ich bin im Oktober nach Dänemark gereist und habe dort muslimischen Führern geraten, nicht emotional zu reagieren, weil die Reaktionen und die Gefühle der Muslime in den Mittelpunkt des Interesses rücken würden. Es wäre für uns am besten gewesen, eine emotionale Distanz aufzubauen. Aber das einzige was man jetzt im Fernsehen sieht, sind wütende Gesichter, Schreie und Zorn. Das ist kein nach vorn gerichteter Weg für Muslime.

SPIEGEL ONLINE: Aber diese Emotionen hängen sicher nicht nur mit ein paar Karikaturen zusammen. Es sieht so aus, als hätte sich angestauter Frust seinen Weg gebahnt. Geht es hier um ein viel grundsätzlicheres Problem?

Ramadan: Natürlich, es begann damit, dass sich ein paar Leute durch die Karikaturen verletzt fühlten. Doch dann gelangten sie in den Nahen Osten. Einige Regierungen dort waren sehr glücklich, sich als die großen Helden des Islam darstellen zu können. Sie taten das natürlich, um beim eigenen Volk zu punkten. Zweitens wollten sie die Aufmerksamkeit ihrer in Diktaturen lebenden Völker in Richtung Westen lenken, um ihnen ein Ventil zu bieten, ihre Frustration ablassen zu können. Und es funktionierte: Es kam zur Konfrontation Muslime gegen den Westen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese enorme Abneigung gegen den Westen?

Ramadan: In der islamischen Welt gibt es eine Reihe von Ländern, etwa Syrien und Iran, die unter enormem Druck des Westens stehen. Die Regierungen stellen sich selbst als Opfer dar und bringen ihre Bürger gegen den Westen auf. In Gaza, um von einem anderen Beispiel zu sprechen, herrscht die Vorstellung, dass der Westen von Demokratie spricht, aber Wahlergebnisse nicht akzeptiert, wenn die Stimmen ausgezählt sind. Hinzu kommt die weit verbreitete Sichtweise, dass Israel zu Lasten der Palästinenser unterstützt wird. Da kommt einiges zusammen und im Ergebnis führt das zu der Wahrnehmung, dass der Kampf gegen den Terrorismus auch ein Kampf gegen die Muslime ist. Die Karikatur Mohammeds mit einer Bombe im Turban war da nicht unbedingt hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Muslime in Europa sprechen auch von einem Anti-Islam-Vorurteil.

Ramadan: Wer als Muslim in Europa lebt, spürt es. Da sind die rechtsgerichteten Parteien - selbst wenn sie nicht viel Unterstützung haben. Aber selbst die etablierten Parteien akzeptieren und vertreten einen Kurs, der von Muslimen als dauerhafter Angriff wahrgenommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch auch eine Reihe von Parteien und viele Menschen, die sich für Toleranz einsetzen und ihr Bestes tun, um Muslime zu integrieren. Warum nur das Negative im Blick haben?

Ramadan: Ich habe lange Zeit gesagt, dass wir Muslime uns von dieser Opfer-Mentalität befreien müssen. Aber sie ist eben da. Und es ist schwer, die Islamphobie und den vorhandenen Rassismus zu ignorieren. Viel gestatten sich das Gefühl, verletzt zu sein, und ihre Reaktion gerät außer Kontrolle. Führende Muslime in Europa tragen die Verantwortung, die Antwort der Muslime auf den Westen und die des Westens auf die Muslime mitzuprägen. Sie sollte freier von Emotionen sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das möglich sein, wenn die muslimische Welt und einige radikale Muslimführer in Europa ständig betonen, dass der Westen Ursache allen Übels ist?

Ramadan: Die mit Abstand meisten Muslime in Europa fühlen sich als Europäer. Mögen sie auch gelegentlich Probleme haben und mit Vorurteilen konfrontiert werden, zeigen sie, dass sie Bürger Europas sind und das Bild vom Islam ändern wollen. Wir müssen diesen Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken als jenen lautstarken Radikalen am Rand, die glauben, dass die Europäer niemals Muslime akzeptieren werden.

SPIEGEL ONLINE: Nur gibt es viele, die jenen Radikalen am Rand zuhören.

Ramadan: Aber viele auch nicht. Die Medien sollten über die Muslime berichten, die versuchen, zu überzeugten Europäern zu werden, und die europäische Kultur akzeptieren. Sie brauchen Hilfe. Der Druck von Medien untergräbt unsere Arbeit: Alle sechs Monate gibt es ein Ereignis, das den Druck verstärkt und den Blick auf die Gefühle und gewalttätige Muslime richtet - wie zuletzt die Mohammed-Karikaturen. Aber diese Ereignisse untergraben den Prozess von Reform und Dialog. Heute gibt es keinen Dialog, da ist keine Debatte. Es ist ein Machtkampf und er ist sehr bösartig.

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